Samstag , 26. September 2020
Tamaki Watanabe und Walter Zurborg justieren im Kunstraum Tosterglope ihre Installation „Sophise`s Humming“.

Die reine Funktionalität

Tosterglope. Die Ausstellung ist aufgebaut, die Installationen sind installiert, nur die Titel fehlen zum Teil noch. Das ist Programm bei Tamaki Watanabe und Walter Zurborg. Denn wie sie ihre komplexen Objekte nun deuten, erörtern sie zum Schluss. Aber bis zur Vernissage am Sonnabend um 18 Uhr im Kunstraum Tosterglope ist ja auch noch ein wenig Zeit. Allerhand zu hören, gucken und begreifen gibt es schon jetzt.

Sounds für Rockfans und für Jazzer

„RandomScape“ heißt die Präsentation, der Random-Mode, der Zufall also, spielt also eine Rolle. Kinetische und akustische Konstruktionen bewegen sich wie von Geisterhand – meist von einem kleinen Computer und Elektromotoren – bewegt, Räder rotieren, Hebel wandeln die Drehbewegung in ein Auf und Ab, Glasplatten zittern, Steine klackern, Kugel rollen durch langsam wiegende Holzrillen, lösen durch ihre kantigen Golfballstrukturen in ihrer Spur Vibrationen aus, diese Schwingungen werden von gespannten Drähten auf E-Gitarren-Tonabnehmer übertragen.

Was nun Klang geworden ist, läuft über Effektgeräte in einen Verstärker, der den Sound in die Galerie hinausbläst. Zwei Mechaniken erzeugen hier im Wechsel zwei fette Akkorde, die auf den Endpunkt schlagenden Kugeln sorgen für Rhythmus, man kann sich über die harmonischen Zusammenhänge streiten, Hardrock-Fans jedenfalls hätten hier ihre Freude.

Für das Objekt nebenan muss man schon genauer hinhören, das wäre auch eher was für die feiner strukturierten Jazzer: Ein Gebläse dreht eine Blech-Kugel, über die Aufhängung werden die zarten Impulse auf einen Metallrahmen gesendet, der wie ein Resonanzraum funktioniert.

Ironische Radikalität der Fluxusbewegung

Das Künstlerpaar Watanabe und Zurborg ist im In- und Ausland aktiv, lebt in Dahlem und wurde nominiert für den Kunstpreis 2017 des Lüneburgischen Landschaftsverbandes. Tamaki Watanabe, 1974 in der japanischen Stadt Kobe geboren, studierte Malerei in Tokyo, schließlich Bildhauerei und Klangkunst in Braunschweig. Walter Zurborg, 1980 in Vechta geboren, studierte Bildende Kunst in Hannover – und dann Bildhauerei und Klangkunst in Braunschweig. Dort kreuzten sich also die Wege, seit 2010 arbeiten Watanabe und Zurborg, der heute Kunstlehrer in Marienau ist, gemeinsam.

Raum, Klang, Zeit und Zufall, das sind die vier Elemente, die ihr Schaffen bestimmen. Das Material stammt aus dem Baumarkt und vom Sperrmüll, es gibt keine Verzierungen oder Verhüllungen, es gilt die reine Funktionalität. Eine „ironische Radikalität der Fluxusbewegung“ ist ihnen bescheinigt worden. Fluxus, in den 1960er-Jahren begründet, ist eine Kunstrichtung, bei der es nicht auf die Vollendung ankommt, sondern auf die Idee, das Konzept. Und das bedeutet im Falle Zurborg & Watanabe: Impulse erzeugen, durch den Raum schicken, umwandeln, mal mächtig, mal winzig werden lassen.

Die Rock-Sound-Installation, das steht schon fest, heißt „Sophise‘s Humming“. Klar ist auch: „RandomScape“ steht bis Sonntag, 28. Mai – Finissage 15 bis 17 Uhr – unter Strom.

Von Frank Füllgrabe