Mittwoch , 28. Oktober 2020
Tülin Pektas, geboren auf Zypern, spielt im T.NT eine Frau, die ein Wechselbad extremer Gefühle erlebt.

Andere Realitäten

Lüneburg. Pektas mit „sch“, also „Pektasch“ ausgesprochen: Das ist ihr Nachname. Davor Tülin. Tülin Pektas. Sie ist auf Zypern geboren, die Tülin Pektas, die ihr erstes Jahr am Theater Lüneburg verbringt. Mal ist sie die bleiche Ophelia in „Hamlet“, mal die erziehungsgeplagte Katja in „Frau Müller muss weg“. Jetzt naht ihr drittes Stück, sie kommt gerade von der Probe, isst noch hastig eine Art Gemüseburger und sagt: „Nach vier Stunden Proben ist man in einer anderen Realität angekommen.“ Jetzt kommt sie zurück.

Im Theater ist die in Passau aufgewachsene 31-Jährige allerdings schon seit Jahren angekommen. Erst war nach dem Abi zwar die Freie Kunst ihr Thema, dann eine Töpferlehre, schließlich aber doch und erst einmal endgültig die Schauspielerei. Tülin Pektas begann als Elevin am Schauspielhaus Salzburg, spielte anschließend 2013/14 als festes Mitglied beim Theater des Kindes in Linz.
Irgendwann in der Zeit blieb ihre Homepage stehen, sie befindet sich auf dem Stand von Juni 2014. Da war Tülin Pektas noch in der „Heidi“-Phase, also unterwegs als junge Frau, die Kinder spielen kann, mit Geißenpeter, Alm-Öhi und Alpen-Schikanen.

Es folgten vorwiegend Rollen, in denen sie eine Jugendliche spielte, da gehörte sie zum festen Schauspielensemble der Badischen Landesbühne in Bruchsal. Zwischen Kaiserstuhl und kurz vor Hessen war sie „fast jeden Tag“ unterwegs. Das hat sie als gute, reiche, anstrengende Zeit abgespeichert. Lüneburg ist ein logischer Schritt voran. „Ich wollte in ein Drei-Sparten-Haus, ein Haus, in dem alles gemacht wird, Musik, Tanz, Schauspiel. Es ist schön, dass man das alles nebenbei sozusagen einatmet.“

Terror, Angst und Glücksgefühl

Nun lebt sie hier im Flachen, war an der Ostsee und bekam Lust auf Kite-Surfen. Als vor einigen Tagen richtig Schnee lag, dachte sie daran, zum Snowboarden zu gehen, Aber wo? Geht nicht.
Die „andere Realität“ in den Proben, die kommt aktuell aus einem spannenden, herausfordernden und wohl auch provozierenden Stück: „demut vor deinen taten baby“. Laura Naumann, 1989 in Leipzig geboren, hat es 2012 geschrieben. Am 3. Dezember ist Premiere im T.NT; sie ist ausverkauft.

„Demut“ führt auf einer Flughafen-Toilette drei Frauen zusammen. Terroralarm! Der Flughafen wird evakuiert. Nur die Drei stecken fest, Lore, Mia und Bettie. Sie bilden eine Notallianz, warten jede Sekunde auf Knall und Fall in den Tod. Als der Alarm aber vorüber ist, erleben sie ein bis dahin unbekanntes Glücksgefühl, eine ungeahnte Freiheit. Daraus entwickeln sie eine komplett irre Idee: Dieses Glücksgefühl sollten alle mal erleben. Das Trio inszeniert Scheinüberfälle, und so langsam wie sicher bekommt die Sache eine Eigendynamik.

André Rößler, freier Regisseur aus Berlin, inszeniert das Stück, das bundesweit Aufsehen erregt. Das Stück ist schnell, kurz, lebt stark vom Erzählen, ist drastisch. Maike Jebens und Beate Weidenhammer spielen neben Tülin Pektas. Das Problem: Terroroanschläge gab es in jüngerer Zeit quer durch Europa. Die Frage: Darf man mit dem Thema ironisch umgehen? „Wir haben sehr viel diskutiert“, sagt Tülin Pektas. „Jetzt haben wir eine Spur aufgenommen, sehen, wie es funktionieren könnte, seitdem geht es voran, macht es klack-klack-klack-klack-klack. . .“ Die Proben sind intensiv. Tülin Pektas mag das, sie trinkt auch doppelten Espresso statt Macchiato.

Das mit dem Namen und der Aussprache, das sieht Tülin Pektas übrigens locker. „Ich habe ja in Österreich gelebt. Was die mit meinem Namen angestellt haben!?!?!“. Tülin, da ist eben Ophelia und Katja bzw. demnächst Lore, Mia oder Betty, welche Frau auch immer sie in „Demut“ spielen wird.