Samstag , 31. Oktober 2020
32 Jahre, vier Romane, viel Erfolg: Benedict Wells, gut gelaunt im Gespräch mit Tilman Lahme. Foto: ff

Benedict Wells über das Ende der Einsamkeit

Lüneburg. Das Publikum hat schon abgestimmt. Geht es nach Popularität, gewinnt Benedict Wells. Dabei stehen noch drei Kandidaten beim Wettbewerb der LiteraTour Nord aus. Niemand aber wird so locker einen großen Hörsaal füllen wie der nach wie vor als Jungautor gehandelte Benedict Wells. Für sein aktuelles Buch „Vom Ende der Einsamkeit“ hat der 32-Jährige schon Preise bekommen, gerade wurde der Roman zum „Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels“ gekürt. Das ist eine besonders schöne Auszeichnung, sie freut den Autor, und würde die Länge des Schlussbeifalls bei einer Lesung gemessen, dann läge Wells nach seiner Lüneburg-Lesung auch vorn.

Der Autor Wells folgt seinen inneren Impulsen. Nach dem Abi­tur in München zog er 2003 nach Berlin, strich jeden Gedanken an ein Studium, setzte sich hin und schrieb. Wells kämpft mit seinen Texten, lässt sie wuchern, stutzt sie zusammen, kippt ganze Kapitel, hört auf kritische Gegenleser und bleibt so selbstbewusst wie selbstkritisch ganz nah bei sich selbst.

Das jähe Ende der Sorglosigkeit

Der Erfolg des früh Reifen kam nicht sofort, aber gründlich. „Becks letzter Sommer“ (2008) wurde mittlerweile verfilmt. Wells Erstling „Spinner“ erschien später, in komplett überarbeiteter Form. „Fast genial“ wurde ebenfalls ein Erfolg, und nun Roman vier: „Vom Ende der Einsamkeit“. Wells schlägt darin einen andereren Klang an, er ist ernster und melancholischer, so wie die Musik, die Wells im Roman und auch bei seiner Lesung zweimal erwähnt: „Pink Moon“ von Nick Drake, dem leisen Poeten der seelischen Selbstverdunklung.

Deutschlands zurzeit prominentester Buchbügler, TV-Mannn Denis Scheck, brachte sein Urteil knallig auf den Punkt: „Ein Hammer von einem Familienroman“. Benedict Wells beschreibt darin das jähe Ende der Sorglosigkeit. Drei gut behütete Kinder werden schlagartig Waisen, ihre Eltern sterben bei einem Unfall. Die Katastrophe führt die Kinder auf ein Internat, so sind sie künftig nah beeinander und doch weit voneinander entfernt: der große Bruder Marty, der als Sonderling seinem eigenen Kompass folgt, die an Lebenshunger leidende Schwester Liz, und Jules, mit zehn Jahren der Jüngste, aus dessen Perspektive Wells erzählt.

Von „literarisch verwandelter Erfahrung“ spricht Wells. Es fließt da was ein, denn der Autor wuchs mit Heim und Internat auf. Einsamkeit und Geborgenheit, das Verkapseln im Eigenen, das Entfremden und Zusammengehören sind tiefe Themen in seinem Roman. Dazu das Wissen um Vergänglichkeit, die eigene und die des Glücks, nach dem jeder strebt. Für Jules heißt das Glück Alva, ein Mädchen aus seinem Internat, das er aus den Augen verlieren und weit später finden wird.

„Vom Ende der Einsamkeit“, erschienen bei Diogenes, führt in Zeitsprüngen durch Jahrzehnte und dahin, dass es nur den Weg gibt, sein Schicksal anzunehmen. Eine so banale wie wahre Erkenntnis. Wells zeigt bei allem Schmerz, der durch die Geschichte fließt, auch etwas Tröstliches auf, mit vielen Querverweisen auf Autoren und auf Musik, die wie ein Subtext unter der Erzählung mitlaufen.

Moderator Tilman Lahme verführte Wells, der schnell und pointiert liest, sehr offen spricht, zu einigen Exkursen. Sie führten zum Waisenkind Harry Potter (findet Wells gut) und zum Kitsch, von dem der Roman, was Plot und Philosophie betrifft, nicht so arg weit weg ist. Die Sprünge durch die Zeit, die nachfühlbare Ehrlichkeit des Erzählers, die spürbare Liebe zu seinen Figuren schützen den Roman.

Lahme und Wells sprachen auch über Kritik, darüber, wie schnell Lob verfliegt und wie anhaltend ein Verrriss schmerzt, sei er noch so leer. Aus Lüneburg nahm Benedict Wells nur Lob seiner Zuhörer und Leser mit.

Von Hans-Martin Koch