Mittwoch , 28. Oktober 2020
Michael Nast beklagt Ich-Bezogenheit und Beziehungsunfähigkeit junger Menschen. Foto: t&w

Michael Nast: über Liebe als Produkt

Von Antonia Wegener
Lüneburg. Als Michael Nast, Anfang 40 und gebürtiger Berliner, im Frühjahr 2015 einen Text zur Liebe im digitalen Zeitalter veröffentlichte, wurde er über Nacht bekannt. In seinem Buch „Generation beziehungsunfähig“ beschreibt Nast, weshalb sich junge Menschen nicht mehr binden wollen. Selbstdarstellung in sozialen Netzwerken, Perfektionsstreben und Dating-Apps sind die Antworten des Autors auf diesen Trend. Jetzt las er in der Ritterakademie.
„Niemand in diesem Raum ist beziehungsunfähig, das ist eher so etwas wie eine starke psychische Krankheit“, sagt Nast. Mit dieser Aussage will sich der Blogger von einem Etikett lossagen, das ihm aufgedrückt worden sei. „Ich wollte nicht für eine ganze Generation sprechen. Ich habe einfach Dinge in meinem Berliner Umfeld festgestellt“, erklärt Nast. „Aber scheinbar bin ich nicht der einzige, dem die Beziehungsunfähigkeit aufgefallen ist.“ Und damit spielt der Autor auf den millionenfach gelesenen Blogeintrag aus dem Jahr 2015 an, der später zum Buchtitel werden sollte.
„Das Buch ist kein Ratgeber, eher eine Stimmungsbeschreibung“, stellt Nast klar. In seiner zweistündigen Lesung erklärt Michael Nast, warum die junge Generation scheinbar nicht mehr in der Lage ist, eine langfristige Liebesbeziehung einzugehen. An erster Stelle steht für Nast die Digitalisierung, die mit Dating-Apps, unpersönlichen Chat-Gesprächen und der Selbstdarstellung auf Profilen von sozialen Netzwerken der Liebe die Romantik nehme. „Wir sind nicht beziehungsunfähig, sondern Ich-bezogen“, sagt Nast. Wenn sich alles um einen selbst dreht, sei kein Raum für eine feste Bindung.
In vielen Kapiteln beschreibt Nast, wie durch die Selbstinszenierung im Internet die Person selber, aber auch ein potenzieller Partner darunter leidet. „Wir haben einfach einen riesigen Drang zur Perfektion und haben deshalb auch eine perfekte Illusion unseres zukünftigen Partners.“ Doch Illusionen seien nicht erreichbar. Damit seien die ersten persönlichen Treffen meistens ein Desaster.
Besonderes Herzensthema des Berliners ist die Frage, wie Dating-Apps wie „Tinder“ das Verständnis von Romantik und Liebe verändern. Für Nast bedeutet das Prinzip von diesen Apps, dass ihre Mitglieder zu einer Ware wie im Online-Shop werden. „Produkte kann man bestellen, anprobieren und dann zurückschicken, wenn sie einem nicht gefallen.“, heißt es in einem Text des Autors.
Neben oft sehr treffenden Feststellungen spielt Nast in seinen Anekdoten über das Dating-Verhalten mit typischen, meist sehr platten Klischees über Mann und Frau. Der Fokus könnte in Nasts Buch darauf liegen, dass zwischenmenschliche Beziehungen in der jungen Generation generell an Wert und Tiefe verlieren. Das tut er aber nicht. Michael Nast hat ein Buch über das Dating-Verhalten der jungen Generation geschrieben. Es ist allerdings nicht nuanciert genug, als dass sich der Leser ernsthaft fragt, ob die Aussagen auf ihn selbst zutreffen.