Freitag , 23. Oktober 2020
Jutta Timm hat über Jahrzehnte Büchern für junge Leser Gesicht und Farbe gegeben. „Das hat mich jung gehalten.“ Foto: nh

Malerin der strubbeligen Helden

Betzendorf. Zwischen Tisch und Stuhl wuselt Morten umher. „Wenn Sie ihn jetzt streicheln, werden Sie ihn nicht mehr los“, warnt Jutta Timm. Also Morten, den Spr inger-Spaniel, ignorieren! Er trollt sich auf seine Decke, behält alles im Blick. Jutta Timm hat auf dem Tisch einen Berg an Büchern ausgebreitet. Sie stecken voll starker Geschichten und sind bunt, fröhlich bunt. Jutta Timm, Jahrgang 1945, ist Illustratorin von Kinderbüchern, eine der erfolgreichsten im Land. Sie lebt in Hamburg, am Wochenende in Betzendorf. „Mein Mann ist Jäger“.

Das ist nicht zu übersehen, an der Wand, über der Tür Geweihe. Rehe, Rehe, Rehe überall in diesem hutzeligen, hyggeligen Haus am Wald, das auch in Bullerbü stehen könnte. Bullerbü ist das Stichwort. Astrid Lindgren also. Ja, für die Lindgren hat Jutta Timm auch Aquarell- und Acrylfarben gerührt. Illustrationen folgen immer einer schon existierenden Geschichte, sie erweitern, erfrischen, machen neugierig. Aber die Bilder können durchaus mehr, sie können für den zweiten Blick eine eigene Geschichte erzählen, ohne den Text zu verletzen.

Kostümbilderin wollte die in Cuxhaven geborene Künstlerin werden, „das hat nicht geklappt“. Sie studierte Grafik und dann war da etwas mit einem Skiunfall, Kreuzbandsriss, ganz fürchterlich. Aber in dem Kontext stieß Jutta Timm auf Ursel Scheffler, eine Autorin von Kinderbüchern. Ursel Scheffler hatte Pläne für ein neues Buch, „das hatte scheußliche Illustrationen“. Kaum gesagt, schon Auftrag bekommen und erfüllt. „Das hörte dann nicht wieder auf“, Jutta Timm war im Geschäft. Sie kann kaum zählen, wie viel Büchern sie Figuren und Farbe gegeben hat. Mehr als 80 werden es locker sein. Die Lindgren, Kirsten Boie, Mirjam Pressler, sie haben alle Jutta Timm gebucht – und immer wieder Ursel Scheffler, die in diesem Jahr 80 wird und auf einen Schatz von 300 Büchern blickt. Einen ihrer größten Hits hatten Scheffler/Timm schon 1975: „Alle nannten ihn Tomate“. Im Laufe der Jahre erschien „Tomate“ in verschiedenen Verlagen, und in den USA bekam das Buch einen Preis.

Im „Tomate“-Buch sind sie schon zu sehen, die typischen, liebevollen Timm-Figuren, die gemütlich molligen, die schlanken nervigen, die Strubbelhaarigen, aber strubbelig sind sie eigentlich alle. „Mich haben immer die Menschen interessiert“, sagt Jutta Timm. Ihre Menschen streifen und wuseln durch Straßen, in denen die Häuser etwas schief stehen. Oft lauern kleine Gags in den Bildern, auch Insider-Gags, wenn sie etwa ihrem Hund ein Denkmal setzt. Typisch Timm sind auch die Perspektiven, sie lenkt den Blick schräg von oben, auch mal von unten auf ihre Helden. Etwa bei Kirsten Boies „Nee! sagte die Fee“, auch längst ein Klassiker.

Illustrator ist wie Übersetzer zuerst mal ein Hintergrundberuf. Groß steht der Namen des Autors auf dem Deckel, klein der des Illustrators, manchmal auch erst im Inneren. Das kennt Jutta Timm, aber es ist ja nicht immer so. Manchmal steht ihr Name sogar vor der Autorin. Das passiert natürlich bei Bilderbüchern, aber sonst nur den Illustratoren, die sich einen Ruf ermalt und erzeichnet haben.

Jutta Timm kramt noch nach einem Buch, eine Übersetzung ins Koreanische. Draußen vorm Fenster herrscht derweil ein munteres Gewusel an Meisenknödel, Futterglocke und was die Vögel nicht nur im Winter anlockt. Meise, Spatz, Rotkehlchen, alle sind da, es kommt sogar ein Buntspecht vorbei.

Tiere sind gute Identifikationsfiguren

A propos Tiere: Sie spielen beim Illustrieren von Kinderbüchern eine große Rolle als Identifikationsfiguren. Moritz Maus, Krümeldrache Flitzeflatz, Emma und der halbe Hund oder sogar: „Ein Stier im Wohnzimmer“. Jutta Timm hat einen genalten Zoo geschaffen.

Viele der Bücher haben eine Botschaft, viele sind längst Schulmaterial geworden. Für „Zafira – Ein Mädchen aus Syrien“ zum Beispiel besuchte Jutta Timm mit Autorin Ursel Scheffler Flüchtlingscamps in Hamburg. Die Menschen in diesem Buch sind farbig, die Umwelt bleibt grau.

Jutta Timm hat nach 35 Jahren Selbstständigkeit eigentlich mit dem Illustrieren aufgehört, Eigentlich. Ab und an aber wird ihre Kreativität nach wie vor gefordert. „Arbeiten zu machen, die mich zu hundert Prozent gefordert haben, die Emotion und Verstand verlangten, das hat mich jung gehalten“, sagt sie. Das Berufsbild hat sich indes gewandelt. Heute ist oft nicht mehr die Reinzeichnung gefragt. „Meine jungen Kollegen gestalten ihre Arbeiten zunehmend auf dem Computer, und Sie können mir glauben, es gibt inzwischen auch Perfektionisten, die ihr Handwerk beherrschen und großartige Bücher gestalten“, sagt Jutta Timm. Wie sehr Bilder die Welt fluten, das sieht sie indes nicht nur positiv: „Fast jedes Kind hat ein Handy, und die Spiele darauf schaffen inzwischen Süchte, die wir kaum noch beherrschen können.“ Das Gegenmittel gibt es: Bücher mit anregenden, ruhigen, Kreativität fordernden und fördernden Bildern.

Von Hans-Martin Koch