Freitag , 30. Oktober 2020
Max Goldt servierte im Salon Hansen ein Best-of seiner satirischen Texte. Foto: t&w

Max Goldt und Effenbergs Kinderhöschen

Lüneburg. Er hätte sich mit Wonne abgearbeitet an Teilen seines Publikums. Denn dem Meister der Beobachtungen wären die Eigenarten nicht entgangen, mit denen einige der Zuhörer ihre Abendgestaltung zu bereichern erachteten. Wie das junge Pärchen, das sich der Schuhe entledigte, auf das einzige Sofa direkt vor der Theke fläzte und sich durch innige Küsse im 20-Sekunden-Takt stets seiner Zuneigung aufs Neue versicherte nach dem Toilettenbesuch derart leidenschaftlich, als wäre sie gerade von einem Auslandssemester auf den Philippinen zurückgekehrt. Doch Max Goldt hatte an diesem Abend keine Zeit, um sich dem Paar zu widmen. Schließlich musste er lesen. Im Salon Hansen trug er mehr als zwei Stunden lang ausgewählte Texte vor.

Max Goldt, der eigentlich Matthias Ernst heißt, ist ein Multitalent. Er ist mehrfach ausgezeichneter Schriftsteller, Musiker und hat gemeinsam mit Stephan Katz mehr als zehn Comicbände veröffentlicht. Doch egal in welcher Funktion, seine größte Stärke ist stets die Sprache in Verbindung mit Komik. Kaum jemand versteht es so gut, so unterhaltsam seine Mitmenschen und Erlebnisse zu beschreiben, das scheinbar Nebensächliche ins Zentrum zu rücken oder absurde Situationen zu kreieren, die weltfremd und doch irgendwie logisch zu sein scheinen.

Reisebericht über Katar aufgemöbelt

Regelmäßig ist der frühere Titanic-Kolumnist zu Gast in Lüneburg, zuletzt im Februar 2015 in der KulturBäckerei, auch im Kulturforum und im Theater hat er schon gelesen. Im Salon Hansen widmete er sich alten Texten aus seinem neuesten Werk „Lippen abwischen und lächeln. Die prachtvollsten Texte von 2003 bis 2015“ und dem im Vorjahr erschienenen Werk „Räusper: Comic-Skripts in Dramensatz“.

Einen Reisebericht über einen Katar-Aufenthalt aus dem Jahr 2004 habe er aufgemöbelt, weil der Wüstenstaat durch diverse sportliche Großereignisse wie die Fußball-WM plötzlich in den Fokus gerückt ist. Da passt natürlich die Begegnung mit dem Fußballer Stefan Effenberg, der „kurze bunte Kinderhöschen“ trug und „in Begleitung einer mit engen Dingen bekleideten Dame erschien“. Er schildert, wie ein Falke vor seinen Augen geöffnet wurde, damit sich der Besitzer sicher sein konnte, dass „der Vogel organisch einwandfrei“ war, wie im Hotel ein „Pianist mit hartem Anschlag und begrenztem Repertoire grundüble Schmusesongs“ spielte.

Sein Text „Nein zu Masermontag“ über mögliche Rituale an einem erfundenen Feiertag ist ein Plädoyer für die Straffung der christlichen Hauptfeste. Denn da passiere meist eh nicht viel mehr, als dass Familien durch die Straßen ziehen und Speisekartenaushänge geschlossener Restaurants nicht nur ausgiebig studieren, sondern laut vorlesen.

Wiederherstellung des Volksglaubens

Goldts Texte bieten mehr als nur Dauerschmunzeln. Sie verkünden Weisheiten wie „Einfachheit ist nur genial, wenn sie als Folge komplizierter Gedanken auftritt“ und „Erfahrung braucht Wiederholung, um sinnvoll bewertet zu werden“. Sie sind Garant für kreative Wortschöpfungen wie „Eigenspeichelrunterschlucker“, Weihnachtsmannschmelzbetriebe“ und „Kleintalentverweser“. Sie fördern Widersprüche im Alltag zu Tage, etwa wenn er hinterfragt, ob es überhaupt den Auflagen des Denkmalschutzes entspricht, wenn wie aktuell „sorgsam restaurierte historische Marktplätze für geschlagene fünf Wochen mit billigen Sperrholzverschlägen mit aufgetackertem Fichtengrün“ möbliert werden. Sie enthalten Zeitgeistkritik, wenn zum zum Beispiel der Trend zur „Irrtumsberichtigungsliteratur“ (noch so eine goldtsche Wortschöpfung) hinterfragt wird, wenn alle paar Wochen ein neues Lexikon mit populären Irrtümern in den Buchhandlungen liegt höchste Zeit also für ein Werk zur „Wiederherstellung des Volksglaubens“.

Max Goldt liest so punktgenau wie er schreibt, das honorierte das Publikum mit angemessen lautem Applaus. Der Künstler lächelte artig und sah großzügig auch über jene Störenfriede hinweg, die während seines Vortrags wiederholt mit dem Fuß leere Flaschen umstießen, an denen sich die Sitznachbarin zuvor noch mehrfach unüberhörbar festgesaugt hatte.

Von Alexander Hempelmann