Donnerstag , 29. Oktober 2020
Der Forschungspreis des Museumsvereins wurde jetzt zum zweiten Mal vergeben; von links: Nicole Ziemer, Dr. Peter H. Stoldt, Prof. Dr. Heike Düselder, Dr. Jan-Christian Cordes und Prof. Dr. Thomas Vogtherr. Foto: t&w

„Forschungspreis Lüneburger Geschichte“ 2017: Diplomatie vor Krieg

Lüneburg. Was bringen wir mit dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) in Verbindung? Schlachten und Gemetzel, marodierende Söldner, verwüstete Landstriche, von der Landkarte getilgte Dörfer, skrupellose Machtpolitik unter dem Vorwand des rechten Glaubens. An geschickte Diplomatie zur Vermeidung von unnützem Elend (und Kosten) denken wir wohl eher weniger. Genau darum aber dreht sich die Forschung von Dr. Peter Stoldt, er untersuchte die Rolle des Herzogtums Braunschweig-Lüneburg in der direkten Konfrontation mit den schwedischen Truppen im 17. Jahrhundert. Dafür erhielt Dr. Stoldt nun den Forschungspreis Lüneburger Geschichte des Museumsvereins für das Fürstentum Lüneburg.

Genauer gesagt: den halben, denn die Jury hielt eine zweite Arbeit für genauso preiswürdig. Der Hamburger Dr. des. Jan-Christian Cordes, der lange im Lüneburger Stadtarchiv gearbeitet hat, promoviert – das passt natürlich wunderbar zum 500-jährigen Jubiläum von Luthers 95 Thesen – über die Reformation in Lüneburg. Nun legt er ein Werk mit satten 750 Druckseiten vor, die sich im Wesentlichen um die Jahre 1525-1533 drehen. In dieser Detailgenauigkeit eine typische geisteswissenschaftliche Doktorarbeit.

Reformation als Ringen um Kompromisse

Wer die Gegenwart verstehen und die Zukunft erkennen will, muss die Vergangenheit kennen. Oberbürgermeister Ulrich Mädge würdigte die Preisvergabe als „gut für das Renommee des Museumsvereins und der Stadt Lüneburg“. Vereinsvorsitzende Nicole Ziemer nannte Eckdaten: Der Forschungspreis wurde nun (nach 2013) zum zweiten Mal ausgelobt, er ist mit 5000 Euro dotiert, soll „alle zwei Jahre vergeben und zu einer Tradition werden“.

Die Reformation in Lüneburg, so Jury-Vorsitzender Prof. Dr. Thomas Vogtherr in seiner Laudatio, war „von vielen ernsthaften Diskussionen geprägt“, das belegen die Schriftsätze, durch sich Cordes geackert hatte. Ein Machtkampf, natürlich, immerhin sollte es nun keine öffentlichen Gelder mehr für die Religionsausübung geben, und die alten Eliten, etwa der nun entmachtete Probst Johannes Koller, versuchten zu retten, was eben noch zu retten ist. Aber immerhin gab es, wie Jan-Christian Cordes dokumentiert, ernsthafte theologische Debatten, einen insgesamt friedlichen, konstruktiven und um Kompromisse bemühten Reformationsprozess. „Der Rat konnte“, so Cordes, „den Stadtfrieden bewahren“, in dieser Zeit sei „die Grundlage für das heutige Stadtwesen“ gelegt worden.

Die Luneburger haben genervt

Dr. Peter H. Stoldt, ehemals Senats-Mitarbeiter für Bildung und Wissenschaft in Bremen, zog 2013 nach Lüneburg. Er beschäftigte sich in den Archiven Stockholms und Niedersachsens mit dem Gegenüber der schwedischen Großmacht und den eher kleinen deutschen Herzogtümern, die in den skandinanvischen Manuskripten oft einfach als „Luneburg“ (im Schwedischen korrekt „Lüneburg“ ausgesprochen) zusammengefasst wurden.

Dr. Stoldt berichtet unter dem Titel „Diplomatie vor Krieg. Braunschweig-Lüneburg und Schweden im 17. Jahrhundert“ von den Strategien der „Luneburger“, von „wechselnden Allianzen“ und einem „mühevollen Lavieren zwischen Neutralität, Loyalität zum Kaiser und Unterstützung der Schweden“. Nach dem Westfälischen Frieden ist in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ein Machtzuwachs der Welfen-Herzöge zu verzeichnen. Das ist wohl auch eine Frage der Beharrlichkeit auf diplomatischem Parkett gewesen, Dr. Stoldt jedenfalls zitierte schwedische Textpassagen, nach denen „die Luneburger ständig genervt“ haben.

Von Frank Füllgrabe