Sonntag , 27. September 2020
Sara (Dorothea Maria Müller) kann sich nicht entscheiden: Sex-Explosionen mit Tom (Steffen Neutze) oder Familienidyll mit Michael (Kristian Lucas). Foto: Theater/t&w

Das Dunkle zieht mit Macht

Lüneburg. Sex findet in 99,99 Prozent aller Fälle hinter geschlossenen Vorhängen statt. Sex auf der Bühne, das ist so eine Sache. Das erotische Britzeln, das le ibliche Verlangen und gar die pure Gier, sie funktionieren auf dem Theater sehr, sehr selten. Doch das Musical „Murder Ballad“ und seine Inszenierung im T.NT des Theaters zielen auf das Physische, auf den Zusammenprall der Leiber, auf pure Lust und letztlich auf das Dunkle, das nicht zum Hellen passt.

Kein Mensch ist frei von dunklen Seiten, ob die sich nun in Phantasien, Süchten oder anderen Grenzüberschreitungen äußern. Sara, die Frau, um die sich im Musical alles dreht, lebt ihre Lust mit dem Barmann Tom aus. Aber das Saufen und Körperraufen wird irgendwann schal. Sara steigt aus der blau leuchtenden Bar der Nacht in den hellen Tag, lernt einen Lyriker kennen und auf sanftere Art lieben. Sara wechselt das durchsichtige Top gegen die hellblaue Bluse. Sie wird Mutter, das Leben geordnet, gutbürgerlich – und langweilig. Doch die alten Dämonen, sie schlummern nur und lang ist die Nacht.

Es ist eine oft strapazierte hollywoodige Konstruktion, die Julia Jordan und Juliana Nash in ihrem Off-Broadway-Musical nutzen. Eine Frau zwischen zwei Männern, hin und her gerissen zwischen der einen Sehnsucht, die Tabus testen will, und der anderen, die Harmonie verspricht. Das Geschehen in „Murder Ballad“ wird zum Glück nicht mit Schnulzmusik aufbereitet, sondern rockig. Trotzdem funktioniert der Abend erst so richtig, als die Konkurrenz der Kerle mit Schmackes aufbricht.

Es kommt zum Showdown in der Bar

Friedrich von Mansberg führt Regie. Er hat auf die Bühne eine Bar gebaut und in kaltes blaues Licht getaucht. An der Bar, die eine gute Idee ist, sitzt vor Beginn die Band, und Regina Pätzer als Barfrau schenkt schon kräftig Gin und so ein. Pätzer wird im Stück zugleich zur Erzählerin. Sie bekommt als Barfrau keinen Namen, wird auch vom Chef Tom nicht wirklich wahrgenommen. Schon zu Beginn singt Pätzer – mit spürbar klassisch geschulter Stimme – davon, dass hier demnächst jemand reif fürs Grab ist. Sie deutet an, was am Ende Tat wird.

Das Getriebe in der Bar, irgendwo in New York, aber bestimmen Sara und Tom, sie sexy, er in Lederjacke und Tanktop mit Rolling-Stones-Zunge. Sara, das ist Dorothea Maria Müller, Tom wird von Steffen Neutze verkörpert. Ihre Körper knallen also aufeinander, aber so sehr sie sich bis hin zum Fesseln und zum Schlagen bemühen, es sieht doch eher aus wie eine Versuchsanordnung. Sie setzt sich fort in Saras braver Lebensvariante mit dem Lyriker Michael, den Kristian Lucas spielt.

Wenn diese Versuchsanordnung zeitraffend hin und her und her und hin durchgebraten ist, wird daraus doch noch ein packendes Stück. Endlich platzt Michael der gebügelte Kragen, es kommt zum Showdown. Plötzlich brechen sich Wut, Enttäuschung und Verzweiflung Bahn. Der eine zückt ein Messer, die Barkeeperin tischt einen Baseballschläger auf und schwingt ihn selbst, die Nerven liegen blank. Dann kracht der Schläger auf einen Schädel. Licht aus. Stück aus. Nach 80 durchgepowerten Minuten.

Müller, Neutze, Lucas hängen sich wie Regina Pätzer voll ins Stück rein. Wenn die erfahrene Musicalfrau Dorothea Maria Müller dazu kommt, innere Qualen zu zeigen, gewinnt der Abend enorm. Müller war in Lüneburg zuletzt als Evita zu erleben, jetzt singt sie rockig, und ihre Stimme passt perfekt. Ob sich Steffen Neutze in der Rolle des lange endimensionalen Tom wohlfühlt, ist nicht ganz klar, aber stimmlich läuft die Sache rund – mit leichtem Maffay-Timbre. Kristian Lucas bleibt lange eher blass, bis es zur Abrechnung kommt, da ist er in Spiel und Stimme mörderisch präsent.

Kleine symbolische Szenen zur Vertiefung

Mansberg streut zwischendurch kleine symbolische Szenen ein – etwa mit Puppen, die gemeuchelt werden. Er baut auch eine stumme Rolle ein, die einer jungen Frau (Ishbel McMurtrie), die ihr Tattoo in die Bar spazierenführt und so entgeistert wie fasziniert zu sein scheint. Das Dunkle, es zieht eben mit Macht.

Im Hintergrund agiert unaufgeregt, passgenau und akustisch gedrosselt eine Band, die Daniel Stickan von den Tasten aus leitet. Mit Martin Dormann (Gitarre), Jonas Krischke (Bass) und Moritz Constantin (Schlagzeug) gibt Stickan den Songs Farbe, soweit sie es zulassen. Es gibt am Ende ausgiebigen, freundlichen Applaus.

Von Hans-Martin Koch