Donnerstag , 1. Oktober 2020
Das Buch listet auf, was in Lüneburg geschrieben steht. Foto: nh

Auch Steine können sprechen

Lüneburg. Auf den ersten Blick scheint es eine Randwissenschaft zu sein. Auf den zweiten auch, aber wie immer, wenn sich der Blick schärft, wird Bedeutung sichtbar. Seit vielen Jahren kümmert sich eine fächerübergreifend arbeitende Inschriftenkommission um ein Erbe der Geschichte, das kleinteilig und oft verborgen ist, aber doch viel mitzuteilen hat vom Leben und Selbstverständnis einer Stadt, einer Region. Jetzt erschien Band 100, der aus zwei Bänden besteht, 1072 Seiten stark ist und 1012 Katalognummern aus Lüneburg enthält, alle stammen aus der Zeit vom 10. Jahrhundert bis 1650 – ein gehobener Schatz.

Was auf Häusern steht und auf Grabsteinen, auf Glocken und Bildern und Balken und Kelchen, alles hat Dr. Sabine Wehking gesucht, entziffert, oft aus dem Lateinischen übersetzt, sortiert und kommentiert. Knapp ein Drittel aller nachweisbaren Inschriften in Lüneburg sind noch erhalten. Andere konnte sie anhand von Überlieferungen dokumentieren, wie die Forscherin jetzt im voll besetzten winterkalten Fürstensaal erläuterte. So nebenbei korrigierte sie in einem Punkt die Lüneburger Geschichtsschreibung, ausgehend von einer nahezu komplett verwitterten Grabplatte, die an der Außenwand von St. Johannis hängt.

Es geht um den durch sein Schicksal berühmt gewordenen Bürgermeister Johann Spring­intgut, der als „Märtyrer des Prälatenkrieges“ 1455 starb. Springintgut wurde im Laufe der Auseinandersetzungen zwischen Rat und Geistlichen, den Eigentümern der Salzpfannen, aus dem Amt getrieben und eingekerkert. Springintgut starb wenig später in Haft und wurde, so kann man lesen, in ungeweihter Erde auf dem Michaelisgelände verscharrt. 1463, so die Chroniken, sei Springintgut exhumiert und feierlich in St. Johannis beigesetzt worden. Dr. Wehking fand nun heraus, dass manches an der gern ausgeschmückten Geschichte so nicht stimmt. Die Quellenlage zeige zum Beispiel, dass Springintgut zwei Jahre früher, also 1461, in die Johanniskirche überführt wurde. „Ich würde mir sehr wünschen. dass die Grabplatte in die Kirche kommt und mit einer Erklärung versehen wird“, sagte Dr. Wehking.

Auch für das Rathaus hatte sie ein längst verschwundenes Inschriftenprogramm ausfindig gemacht und via Fotomontage schon mal platziert. Bürgermeister Eduard Kolle, der die zu einer Tagung gekommenen Historiker im Saal begrüßt hatte, wird es zur Kenntnis genommen haben.

Inschriften spiegeln natürlich das Leben der Patrizier, der oberen Einhundert, sie sind Ausdruck von Dank, Erinnerung, Ehrung, Glauben und nicht minder von Stolz, Standesbewusstsein und Repräsentation. Für die Geschichtsschreibung ist die Aufarbeitung zweifellos äußerst wertvoll. Gewidmet hat die Epigraphikerin Dr. Wehking ihre über sieben Jahre erstellte akribische Arbeit dem 2011 gestorbenen Lüneburger Museumsdirektor Dr. Eckhard Michael. Er hatte zum Thema erhebliche Vorarbeiten geleistet. Das Buch, finanziert von Klosterkammer, Sparkassenstiftung Lüneburg und VGH-Stiftung, erschien im Dr. Ludwig Reichert Verlag und kostet 99 Euro.

Von Hans-Martin Koch