Haydn hat auch in England Erfolg, Geigerin Annette Mainzer-Janczuk und die Ratte Mathieu lesen es mit Interesse. Foto: phs

Haydn und die Ratten

Lüneburg. Welche Komponisten fallen uns zuerst bei der Barockmusik ein? Bach und Händel vermutlich. In der darauf folgenden Klassik? Mozart natürlich – und Haydn. Im Gegensatz zu dem genialen Wolfgang Amadeus Mozart, der nur 35 Jahre alt wurde, prägte Joseph Haydn (1732-1809) die Epoche der Wiener Klassik über viele Jahrzehnte. Natürlich gibt es Bücher und unendlich viele kluge Aufsätze über den Komponisten. Aber zu denen, die sich bestens mit Leben und Werk des Franz Joseph Haydn auskennen, gehört auch die Ratte Mathieu.

Sie ist immerhin der jüngste Sproß einer berühmten Rattendynastie aus dem Hause – oder besser: dem Schloss – Esterházy. Dort war Haydn fast dreißig Jahre lang Kapellmeister, konnte sich in den Diensten der ungarischen Adelsfamilie ganz seinen Kompositionen und ihren Aufführungen mit angemessen großem Orchester im feinen Rahmen widmen. Von dieser güldenen Zeit, auch vom Leben vor und nach Esterházy, erzählt nun Mathieu seinem Kumpel, der von weniger nobler Herkunft ist: der Kanalratte Bruneau. Und das wiederum bildet die Rahmenhandlung einer Inszenierung des Figurentheaters Marmelock. „Haydn GEISTreich“ ist eine rund 70-minütige biographische Revue, konzipiert für Zuschauer ab neun Jahren, in der Kulturbäckerei präsentiert mit viel Witz und mit Livemusik, gespielt vom Quartetto Aperto.

Der Erfinder des modernen Streichquartetts

Der schnöselige Mathieu und der prollige Bruneau, das sind Eva Spilker und Britt Wolfgramm; sie führen die Ratten-Puppen offen, was nach kurzer Eingewöhnung nicht mehr ablenkt. Annette Mainzer-Janczuk, Birte Päplow, Peter Meier und Marion Zander von der Staatsoper Hannover sind ein klassisches Streichquartett, das sich auch ein paar Kommentare von Bruneau – „Immer schön dranbleiben!“ – gefallen lassen muss. Haydn gilt als Erfinder der Streichquartett-Komposition in ihrer heute geschätzten Form, auch wenn es die Besetzung 1. Geige, 2. Geige, Bratsche und Cello schon vorher gab.

Joseph Haydn wurde als zweites von zwölf Kindern einer Marktrichter-Familie im niederösterreichischen Rohrau geboren. Nicht unbedingt die besten Startbedingungen, aber Joseph hatte Glück, sein Talent wurde früh entdeckt. Er landet bei den Wiener Sängerknaben, schlägt sich nach dem Stimmbruch zunächst mit allerhand Musik-Jobs durch, wird dann als 25-Jähriger Musikdirektor auf Schloss Dolní Lukavice bei Pilsen und vier Jahre später Hofmusiker bei den Esterházys.

Das Kaiserlied wird zur Nationalhymne

Im Jahre 1790 gewinnt ihn der deutsche Impresario Johann Peter Salomon für Konzerte in England. Er wird dort gefeiert, erwägt sogar, für immer zu bleiben, kehrt dann aber doch nach Wien zurück. Sein Ansehen ist groß, sogar der in Truppenstärke einmarschierende Napoleon gehört zu den Verehrern, lässt zu seinem Schutz Soldaten vor dessen Domizil aufstellen.
Insgesamt ein glückliches, kreatives, erfolgreiches Leben ohne allzu dramatische Tragödien also – im Gegensatz zu den Kontrahenten Bach und dem eher distanzierten Händel wurden Mozart und Haydn übrigens Freunde.

Eva Spilker und Britt Wolfgramm wechseln die Erzähl-Ebenen, lassen auch mal eine Weinflasche und einen Kartoffelsack aus der üppig bestückten Vorratskammer derer zu Esterházy zu Wort kommen, spielen Haydns Oper „Orlando paladino“ als Fünf-Minuten-Fassung auf einer Mini-Marionettenbühne, beherrschen den wunderbar trockenen Muppet-Show-Humor.

Und sie geben immer wieder Stichworte für das Quartetto, für das „Rasiermesser-“ und das „Lerchen-Quartett“ beispielsweise, für Kompositionen, die von ungarischer Volksmusik beeinflusst sind, und natürlich für das „Kaiserlied“ („Gott erhalte Franz, den Kaiser“), die Melodie ist schließlich heute die deutsche Nationalhymne. Damit kann endlich auch Bruneau etwas anfangen: „Ich wusste gar nicht, dass Haydn für Fußballspiele komponiert hat?!“