Sonntag , 20. September 2020
Tochter Elea genießt das Spiel mit ihren Eltern. "Wir wollen nicht unterrichten, sondern Bewegung anbieten", sagt Júlia Cortés. Foto: t&w

Genießen statt kämpfen

Lüneburg. Wer ein Kind bekommt, lernt, dass das große Glück ebenso Verzicht bedeutet: kurze Nächte, Karriere-Pause, weniger Freizeit. Für Francesc Marsal und Júlia Cortés, Balletttänzer am Theater Lüneburg und aktuell in „Amadé“ zu sehen, stand mit der Entscheidung für ein gemeinsames Kind noch mehr auf dem Spiel: ihre Passion. Denn körperliche Fitness und eisernes Training gehören genauso zum Beruf des Profi-Tänzers wie ständiges Reisen und Proben bis spät am Abend. All das fällt nicht gerade in die Kategorie „familienfreundlich“. Trotzdem entschieden sich Marsal und Cortés für ein Baby. Und anstatt Karriere-Aus bringt ihre Tochter Elea sogar neue Impulse in ihr Berufsleben.

Tanzen bestimmte ihr Leben

Als Ballettdirektor Olaf Schmidt 2015 neben Marsal auch seine Partnerin Cortés in das Ensemble des Theaters Lüneburg aufnimmt, hat das Paar neun Jahre Fernbeziehung hinter sich. Die gebürtigen Spanier reisten zuvor quer durch Europa, das Tanzen bestimmte ihr Leben. „Ich habe sehr hart trainiert. Mein Gedanke war immer: Wenn ich im Tanzen erfolgreich bin, bin ich im Leben erfolgreich“, erzählt Marsal. „Es war meine größte Freude und mein größtes Leid zugleich.“

„Ich hatte Angst, was die Schwangerschaft mit meinem Körper macht.“ Júlia Cortés

An Familiengründung war kaum zu denken. Zwar verspürte Marsal schon länger den Wunsch nach einem Kind, doch Cortés fürchtete den Schritt, der in der Karriere einer Ballerina eine Zäsur bedeutet. „Ich hatte Angst, was die Schwangerschaft mit meinem Körper macht“, erzählt die 31-Jährige. „Ich hatte Angst, nie wieder tanzen zu können.“ Deshalb wollte sie abwarten.

In Lüneburg lebt und arbeitet das Paar zum ersten Mal am selben Ort. „Da kam irgendwann der Moment, an dem es mir egal war, was danach ist“, erzählt Cortés. „Wir wollten ein Kind.“ Im Juni 2015 kommt ihre Tochter Elea zur Welt. Marsal und Cortés sind überglücklich, doch es folgen einige harte Monate. „Das erste Jahr mit Elea war Wahnsinn“, erzählt Marsal. „Ich war die ganze Zeit müde, ich habe echt gelitten.“ Schlecht gelaunt geht er zur Arbeit, zu Hause streiten sie viel.

Acht Monate nach der Geburt steht sie wieder auf der Bühne

Nach vier Monaten beginnt auch Cortés erneut mit den Proben, acht Monate nach der Entbindung steht sie wieder auf der Bühne. Ihre große Angst erweist sich als unbegründet. „Nach der Geburt hatte ich schnell wieder meine alte Figur. Und der Körper weiß genau, was zu tun ist“, erzählt sie.

Francesc Marsal mit seiner Tochter Elea. Seitdem sie vier Monate alt ist, begleitet sie ihre Eltern in den Ballettsaal. Foto: t&w
Francesc Marsal mit seiner Tochter Elea. Foto: t&w

Tagesmutter und Babysitter ermöglichen, dass beide ihren Beruf weiter ausüben können. „Das kostet viel Geld, aber nur so funktioniert es“, sagt Marsal. Auch von den Kollegen erfahren sie Unterstützung. Wenn Elea sie zu Proben begleitet, passen alle mit auf. Kinder im Ballettsaal kennt man am Theater bereits, auch Tanz-Kollegin Claudia Rietschel ist Mutter. Doch Cortés weiß: „Ich könnte sicher nicht mehr in einem großen Ensemble tanzen wie früher, dort geht es nicht so familienfreundlich zu wie hier.“

Mit den Monaten verändert sich etwas bei den jungen Eltern. „Ich habe akzeptiert, dass das jetzt ein anderes Leben ist, dass es nicht mehr nur um mich geht.“, sagt Marsal. Mit dieser Erkenntnis fällt der Druck der letzten Jahre von ihm ab. Der Zwang zu tanzen sei verschwunden, sagt der 35-Jährige. „Jetzt tanze ich so, wie ich mich fühle.“ Das hieße zwar, dass er nicht mehr so viel auf der Bühne stehe. Dafür könne er mit seiner Tochter und seiner Frau zusammensein. „Das war wie eine Offenbarung für mich. Ich muss nicht mehr kämpfen, ich darf genießen. Und trotzdem habe ich das Gefühl, mein Tanz ist jetzt reifer, freier, mit mehr Qualität.“

„Jetzt tanze ich so, wie ich mich fühle.“ Francesc Marsal

Seine Partnerin empfindet ähnlich. Zwar genießen beide nach wie vor die Auftritte vor Publikum, doch die Erfüllung finden sie, wenn sie mit ihrer Tochter durch den Raum wirbeln, frei zur Musik tanzen und akrobatische Kunststücke ausprobieren. Oft versucht Elea, heute zweieinhalb Jahre alt, die Übungen ihrer Eltern zu imitieren. Die gemeinsame Bewegung ist zur eigenen Kommunikationsform zwischen ihnen geworden – und hat Folgen.

Workshops für Kinder und Eltern

Elea versucht, die Bewegungen ihrer Eltern nachzumachen. Foto: t&w
Elea versucht, die Bewegungen ihrer Eltern nachzumachen. Foto: t&w

„Das macht solchen Spaß, dass ich plötzlich die Idee hatte, diese Freude mit anderen Familien zu teilen und Workshops zu geben“, so Marsal. Gemeinsam entwickeln sie ein Programm aus Tanz, Akrobatik, Feldenkrais und Yoga unter dem Titel „MovingKids“, das die körperliche Interaktion und Sprache zwischen Eltern und ihren Kindern stärken soll.
Diese Idee verbindet sie nicht nur mit ihrer Tochter, sondern lässt die beiden Ballett-Profis auch neu in die Zukunft schauen. Sie sei jetzt viel offener, sagt Cortés. Und Marsal gibt zu: „In der Vergangenheit habe ich viel darüber nachgedacht, wann ich aufhören soll, professionell zu tanzen.“ Das tue er jetzt nicht mehr.

Weitere Informationen zum Projekt von Cortés und Marsal gibt es unter www.movingkids.info.

Von Katja Grundmann