Freitag , 7. August 2020

Theater Lüneburg: Gute Besuchszahlen, bitterer Beigeschmack

Lüneburg. Weit schweift der Blick zurück, um eine ähnliche Zahl zu finden: 110 601. Das ist die Zahl, die das Theater freut. So viele Besucher kamen zuletzt 1993, als Lüneburgs Kulturszene weit weniger bot als heute. Nachgeschaut hat Volker Degen-Feldmann, Co-Geschäftsführer des Theaters und der Mann, der die Zahlen kennt und Bilanz der Spielzeit 2016/17 zieht: „Wir liegen über den Soll-Zahlen, generieren also Mehreinnahmen“, sagt Degen-Feldmann. Dass am Ende der nächsten Spielzeit dennoch ein sattes Minus stehen wird, mutmaßlich 268 380 Euro, das ist die andere Seite der Medaille.

Es sind in erster Linie Personalkosten, die den Erfolg wegfressen. Steigen die Tarife, muss das Theater mit, auch wenn das ein Loch reißt. Verhandlungen mit dem Land über eine Kompensation laufen, und ohnehin muss noch in diesem Jahr begonnen werden, das Grundsätzliche zu besprechen. Der Vertrag zwischen Land und den kommunalen Trägern Stadt und Landkreis läuft 2018 aus. Wie es dann auf welcher Basis weitergeht, entscheidet die Politik. Man rede konstruktiv miteinander, sagt Degen-Feldmann.

„Jenseits von Eden“ enttäuschte

Die 110 601 sind bei solchen Gesprächen ein gutes Pfund. Ein Pfund draufpacken lässt sich beim Vergleich der Daten mit den Bühnen in Land und Bund. Seit Jahren zählt das Theater Lüneburg zu den Häusern mit den besten Quoten in Fragen der Wirtschaftlichkeit. Trotzdem: Theater ist als kulturelle Grundversorgung zu sehen wie das SaLü für die gesundheitliche. Das kostet – 62 Euro pro Platz. Das Geld sichert die Kunst und die Arbeitsplätze.

Das Plus bei den Besuchern beträgt im Jahresvergleich 5010 mehr verkaufte Karten für das Große Haus, das TNT und das T3 – bei insgesamt sechs Vorstellungen mehr. Stark zugelegt hat im Großen Haus das Schauspiel. „Frau Müller muss weg“ erzielte mit 95.8 Prozent verkaufter Karten sogar eine bessere Auslastungsquote als das traditionell starke Musical. Das war in diesem Jahr „Evita“. Dort waren 93,8 Prozent der Plätze belegt, was bei 18 Vorstellungen zu weit mehr als 9000 Besuchern führte. Mehr Besucher erreichte nur das Weihnachtsmärchen: 15 507. Sehr gut lief im Schauspiel „Effi Briest“ (Auslastungsquote: 88,6), passabel das zeitgenössische Stück „Der goldene Drache“ (70,6), deutlich unter den Erwartungen blieb „Jenseits von Eden“ (60,6).

Im Bereich Musiktheater/Ballett gelang mit der Produktion „Schlafes Bruder“ Hervorragendes: 5962 Besucher kamen zu den zwölf Vorstellungen (Auslastungsquote 92.0). Dagegen lief die Oper „Othello“ enttäuschend: 4150 Besucher bei zwölf Vorstellungen (64,0 belegte Plätze). Kein Wunder, dass mit „Figaro“ und „Carmen“ für die kommende Saison Genre-Kracher ausgesucht wurden. Den Erwartungen entsprach das „Weiße Rössl“ (Quote: 88,8).

Fast immer ausverkauft: Musiktheater mit der Leuphana

Gute Zahlen liefert das Ballett von Olaf Schmidt. Seine Produktionen „Die Geschichte von Blanche und Marie“ (70,3) und „Laura oder immer Ärger mit dem schwarzen Schwan“ (80) stärken den Ruf der Truppe. Bei „Kunst ver-rückt Tanz“ war im T.3 bei 98,7 Prozent verkaufter Plätze die Nachfrage kaum zu stillen, ähnlich beim Kinderballett „Aladin“ (97,4).

Ausverkauft sind fast immer und durchweg die Musiktheaterproduktionen, die mit der Musikschule bzw. der Leuphana produziert werden. Die Kooperationen sind Hitgaranten und zeigen, dass junges Theater nicht nur bei Kindern gut läuft: „Oliver!“ (99,3) und die „Addams Family“ (99,0) gehören in Sachen Quote zu den Top-Stücken der Saison. Die Kinderstücke liefen bis auf „Aprikosenzeit“ (44,4) gut, beim Puppentheater ist eine leicht rückgängige Quote (54,3) zu verzeichnen.

Ganz oben im T.NT lagen Philip Richerts „Viva la Diva“ (99,2) und Burkhard Schmeers „Kleines Weihnachtsspektakel“ (99,1). Humor läuft gut. Auch „Shakespeares sämtliche Werke leicht gekürzt“ (98,5) zeigt das. Da hängen die ernsten Stoffe zurück – wie „demut vor deinen taten baby“ (65,4) oder „Am schwarzen See“ (33,9).

In Lübeck wurde von einem negativen Elphi-Effekt bei den Konzerten gesprochen. Das ist bei den Konzerten der Lüneburger Symphoniker nicht zu sehen, sie stießen auf steigenden Zuspruch. Ob Musikdirektor Thomas Dorsch aber gut beraten ist, die Meisterkonzerte vom Traditionstermin Sonntag 19 Uhr wegzunehmen und auf den ohnehin mit Kultur stark bestückten Sonnabend zu legen, das wird die kommende Spielzeit zeigen. Sie beginnt am 27. August um 11 Uhr mit einem „Elefantenpups“, dem Kinderkonzert zum Theaterfest.

Die ersten Termine der Spielzeit 2017/18

▶ 27. August: Theaterfest, ab 11 Uhr.

▶ 2. September: Theatercafè im Foyer, 17 Uhr.

▶ 10. September: Konzert der Lüneburger Symphoniker als Norddeutsche Kammerakademie, Musikschule, 11.30 Uhr.

▶ 15. September: Premiere „Der Schwächere“, für Kinder ab zehn Jahren, T.3, 10 Uhr.

▶ 16. September: Premiere „Die Hochzeit des Figaro“, Oper von Wolfgang Amadeus Mozart, 19 Uhr.

▶ 22. September: Premiere „Medea“, Tragödie von Euripides, 20 Uhr.

Von Hans-Martin Koch