Donnerstag , 29. Oktober 2020
Olga Martynova im Gespräch mit Dr. Tilmann Lahme. Foto: t&w

Wie aus Literatur schließlich Geschichte wird

Lüneburg. Was, bitteschön, ist ein Engelherd? So jedenfalls heißt der aktuelle Roman von Olga Martynova, es geht also um Engel. Sie haben keine Ähnlichkeit mit den geflügelten Pummelchen aus den Kirchen, sondern agieren in einem schwer erfassbaren Raum zwischen den Zeiten. Dann ist da, zweitens, der unnahbare Schriftsteller Caspar Waidegger mit seiner viel zu jungen Geliebten und einer schwer behinderten Tochter. Aber es gibt noch eine dritte Dimension, die Vergangenheit, in ihr begann dieser Waidegger eine Erzählung, deren Protagonisten die Gegenwart durchdringen.

Auftakt der LiteraTour Nord mit Olga Martynova

Olga Martynova, 1962 in Sibiriren geboren, ist der erste Lüneburg-Gast der Lese-Reihe „LiteraTour Nord 2016/17“. Moderator Dr. Tilmann Lahme, als Nachfolger von Dr. Sven Kramer erstmals auf dem Podium im Einsatz, ging im vollbesetzten Heine-Haus daran, gemeinsam mit der Schriftstellerin die Handlungsebenen zu sortieren und die Funktionsweise der Erzählung zu ergründen. Ihre Richtung führt, so viel wurde schnell klar, in düstere Zeiten und in die dunklen Winkel der menschlichen Seele.

Zunächst einmal: Ein Vogelherd ist ein Platz, meistens ein künstlich angelegter hügeliger Ort, an dem verschiedene Vögel gefangen wurden bis ins 19. Jahrhundert eine beliebte Freizeitbeschäftigung, die in Deutschland dann irgendwann verboten wurde. Der Buchtitel meint also einen Raum, in dem Engel gefangen werden. Nicht mit Netzen natürlich, denn Olga Martynovas Engel sind eher Geister, Gespenster, auch Gedanken und Vorstellungen, die den Menschen umflattern und keine Grenzen kennen; sie können durchaus böse und untereinander heftig zerstritten sein.

„Es gibt keine schlechten Menschen, nur schlechte Zeiten.“  Olga Martynova

Ihr Einfluss auf die Menschen ist denn auch eher ambivalent. Der alternde Caspar Waidegger behandelt seine Freundin schlecht. Sie schreibt eine Doktorarbeit über sein Werk und lässt sich von seinem rüden Benehmen nicht abschrecken. Er dagegen webt an dem als Kitsch­roman angelegten Stoff „Zwischenfall am See“: Geboren als gesellige Schnapsidee, entsteht die sich verselbstständigende Geschichte einer Schauspielerin, die im Nationalsozialismus Karriere macht und deren ebenfalls behinderte Tochter von Euthanasie-Ärzten ermordet wird.

Keine triviale Kitscherzählung

Damit ist das Ziel gesetzt, „das Buch ist ein Versuch, sich dem Thema Euthanasie literarisch zu stellen“, so Tilmann Lahme. Da ist ein Engel, der einen schwimmenden Mädchenkopf umarmt, ein Bild für die unfassbaren Menschenversuche der NS-Ärzte, für das Präparat eines hübschen, engelsgleichen kleinen Mädchenkopfes in Formaldehyd. Klar ist nun: Die Kitscherzählung wird wohl doch nicht so trivial, und auch Waidegger hat eine Vergangenheit, die ihn prägt, und nun verwirbeln sich die Engel, die Schatten, mit der Literatur und schließlich mit der Gegenwart. „Ich wollte Geschichte poetisch nacherzählen“, so Olga Martynova; im Raum steht nun auch ihr Satz „Es gibt keine schlechten Menschen, nur schlechte Zeiten.“ Darüber allerdings ließe sich streiten. Das „Engelherd“-Personal jedenfalls, egal ob böse oder nicht, ist durchweg im Umgang ziemlich anstrengend und etwas angeknackst „die möchte ich alle nicht als Nachbarn haben“, so Lahme, der mit Verve durch die vertrackte, insgesamt ziemlich komplexe Lesung führte.

Fest steht: Martynova, 1991 nach Deutschland ausgewandert, findet mit ihrer Erzähltechnik viel Anerkennung; sie hat einige hochkarätiger Preise gewonnen, den Bachmann-Vorlesewettbewerb zum Beispiel. Sie schreibt Romane auf Deutsch und Lyrik weiterhin auf Russisch.

Fest steht auch: Nächster Gast der LiteraTour Nord ist Teresa Präauer, Mittwoch, 16. November, 19.30 Uhr im Heine-Haus.

Von Frank Füllgrabe