Altistin Carmen Schüller und Bassist Kay Stiefermann in der St. Michaeliskirche. Foto: phs

„Stabat Mater“ bezaubert in St. Michaelis

Lüneburg. Das Titelbild des Programmhefts ist hammerhart, und das kann man wörtlich nehmen – es zeigt einen Nagel in einem Balken. Es geht um die Kreuzigung Jesu, genauer: um die Verzweiflung Marias angesichts der sadistischen Folterung ihres Sohnes. Kann eine Mutter so etwas überhaupt ertragen? Darum geht es in dem mittelalterlichen Gedicht „Stabat Mater“, zu hören als Oratorium, komponiert von Antonín Dvořák, in der St. Michaeliskirche.

Mittelalterliche Passionsmystik

Stabat mater dolorosa juxta crucem lacrismosa, es stand die schmerzerfüllte Mutter tränenreich beim Kreuz, so beginnt der erste von zehn Versen. Die Urheberschaft ist unklar, es gibt darüber hinaus mehrere Überlieferungen und Übersetzungen. Viele berühmte Komponisten haben es vertont, Scarlatti und Pergolesi beispielsweise, Schubert und Haydn. Und Dvořák. Drei private Tragödien bilden den Hintergrund: Zuerst starb Tochter Josefa, zwei Tage nach der Geburt, zwei Jahre später folgten die elf Monate alte Tochter Ruzena (an einer Vergiftung) und der dreijährige Sohn Otakar (an Pocken). Anna und Antonín Dvořák waren und blieben nun kinderlos.

Aus dieser Verzweiflung heraus schuf der Musiker, der Epoche der Romantik angehörend, noch im gleichen Jahr (1877) und ohne Auftrag ein rund 90-minütiges Werk von manchmal fast schwereloser Schönheit. Es ist wohl das bekannteste unter seinen geistlichen Werken. Hat die Arbeit, die Auseinandersetzung mit dem Text, Trost gespendet? Gibt es überhaupt Trost in solchen Situationen? Hat Dvořák versucht, den frühen Tod seiner Kinder zu begreifen, den Schmerz zu kanalisieren, wo doch der vorzeitige Tod (Johann Sebastian Bach hat ihn in seiner Familie gleich im Dutzend erlebt) doch per se völlig sinnlos ist?!

Es hat eher etwas mit Spiritualität zu tun, basierend auf der Tradition der mittelalterlichen Passionsmystik. Der Text, auf Latein gesungen, trägt ohnehin kaum zum Verständnis bei.

Verzicht auf dynamische Tricks

Michaelis-Kantor Henning Voss hat als musikalischer Leiter für die Ausführung einen großen Klangkörper in Bewegung gesetzt: die Hamburger Camerata begleitete als Kammerochester die Michaelis-Kantorei, die mit rund 180 Sänger(inne)n zu den größten Chören Norddeutschlands gehört. Die Solisten: Sabine Schneider (Sopran), Carmen Schüller (Alt), Marcus Ullmann (Tenor) und Kay Stiefermann (Bass).

Dvořák Stabat Mater kommt, von ein paar Ausnahmen abgesehen, ohne große dynamische Tricks aus, die Musik, meistens im gemäßigten Tempo, scheint sich immer wieder aus sich selbst heraus zu schaffen. Und es ist beeindruckend, wie emphatisch Orchester, Kantorei und Solisten, präzise geführt, im Einklang die spirituelle Energie fließen lassen, seidenweiche Übergänge schaffen, wohldosierte Spannung aufbauen. Textverständlichkeit ist hier ja ohnehin kein Kriterium, und es bleiben sogar, das ist in der Romantik nicht selbstverständlich, einige musikalische Themen im Ohr. Natürlich gab es in der vollbesetzten Kirche langen Applaus, und so mancher Zuhörer mag den alten Zauber noch beim Heimweg durch die winkeligen Gassen gespürt haben.

Nach dem Oratorium ist vor dem Oratorium: Am Sonnabend, 8. April, wird die Lukaspassion von Krzysztof Penderecki in der St. Johanniskirche aufgeführt (siehe rechts), ein Kärtchen im Michaelis-Programmheft weist darauf hin. Auch eine schöne Geste.

Von Frank Füllgrabe