Sonntag , 27. September 2020
Moritz Neumeier provoziert und polarisiert im Salon Hansen. Foto: t&w

Sind Witze über Behinderte erlaubt?

Von Antonia Wegener
Lüneburg. Moritz Neumeier betritt die Bühne und legt ein Geständnis ab. „Ich kann überhaupt keine Shows anfangen“, sagt der 27-jährige Stand-Up-Künstler. Wenn er in einer Sache schlecht sei, dann darin, Shows zu beginnen. „Aber ich dachte, ich versuche es mal mit dem Hitlergruß.“ Das Publikum lacht verhalten. Neumeier scheint die Reaktion zu kennen: „Wenn wir uns öfter mit erhobenem rechten Arm grüßen, dann schaffen wir es, den Neo-Nazis ihre wichtigste Symbolik wegzunehmen.“
Der Vorschlag ist ein Paradebeispiel für den Humor des gebürtigen Itzehoers. Moritz Neumeiers Credo ist: „Satire darf alles“. Und bei seinem Programm „Stand Up“ verbindet er Witze über Tabubrüche mit pointierter Gesellschaftskritik. Das bewies er auch im Salon Hansen.
Moritz Neumeier scheint eine Strategie zu verfolgen: Das Publikum muss erst einmal in Verlegenheit gebracht werden. Denn der Vorschlag mit dem Hitlergruß war erst der Anfang. Nicht nur Neo-Nazis, Pegida-Freunde und AfD-Anhänger kriegen ihr Fett weg. Als Vater eines dreijährigen Sohns macht der 27-Jährige auf die großen Lügen des Elternseins aufmerksam. Dabei schließt er seine eigene väterliche Inkompetenz nicht aus. „Zu 90 Prozent ist es wunderschön und erfüllend, Vater zu sein“, sagt Neumeier.
Aber niemand rede über die zehn Prozent des Elterndaseins, die einfach nur furchtbar seien. Dort, wo sich Panikattacken abspielen, weil er glaubt, er hätte sein Kind mit vergammeltem Babybrei gefüttert. „Und manchmal ist da auch die Frage in meinem Kopf, wie man das brüllende und nervige Kind am besten zur Seite schaffen könnte.“
Das Nordlicht ist auch als Moderator, Poetry Slammer und durch seinen Videoblog bekannt. Während er auf seinen ersten Poetry Slams auftrat, machte er einen Zivildienst in einer Behindertenschule. „Und seitdem weiß ich, dass es okay ist, Witze über Behinderte zu machen“, sagt Neumeier. Diese Position ist wahrscheinlich die, mit der Neumeier an diesem Abend am meisten polarisiert. Darf über Menschen mit Behinderung gelacht werden? Neumeier findet schon, das Lüneburger Publikum ist sich den Reaktionen nach zu urteilen ­ uneinig.
Für Neumeier sind die Witze über Menschen mit Behinderung mehr Inklusion als Ausgrenzung. „Wenn wir nicht über sie lachen, dann behandeln wir sie anders als Menschen ohne Behinderung.“ Und damit würde man sie dann ausgrenzen.
Ohne Klarstellung geht es bei so vielen Tabubrüchen dann aber doch nicht. „Ich bin eine Kunstfigur, ich erzähle Witze auf der Bühne.“, erklärt er sich. „Was ich hier erzähle, würde ich im echten Leben nie machen.“ Bei den meisten Witzen gelingt dem 27-Jährigen der Spagat zwischen schwarzem Humor und Tabubruch besser als anderen Komikern, weil er ein scharfer Beobachter ist. In seinen Pointen entlarvt er den ziemlich grotesken und deshalb auch für ihn so komischen gesellschaftlichen Umgang mit tabuisierten Themen, statt auf Kosten der Randgruppen zu lachen.
Neumeier nimmt niemanden ernst, weder sich selbst als Mensch und Künstler, noch die anderen. Alles kann, aber nichts muss. Mit dieser zwanglosen Haltung gibt er vielen Zuschauern einen Anstoß, der nach der Show im Kopf bleibt: Satire darf zwar alles, aber ich entscheide selber, worüber ich lachen möchte oder eben nicht.