Freunde, die einander wichtig waren: (v.l.) die Künstler Hugo Körtzinger und Ernst Barlach sowie der Hamburger Unternehmer Hermann F. Reemtsma vor Figuren aus dem Fries der Lauschenden. Foto:

Einer von den Vergessenen

Schnega. Es gibt diese Künstler, die sich weniger durch ihr Werk auszeichnen, sondern mehr durch ihre Lebensführung und in diesem Fall auch durch den Mut, sich wenigstens ein Stück weit gegen die Barbarei zu stellen. So einer war Hugo Körtzinger, der morgen, am 20. Januar, vor 50 Jahren in Schnega gestorben ist. Körtzingers Leben zeigt, dass sich das Wendland früh als gute Region für Künstler erwies. Im Falle Körtzingers doppelt, denn er half, bedeutende, von den Nazis als entartet eingestufte Werke Ernst Barlachs vor der Vernichtung zu retten. Körtzingers eigenes Werk spielt in der Kunstgeschichte indes keine Rolle.

Hugo Körtzinger, 1892 in Lesum/Bremen geboren, führte in mehrerer Hinsicht ein spannendes Leben. Neben der Kunst begeisterte er sich für die Schifffahrt, das Orgelspiel, die Literatur und die Jagd. Er studierte Malerei und Bildhauerei in Weimar und hörte in Jena Vorlesungen über Anatomie, Medizin und Literatur. Im Jahre 1914 heiratete er Helene Peltret, Tochter eines Landmaschinenherstellers in Schnega. Dadurch wurde Schnega zum Lebensmittelpunkt Körtzingers, der zugleich bis zur Ausbombung 1944 in Bremen ein Atelier unterhielt.

Große Barlach-Plastiken wurden in Schnega gerettet

Körtzingers Kunst, vor allem Ölgemälde, Zeichnungen, Bronzeplastiken und Reliefs, ist weitgehend vergessen. Tatsächlich spannender ist der Lauf seines Lebens. Besonders wichtig wurde seine Freundschaft mit dem Zigarettenfabrikanten Hermann F. Reemtsma und dem Künstler Ernst Barlach. Körtzinger wurde eine Art Berater für Reemtsma, der begeistert Kunst sammelte. Reemtsma und Körtzinger kamen in freudnschaftlichen Kontakt zu Ernst Barlach, und nach dessen Verfemung sollte Körtzinger eine wichtige Rolle bei der Rettung mehrerer Großplastiken des 1938 gestorbenen Barlachs einnehmen. Der "Geistkämpfer" und der von Barlach-Freunden ermöglichte Nachguss des 1937 als entartete Kunst aus der Kirche entfernten Güstrower Domengels ("Der Schwebende") kamen 1943 in Holzkisten auf Körtzingers Gelände in Schnega. Sie wurden so vor dem Einschmelzen zu Munition gerettet.

Körtzinger reiste nach Güs­trow, Barlach besuchte Schnega. In seiner großen Werkstatt, die Reemtsma 1937 ermöglichte, baute Körtzinger ab 1937 eine Orgel des Orgelbauunternehmens Walcker ein. Sie wurde bis 1948 wesentlich von Oscar Walcker unter oft abenteuerlichen Umständen mehrfach ausgebaut und gilt als eine der größten Privatorgeln Deutschlands. Barlach bezeichnete Körtzingers Werkstatt nach einem Besuch schon 1937 als "Orgelkloster-Abtei". Zahlreiche bekannte Organisten kamen, um auf der Orgel zu spielen. 1958 hatte sich auch Albert Schweitzer angesagt, musste jedoch wegen eines tödlichen Unfalls seines Lüneburger Begleiters absagen.

Körtzinger stellte fast nie aus

Hugo Körtzinger gehörte nach 1945 zu den Gründungsmitgliedern der Ernst-Barlach-Gesellschaft. Körtzinger beteiligte sich auch an der ersten Planung für die Gestaltung eines Mahnmals auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Bergen-Belsen ein weiterer Grund, an diesen Künstler zu erinnern.

Zum 50. Todestag des Künstlers, der sein Werk fast nie ausstellte, ist nichts geplant. "Wir werden aber im Laufe des Jahres ein Buch herausbringen", sagt Prof. Dr. Arne Körtzinger, Großneffe und Vorsitzender des Fördervereins, der die Erinnerung an den Künstler aus dem Wendland wachhalten will. Durch den Verein wurde das Atelier in Schnega erhalten, einschließlich der nach dem Tod des Künstlers über fast fünf Jahrzehnte verstummten Walcker-Orgel. Deren Restaurierung und des gesamten Atelierhaus wurde im September 2016 abgeschlossen für rund 630000 Euro. Die Hermann-Reemtsma-Stiftung gehört nach wie vor zu den entscheidenden Unterstützern. Die Idee, im Atelier Konzerte und Kunstausstellungen stattfinden zu lassen, wartet auf Umsetzung.

Von Hans-Martin Koch