Mittwoch , 30. September 2020

Theater mit Tinnitus

Lüneburg. Das geht gleich gut los. Kaum hebt sich der Vorhang, da brüllt jemand: „Oh Gott, der Zahn, er tut so weh, der Zahn, oh Gott“, oder so etwas Ähnliches, und dann rennt diese Person den immer steiler werdenden Bühnenboden hinauf, kommt natürlich ins Straucheln, erreicht die obere Kante nicht, knallt auf die gebogenen Bretter und rutscht wieder hinunter und schreit und man bekommt die Ahnung, dass dies ein furchtbarer Theaterabend werden könnte.

Wir befinden uns im „Goldenen Drachen“, einem Thai-China-Vietnam-Schnellimbiss (irgendwas Fernöstliches jedenfalls), und wer da so schreit, das ist ein junger Vietnamese, der heftig Karies hat, aber nicht zum Zahnarzt gehen kann, weil er illegal im Lande ist und seine Schwester sucht. Genauso wie der Imbiss im Erdgeschoss ist der ganze Mietblock ein „melting pot“, eine typisch großstädtische Ansammlung von Bewohnern unterschiedlicher Herkunft: zwei Stewardessen, die eine gemeinsame Wohnung als Heimathafen (nur selten) bewohnen, ein Großvater, der mit dem Alter hadert, seine Enkelin, die ungewollt schwanger ist, und ihr Freund, der es ganz schrecklich findet, Vater zu werden. Nicht zuletzt: eine Grille und eine Ameise. Die Grille zirpt den lieben langen Tag, hat aber abends nichts zu beißen, und ist dann auf die redlich sich abplagende Ameise angewiesen, die kein Mitleid kennt.

Fünf Darsteller in 17 Rollen

Dies alles passiert mehr oder weniger gleichzeitig. Harald Weiler hat das Drama „Der goldene Drache“ von Roland Schimmelpfennig inszeniert, er braucht für 17 Rollen nur fünf Darsteller: Felix Breuel, Britta Focht, Beate Weidenhammer, Fabian Kloiber und Hermann Book (der sich bei anderen Aufführungsterminen mit Philip Richert abwechselt). Es gibt kein Bühnenbild, nur die aufsteigende Fläche, Skateboarder würden das eine Halfpipe nennen man rutscht eben immer wieder zurück. Laut und kreischig geht es zu, die gebrüllten Bestellungen „Nummer 25 Bami Pat, Nummer 13 Saté-Spieße, Nummer 6 Thai-Suppe mit Hühnerfleisch“ liegen wie ein Tinnitus über dem Geschehen.

Keine Pause, für niemanden

Es gibt keine Pause, nicht im Stück (85 Minuten), nicht für die Zuschauer, nicht für die Darsteller, die in androgyner Kleidung immer im Einsatz sind und fließend zwischen Männer- und Frauenrollen wechseln. Es gibt melancholische Momente, auch witzige, skurrile etwa, wenn der kranke Zahn des Vietnamesen durch die Luft fliegt und in einer Suppe landet. Aber die Grundstimmung ist dissonant, manches löst sich ins Irrationale auf, der Schmerz peinigt nicht nur den jungen Mann, der nun eine Zahnlücke hat. Da stellen sich Fragen nach dem Wesen von Heimat und Menschlichkeit, sie werden kurz angerissen und gleich wieder übertönt.

Roland Schimmelpfennig, Jahrgang 1967, gilt als der meistgespielte Gegenwartsdramatiker Deutschlands. Das muss einen Grund haben. Seine Stücke reizen die Regisseure, es sind Herausforderungen, die etablierten Erzählstrukturen aufzubrechen, die Instrumente der Dramaturgie und das eigentliche Spiel selbst zu mischen. „Kurze Pause“ sagen die Akteure immer wieder, oder erläutern, dass nun etwa „der Mann mit dem gestreiften Hemd“ eine weitere Szene spielt.

Der Theaterbesucher, der noch nicht an Schimmelpfennig geschult ist, braucht dementsprechend seine Zeit, den Code zu entschlüsseln und sich einzugrooven in diesen schnellen Rhythmus, der mehrere Themen gleichzeitig transportiert. Aber dann kommt die Sache in Fahrt.

Und so war es dann doch kein furchtbarer Theaterabend, sondern einer, der Geschichten erzählt, Bilder entwickelt und eine Ahnung gewährt, wie vielschichtig die Kunst der Inszenierung ist. Da muss man sich als Zuschauer eben auch mal ein bisschen Mühe geben.

Von Frank Füllgrabe