Montag , 28. September 2020
Bariton Jaroslaw Brek, spür- und hörbar mit dem Werk vertraut, brachte viel Emotion in die Aufführung. Foto: t&w

Lukaspassion: Effekte brauchen Sinn

Lüneburg. Das hat sich gelohnt. Als Krzysztof Penderecki mit Anfang 30 sein erstes größeres geistliches Werk plant, erhält er vom WDR einen Auftrag zur Komposition. Zur Uraufführung seiner Lukaspassion 1966 in Münster gibt es den großen Kunstpreis des Landes Nordrhein-Westfalen. Es muss also Großartiges an diesem Werk sein, das in der Rezeption zum Schlüsselwerk der Neuen Musik deklariert wurde. In der Tat: Diese Passion nimmt in jeder Hinsicht gewaltige Züge an, sie überwältigt, wühlt in jeder ihrer 75 Minuten auf, fordert Kopf und Bauch. Was für ein Werk, was für ein Abend in St. Johannis! Anders gesagt: Das hat sich gelohnt, für die Ausführenden, für die Zuhörer in der sehr gut besuchten Kirche und ebenso für die Organisatoren.

Der Aufwand ist schlicht gigantisch. Ein Orchester samt großer Schlagwerkbatterie, fettem Gebläse von Tuba bis Saxophon, selbst eine Orgel und ein Harmonium fordert Penderecki. Die NDR Radiophilharmonie macht mächtig Eindruck. Zu drei gemischten Chören formieren sich KantorInnen der evangelischen Landeskirche, dazu kommen der Knabenchor Hannover, drei Solisten, ein Sprecher. Rundum mehr als 200 Mitwirkende. Es wird eng vor den Kirchenbänken.

Möglich wurde die dreimalige, auch nach Hannover und Emden führende Aufführung durch die Evangelisch-Lutherische Landeskirche. Die in lateinischer Sprache gehaltene Lukaspassion des tiefgläubigen Katholiken, der ein früher geschriebenes „Stabat mater“ komplett einbaute, wurde als „einzigartiges kulturelles Highlight“ zum Reformationsjubiläum auserkoren.

Singen, stammeln, flüstern, beten, flöten. . .

Penderecki packt Mitte der 60er alles aus, was an Neuem in der Werkzeugkiste für Komponisten Platz fand. Cluster, sich überlagernde Klangflächen, Vierteltonfolgen, brutale dynamische Extremkontraste und und und. Die KantorInnen-Chöre entführen für Momente traumhaft schön in ätherische Weiten, aber sie stammeln auch, flüstern, schreien, beten, zischen und flöten sogar. Einstudiert wurde das in unglaublich kurzer gemeinsamer Probenzeit, und wie anspruchsvoll die Aufgabe ist, lässt sich am häufigen Stimmgabel-Gebrauch von Mitsängern erkennen, auf dass die Stimmen geschmeidig in den Lauf der Notendinge gleiten.

Aber so sehr diese Passion als Imposanzgewitter niederbricht, Penderecki schraubt die Kunst-am-Bau-Stücke und die Special Effects so zusammen, dass alles eine inhaltliche, sinnhafte, sinnliche Entsprechung erhält. Dadurch gewinnt das Werk Tiefenschärfe und Nachhaltigkeit. Bei alledem geht Penderecki formal von Bach-Oratorien aus: einst der singende Evangelist, nun ein Sprecher, einst betrachtende Choräle, nun Psalm-Einschübe. Rückgriffe gehen bis zu gregorianisch eingefärbten Passagen, da bekommt die sonst so welterschütternde Aufführung gewinnende Innigkeit.

Auf der Empore steht der wunderbare Knabenchor, sein Leiter Jörg Breiding hält Blickkontakt zum Penderecki-Schüler Antoni Wit, der den gigantischen Apparat mit all seiner Erfahrung und großer Ruhe sicher ans Ziel führt. Der Chor der Kirchenmusiker leistet Bewundernswertes, und bei den Solisten sind durchschlagskräftige Stimmen gefragt. Ewa Biegas bringt in ihren riesengroßen Sopran etwas ein, das metallisch genannt sein mag. Sagenhaft, welche Bandbreite der Bariton von Jaroslaw Brek ohne Substanzverlust durchmisst, wirkungsvoll der Bass von Stephan Klemm. Die Erzähl-Dramatik wird von Sprecher Helmut Thiele transportiert.

Auch er ist ein Träger der Botschaft, bei allem Leid, das der Menschheit durch Krieg und Gewalt widerfährt, den Glauben an ein Besseres nicht zu fürchten. „Auf dich o Herr vertraue ich“ heißt es am Ende, und da kommt es doch tatsächlich nach allem Düsterkeits-Moll zur Dur-Wende.
Es ist immer so eine Sache mit dem Applausgedonner nach einer Passionsmusik. An diesem Abend belohnt er gut zehn Minuten lang – nach angemessener Pause – eine Großtat.

Von Hans-Martin Koch