Freitag , 23. Oktober 2020
Britt Focht (links) und Stefanie Schwab putzen. Matthias Herrmann schaut, ob sie das gut machen. Er ist der Regisseur. Foto: lz/

Die da oben, die da unten

Lüneburg. Trump gab mal wieder den Ausschlag. „Es kommen zurzeit Dinge auf den Plan, die tiefe Grabenkämpfe auslösen“, sagt der Schauspieler Matthias Herrmann, der in diesem Fall als Regisseur spricht. Herrmann inszeniert im T.NT des Theaters Lüneburg ein Stück, das Zwänge eines Systems schildert, in dem das Oben und das Unten wichtig sind. „Augusta“, eine Komödie von Richard Dresser, führt nach unten, zu Händen und Füßen, die den Boden schrubben.

Ob es nun eine Komödie ist oder eine Farce oder eine bitterböse Satire, darüber haben Dramaturgin Hilke Bultmann, die auf das Stück stieß, und Matthias Herrmann diskutiert. Was es denn nun wirklich ist, das klärt sich bei der Premiere am Freitag, 27. Oktober. Dresser, ein amerikanischer Autor, schrieb „Augusta“ als ersten Teil einer Trilogie über die Unter-, Mittel- und Oberschicht. Es beginnt unten.

Molly arbeitet im Dienst einer globalen Putzfirma, die eine „Goldene Garantie“ gibt: Das Personal putzt auf Händen und Knien, sauberer geht‘s nicht – angeblich. Molly hat Rücken, aber sie ist nun Teamleiterin und weist Claire den Weg auf die Knie. Claire dagegen ist jung, plietsch und will nach oben. Als ihr karrieregeiler Chef Jimmy Claire zur Jahrestagung nach Augusta mitnehmen will, wittert sie ihre Chance. Aber es kommt natürlich alles anders.

Bitterkomische Stücke über die Arbeitswelt stehen in jüngerer Zeit häufig auf den Spielplänen. Zwei Beispiele von mehreren, die in Lüneburg liefen: Thomas Ney brachte gerade „Kaspar Häuser Meer“ über gnadenlos überforderte Sozialarbeiterinnen in die KulturBäckerei. Mit der „Grönholm-Methode“ spiegelte das Theater zur weiten Welt im Freiraum die fiesen Tricks bei Bewerbungen um attraktive Jobs. Nun führt also „Augusta“ in die Welt der Jobs, die keiner gerne macht und in denen Menschen malochen, die dem System der Ausbeutung eher hilflos gegenüberstehen. Molly und Claire werden sich wehren.

Vor allem als Schauspieler kam Matthias Herrmann 2010 nach Lüneburg. Er ist jetzt 55 und damit der Mann für die Vater-, Chef- und Königsrollen, aktuell spielt er den Kreon in der fesselnden „Medea“-Inszenierung. Herrmann war in Lüneburg als Konsul Buddenbrook zu sehen, stand aber auch mal als Agatha Christie auf der Bühne. Er kennt das Metier aus allen denkbaren Rollen. Demnächst ist er im „Sams“ zu sehen, in der „Vermessung der Welt“ und im „zerbrochnen Krug“.

Studiert hatte er an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, und als er später mit einer DDR-Produktion in der BRD gastierte, erfuhr er in Esslingen: Honecker ist zurückgetreten. Wie es Genosse Zufall will, sollte er in Esslingen bald darauf ein Engagement haben.

Laut seinem Lüneburger Vertrag steht Herrmann das eigene Inszenieren zu. Häufig fallen seine Studio-Inszenierungen ins Komödienfach, dazu zählten „Gretchen 89 ff.“ und „Shakespeares Werke (leicht gekürzt)“. Nun „Augusta“. Herrmann umreißt die Themen im Stück: „Es geht um Sehnsüchte, Zwänge, Neid, Ellenbogen, Abhängigkeit und die Unfähigkeit, das eigene Leben sinnvoll zu gestalten bzw. zu ändern.“ Auf der Bühne setzen das Britta Focht als Molly, Stefanie Schwab als Claire und Yves Dudziak als Jimmy um. Für Bühne und Kostüme sorgt Barbara Bloch. Das Stück bleibt bis Mitte Februar auf dem Spielplan.

Von Hans-Martin Koch