Dienstag , 22. September 2020
Eine Installation von HC Playner in einem Irrgarten von Puppies Puppies. (Foto: ff)

Wappentier frisst Turnschuhträger

Lüneburg. Kunst hat viele Themen, eines ist immer dabei: sie selbst. Die Debatte – oder moderner: der Diskurs – über das, was in Galerien ge zeigt werden sollte und was nicht, gehört zum Wesen des Ausstellungsbetriebes dazu. Nichts ist schlimmer als Plakativität, wenn sie denn nicht ironisch gebrochen wird. Aber das völlige Verweigern alles Verbindlichen, von konkreten Erscheinungen und Aussagen, das soll auch nicht sein. Dieses Spannungsfeld umreißt die Lüneburger Halle für Kunst – zuletzt mit einer dreiteiligen Reihe, jetzt mit der Präsentation „Vom Handeln“.

Besucher des Kunstvereins in einem Hinterhof an der Reichenbachstraße geraten in einen Irrgarten, aufgebaut von Puppies Puppies. Das ist eine anonyme Gestalt, die sich mit Ikonen der Popkultur beschäftigt wie mit dem der zunehmenden Schnelligkeit und Sinnentleerung des Online-Daseins, dabei einen manchmal subtilen, manchmal grotesken Humor entwickelt. Der Irrgarten trägt den Titel „Barriers“, denn er ist barrierefrei, rollstuhlgrecht, hält sich in den Abmessungen an die entsprechenden Vorschriften.

Ausstellungspraxis wird in Frage gestellt

Am Ende lauert eine Installation von HC Playner: eine ausgestopfte Hyäne vor einem Haufen Turnschuhe, hat sie ein paar Jogger gefressen? Die Hyäne ist tatsächlich das Wappentier der „Akademischen Burschenschaft Hysteria zu Wien“ – einem linken, feministischen Satireprojekt, das die Rituale von Burschenschaften kopiert. Und die Schuhe stammen von New Balance, die Produkte der Firma stehen in dem Ruf, ähnlich wie Lonsdale von Neonazis bevorzugt zu werden.

Wer die Querverweise (Hyäne, Turnschuhe) kennt, kann die Nachricht des Objekts „Turn a deaf ear to shoes for white people“ natürlich entschlüsseln. Allerdings ist es gerade ein Anliegen der Kuratoren, eine Ausstellungspraxis in Frage zu stellen, deren Exponate ausschließlich durch Referenzen ihre Gültigkeit bekommen, und deren Künstler weit vom normalen lokalen Publikum entrückt sind und sich nur noch aufeinander (und einen Kreis von Theoretikern) beziehen.

Führung am Mittwoch, 28. März, 18 Uhr

„Vom Handeln“ ist also als Fortsetzung einer Reihe gedacht, die sich mit den Begriffen „Fantasie“, Ausdruck“ und „Authentizität“ beschäftigte. Dabei ging es darum, jene Aspekte herauszudestillieren, die beim Betrachter auf Interesse und Resonanz stoßen. So landeten die Kuratoren, wie sie selbst schreiben, bei Begriffen, die in der Branche „vornehmlich als obsolet und reaktionär“ gebrandmarkt sind. Als Gegenreaktion gelte es aber nun, eine Sensibilität dafür zu entwickeln, eine „neue Empfindsamkeit“ zu vermeiden – auch wenn bei dem Aufruf von Momenten wie „Fantasie“ nicht mehr gleich der Generalverdacht bestehe, einem „hoffnungslos altbackenen Kunstbegriff zuzuarbeiten“. Zwischen dem rein Ästhetischen und dem puren, also kaum darstellbaren Engagement bewegt sich nun das auf Wandlungsprozesse fokussierte Konzept „Vom Handeln“, mit Arbeiten von Will Benedict, Bernadette Corporation, Stephan Janitzke, HC Playner, Puppies Puppies, Ulla Rossek und Diamond Stingily.

Manches mag ein Lächeln, anderes Ratlosigkeit hervorrufen, aber man kann sich die Exponate ja erklären lassen. Außerdem gibt es ein Rahmenprogramm, dazu gehört ein Workshop für Kinder (Sonntag, 25. März, 15 bis 16.30 Uhr), eine Führung (Mittwoch, 28. März, 18 Uhr) und – als Finissage – am Sonntag, 8. April, 16 Uhr, zwei Filme: „Hannah Arendt – Denken und Leidenschaft“ und „Günter Gaus im Gespräch mit Hannah Arendt“.

Von Frank Füllgrabe