Franek bittet zum „Zeitsprung“ mit Bildern aus den 80ern und neuen Arbeiten. Foto: t&w

Ausstellung „Zeitsprung“: Franek in der KulturBäckerei

Lüneburg. Die Bruchstelle ihrer Biographie liegt eigentlich schon in ihrer Geburt begründet. Fra­nek, die große Expeditionskünstlerin, erinnert sich: „Am 1. September 1939 rief die Mutter den Vater an – er war damals Offizier im Generalstab in Potsdam – und sagte: ‚Es geht los!’ Er darauf: ‚Das weiß ich schon’. Sie sprach von deiner Geburt, er vom Beginn des Zweiten Weltkrieges.“ Das Kind, das Franek wurde, hat die Malerin zeitlebens begleitet. Es ist Bild geworden, und die Schutzlosigkeit und das Suchen, das Fliegen und das Eintauchen sind Themen, die sich auch in der Ausstellung spiegeln, die morgen, Sonntag, um 11.30 Uhr in der KulturBäckerei eröffnet wird und „Zeitsprung“ überschrieben ist.

Bilder aus den 80ern und aus jüngerer Zeit zeigt Franek, die in Radegast und Berlin lebt. Die 80er, das war die Zeit, als die Malerin ein Stipendium in der Künstlerstätte Schloss Bleckede wahrnahm. Sie blieb an der Elbe, erwarb ein großes Haus.

Nach all ihren vom Äußeren ins Innere führenden Expeditionen zu Traditionen und Ritualen in Südamerika und bei Indianern fand Franek bald heraus, dass auch an der Elbe das Sagen- und Geisterhafte zu finden ist und in sozusagen gegenpolige Realitäten führt. Und dass es dort Motive gibt, die weit über das Gezeigte hinausweisen. Die monumentale, zupackende Arbeit „Hohe Wasser“ (1988), die nun noch einmal zu sehen ist, zeigt einen Schäfer, der in einem Ruderboot seine Schafe evakuiert. Den gab es tatsächlich, aber er lässt sich in viele Richtungen deuten.

Hinter jeder Erkenntnis liegt eine weitere

Franek studierte in Berlin und durchstöberte malend mit Lust am Unbekannten die Welt. Bei allem Ausprobieren blieb das Zentrum ihres Schaffens die Malerei. Franek hat im Bildschaffen eine eigene Sprache und Wahrheit gefunden. Wobei Wahrheit ein weit zu fassender Begriff ist. Denn hinter jeder Erkenntnis liegt eine weitere, und manche entzieht sich allem rational geprägten Denken. Das Spirituelle, Schamanistische, Archaische, psychologisch Getränkte verschränkt sich in vielen Franek-Bildern mit dem Biographischen.

Bilder dieser Werkgruppen zeigen über oft dynamischem Grund frei stehende Figuren: Menschen, Tiere und verwandte Wesen. Zeichen und Schrift geben zusätzliche Hinweise zu etwas Narrativem, das sich erst über eine lange Zeit und viele Werkgruppen schlüssig zu verdichten scheint.

Nie war Franek so offensichtlich persönlich wie in Buch und Bild namens „Als die Soldaten Schäfer waren“. Dahinter verbirgt sich eine Aufarbeitung der eigenen Biographie, mit Tagebuchnotizen, Bildern, Postkarten und mehr. Vor allem arbeitet sich Franek an ihrem Vater ab, der spät aus der Kriegsgefangenschaft kam und zeitlebens ein Fremder blieb. Davon ist viel in der Ausstellung zu sehen.

Werke gemalt mit Tafellack

Der gewählte Zeitsprung erschließt sich zusätzlich darin, dass sowohl in den 80ern als auch in jüngerer Zeit Bilder mit starkem Schwarz-Weiß-Charakter entstanden. Entscheidend ist das Schwarz samt seiner Auflösung. Franek malt mit schnell trocknendem Tafellack, der dünn aufgetragen transparent, dicker natürlich massiv wirkt und dazu je nach Lichteinfall glänzend.

„Silent Green“ heißt eine neue Serie, die sich nach einem Kulturhaus in Berlin-Wedding benennt, das als Berlins erstes Krematorium errichtet wurde. Franek entwickelte eine Serie von verwandten Motiven, in denen das Schwarz mit grünen Konturen aufgelockert wurde. Immer sind Kinder zu sehen, die etwas zu entdecken scheinen, dem sie mit Neugier und Angst zugleich begegnen. Auch in dieser Serie verbergen sich biographische Bezüge, die man kennen kann, aber nicht kennen muss.

Ein anderer neuer Zyklus befasst sich ebenfalls mit Kindern, die in einer Art Schwimmring oder gleich in mehreren stecken. Wieder bleibt Ambivalentes zurück: Suchen und finden sie Schutz oder erleben sie eine klaustrophobische Situation? Ist es so, dass in jeder scheinbar unbeschwerten Situation etwas Dunkles lauert?

Es lässt sich vieles diskutieren und assoziieren in dieser bis zum 16. April laufenden Ausstellung.

Von Hans-Martin Koch