Montag , 26. Oktober 2020
Miroslav Nemec treibt als Krimi-Autor ein Spiel mit seiner Berühmtheit. Foto: t&w

Dichtung und Wahrheit

Lüneburg. Die Idee ist charmant. Miroslav Nemec ist bei „Tatort“-Guckern besser bekannt als Ivo Batic und das seit 25 Jahren. Bei bald 75 Fällen als Münchner Kriminalhauptkommissar kann es einem schon mal a bissel lang werden. Drum hat Nemec einen Krimi geschrieben, in dem der wahre Nemec zu einer Lesung eingeladen wird und am Ort des Geschehens in eine Situation kommt, in der er zum Ermittler wird. So lässt sich schön mit Rolle und Realität spielen. „Die Toten von der Falkneralm“ heißt das Ergebnis. Aus dem Buch las Nemec beim Lüneburger Krimifestival, natürlich vor ausverkauftem Saal im Filmpalast.

Nemec ist auf vielen Gebieten aktiv. Der 62-Jährige hatte Klavier am Mozarteum studiert, wurde Musiklehrer, bevor das Schauspielstudium kam. In zwei Bands spielt Nemec heute, er engagiert sich für Kriegswaisen und für ein Kinderhospiz. Mit dem Soloprogramm „Nemec Platz – bitte!“ huldigt er außerdem den Sprachspielern Ernst Jandl und H.C. Artmann. Nun also auch ein Krimi. „Mein erster Fall“ steht im Untertitel. Das aber habe der Verlag hinzugefügt, nicht er, beteuert der Autor.

Einen Spaß machen wollte er sich mit dem Erkanntwerden als Kommissar, mit den doppelten Identitäten, sagt Nemec. Er habe außerdem einen Ort gesucht, an dem die Menschen von aller Kommunikation getrennt sind. Folglich geht es hinauf auf den Berg in ein abgelegenes Nobelhotel. Dort soll der wahre Miroslav Nemec aus einem Krimi von Henning Mankell lesen und dann über „Mord und Totschlag in Fiktion und Wirklichkeit“ parlieren. Auf dem Berg aber stürmt es grauslich, alle Telefone geben auf, und nach und nach verabschieden sich drei Gäste aus dem Leben. Immer sieht es wie ein Unfall aus. Aber der Batic im Nemec ist skeptisch.

Nemec Vortrag veredelt das Buch

Erzählt wird die Geschichte in einer Art Plauderton aus Sicht von Miroslav Nemec. Er lässt Blicke in sein Privatleben zu und besitzt zum Glück die Gabe der Selbstironie. Die Krimi-Konstruktion zeigt Nähe zu Klassikern von Agatha Christie und Hitchcock. Der Tonfall bleibt gemütlich, knisternd spannend ist das nicht, dafür fehlen dramatische Zuspitzungen und bleiben die Figuren zu sehr auf Distanz.

Nemec, begrüßt von Lünebuch-Chef und Festivalmacher Jan Orthey, konzentriert sich im Filmpalast aufs Lesen, vorher aber versichert er noch; „Ich kenne den Ivo Batic ja sehr gut. Ich habe ihm ein Exemplar des Buchs geschickt.“ Batic habe es gefallen, er würde bei einer Verfilmung den Miroslav Nemec spielen. Nemec mag Witze, erzählt auch zwischendurch mal zwei als Trinkpausenfüller, bevor er wieder in die Lesung einsteigt. Nemec ist berufsbedingt ein hervorragender Vortragender.

„Die Toten von der Falkneralm“ entwickelt sich als Hörbuch, von Nemec vorgelesen, zu einem deutlich größeren Vergnügen als beim Selberlesen. Laut Wiener Kurier soll der Krimi sogar mit Ghostwriterhilfe entstanden sein. Das stimmt bestimmt nicht, würde aber zum Spiel mit Dichtung und Wahrheit passen. „Bis demnächst im Fernsehen“, verabschiedet sich Miroslav Ivo Nemec-Batic.

Mehr als 4000 Besucher

Am Dienstag endete das 7. Lüneburger Krimifestival in Röhms Deli mit Meike Dannenbergs Lüneburg-Krimi „Blumenkinder“ – und mit einem Hitchcock-Klassiker im Scala-Programmkino. Jan Orthey saß nach Buchmesse und Krimifestival auf einer Tagung. Zeit für eine kurze Bilanz hatte er nach dem Nemec-Abend. „Wir haben mehr als 4000 Menschen bewegt“, sagt er, „das ist doch der Hammer!“

Das Krimifestival ist tatsächlich zu einer Institution in Lüneburg geworden – mit einer Qualität, die über die Stadt hinaus attraktiv ist, was sonst kein aus Lüneburg kommendes Festival schafft. Zu verdienen gebe es trotz der hohen Besucherzahl nichts, sagt Orthey, abgesehen vom Image-Gewinn. „Wir sehen das als Teil unser buchhändlerischen Aufgabe“, sagt der Lünebuch-Chef.

Wir, das ist das Team, das die Veranstaltungen wuppt. 2017 werde es das achte Krimifestival geben, in ähnlichem Umfang. Ihm persönlich habe der Abend mit Marc Elsberg („Helix“) am besten gefallen. Am meisten gefreut aber hatte sich Orthey auf Bernhard Aichner, der wegen einer Erkrankung absagen musste.

Der Nachholtermin steht: 4. Februar. Aus Veranstaltersicht seien wiederum die Abende mit den großen Stars besonders für ihn gewesen, der Start mit Donna Leon natürlich, auch der Abend mit Nele Neuhaus. oc