Mittwoch , 28. Oktober 2020
Vor Figuren aus dem „Fries der Lauschenden“ stehen 1935 (v.l.) Hugo Körtzinger, Ernst Barlach und der Unternehmer Hermann F. Reemtsma. (Foto: Barlach-Stiftung)

Der eigensinnige Herr Körtzinger

Schnega. Ganz draußen im Südwesten des Wendlands, in der Swinmark, in der Schwundregion, liegt Schnega. Das Dorf macht wenig Schlagzeilen, sieht man ab von einem ins rechte Extrem verwehten Ex-Bürgermeister von Gottberg, der heute im Bundestag Deutschland keine Ehre macht. Es steht in Schnega aber das Haus eines Manns, der ein weitaus spannenderes Leben führte und über den nun ein 30-Seiten-Buch erschienen ist: Hugo Körtzinger (1892-1967), Orgelspieler, Bildhauer, Maler, Schriftsteller, Reisender, Freund von Hermann F. Reemtsma und Ernst Barlach und darüber ein Retter von Kunst, die den Nazis nicht ins braune Weltbild passte.

Das Wendland, bäuerlich und abgeschieden, lockt oft Künstler an, die raus aus dem Getriebe der Großstadt wollen und in der Ruhe künstlerische Kraft suchen. Um 1970 wechselten viele Künstler aus der Berliner Szene herüber, sie färbten den Landkreis Lüchow-Dannenberg bunt. Hugo Körtzinger ist eine Art Vorläufer, er kam nach Studien in Weimar und Jena schon 1914. Anlass der ersten Reise ins Wendland war allerdings die Liebe zu Helene Peltret. Sie heirateten im gleichen Jahr.

Suche nach dem „Gesetz des Seelengrundes“

Schnega wurde für den lebenslang von Selbstzweifeln verfolgten Körtzinger ein Sehnsuchtsort. Er „trachtete danach, sich von den Sensationen der Zeit nicht verwirren zu lassen“, schreibt Helga Thieme in dem mit vielen Fotografien bereicherten Heft „Hugo Körtzinger in Schnega“ (Edition AB Fischer, Reihe „Menschen und Orte“). Körtzinger wollte mit seiner Kunst das „Gesetz des Seelengrundes“ erkunden und lag damit nahe bei Ernst Barlach, den er weit später kennenlernte, was für die Kunstgeschichte ein Glücksfall werden sollte.

Körtzingers eigene Kunst fand lange keinen Widerhall, seine Lebensumstände waren prekär. Die Wende kam 1931: Körtzinger heuerte als Bordmaler beim Norddeutschen Lloyd an. 16 Seereisen führten ihn um die Welt, Freundschaften zu begüterten Kunstmäzenen wuchsen. Lebenslang hielt die zum Zigarettenfabrikanten Hermann Fürchtegott Reemtsma. Körtzinger wurde Kunstberater des Unternehmers. 1934 kommt darüber Ernst Barlach ins Spiel, denn Reemtsma war an der Kunst des in Güstrow lebenden Bildhauers interessiert. Hugo Körtzinger brachte sie zusammen.
In den frühen 30er Jahren hatte Reemtsma das Landgut in Röndahl erworben, es liegt im Wald zwischen Wetzen und Putensen. Barlachs aus neun Holzfiguren bestehender „Fries der Lauschenden“, 1935 als letztes großes Werk entstanden, fand in Röndahl zeitweise eine Heimat.

Freundschaft zu Barlach und Reemtsma

Reemtsma und vor allem Körtzinger ist es zu verdanken, dass zwei bedeutende Barlach-Werke die Nazi-Barbarei überstanden. Der „Geistkämpfer“ und der Zweitguss des von den Nazis eingeschmolzenen „Schwebenden“ wurden heimlich auf dem Gelände in Schnega gelagert, neben weiterer „entarteter Kunst“. Barlach starb 1938, um seinen Nachlasse kümmerten sich mit anderen auch Körtzinger und Reemtsma.

Im Herbst 1945 zeigte Reemtsma in Röndahl unter anderem Barlach-Werke. Weitere Ausstellungen in Röndahl folgten, bevor die Werke an Museen, Archive, Stiftungen gegeben wurden.
Körtzingers zweite große Liebe galt dem Orgelspiel. Dank Reemtsma hatte er sich 1936/37 ein großes Werkstatthaus gebaut, in dem die Orgelbaufirma Walcker nach und nach eine der größten Privatorgeln Deutschlands errichtete. Sie steht noch heute und ist seit 2015 dank einer Restaurierung durch den Körtzinger-Förderverein intakt. Körtzinger spielte, wie Helga Thieme schreibt, bevorzugt Musik von Bach und Reger – und Improvisationen, „welche ins Unendliche verwehten“.

Hugo Körtzinger starb im Januar 1967, auf seinem Grabstein in Schnega steht der so typische wie leicht kryptische Satz, den er schon in einen Balken seines Werkstatthauses geschnitten hatte: „Gott, deiner Musik liebeträchtig Gebild“.

Von Hans-Martin Koch