Dienstag , 27. Oktober 2020
Klaus-Peter Wolf freut sich über einen seiner Gags, und er hat noch jede Menge Anekdoten in der Hinterhand. Foto: t&w

Sonne, Mord und Meer

Lüneburg. Es gibt viele Formen von Eitelkeit. Jeder pflegt sie auf seine Weise. Klaus-Peter Wolf kennt, schreibt und hegt sie alle. Eine Form läuft als Understatement: Seine Bücher seien ja nur über das Weitersagen bekannt geworden, sagt der König des Ostfrieslandkrimis. Eine andere Art tarnt sich grell. Wolf schreibt sie Rupert zu, dem Proll seiner Krimis, der in einschlägigen Kreisen Kultstatus genießt. Die hochtrabende Eitelkeit wird im aktuellen Krimi von einem TV-Journalisten verkörpert, und die Eitelkeit der Selbstverliebtheit erwischt auch Wolf: Er sonnt sich in seinen Gags beim Auftritt im ausverkauften Kulturforum.

Wolf hat viel geschrieben in seinem Leben, für Theater, für Film, für Kinder. Er engagierte sich für Nicaragua, er recherchierte verdeckt über Mädchen- und Frauenhändler. Mit den Ostfriesenkrimis verankert sich der Ruhrpöttler vom Selbstverständnis her bei Arbeiterschriftstellern wie Max von der Grün. Vor allem aber hat sich der 62-jährige Wahl-Ostfriese seit 2007 ein Imperium geschaffen, in dem seine Frau Bettina Göschl als Liedermacherin und Co-Autorin bei Kinderkrimis mitregiert. Sie brachte jetzt eine CD mit Krimiliedern heraus, mit klassischen wie „Mackie Messer“ und eigenen, die ins Wolf-Gebiet führen.

Der Mix aus Fiktion und real existierenden Menschen

Klaus-Peter Wolf führt idealtypisch das Genre Regionalkrimi vor mit einem Mix aus erfundenen und real existierenden Figuren wie dem Maurer Peter Grendel, dazu mit besuchbaren Schauplätzen. Regionalkrimis rücken oft Orte ins Licht, die Autoren sonst kaum ein Komma wert waren. Norden etwa: Dort, im Café ten Cate, dürfte der Autor stets einen Extraklacks Sahne zum Apfelkuchen bekommen. Die Touristiker zwischen Aurich und Wangerooge allerdings müssen aushalten, dass in ihrem plattgebürsteten Land neben Sonne, Wind und Meer das Morden zu Hause ist. Gefallen wird ihnen dennoch, dass jetzt Band eins „Ostfriesenkiller“ verfilmt wird, mit Christiane Paul als Ann Kathrin Klaasen.

Wolf schreibt routiniert. Er wechselt in „Ostfriesenschwur“ die Perspektive von Ermittlern zu Tätern und Opfern und bedient die Sache mit dem Suspense perfekt. Leser wissen immer etwas mehr als die Ermittler, aber nie so viel, dass die Spannung nachlässt. Wie bei fast allen Krimiautoren, die zu Serientätern werden, rückt der reine Kriminalfall ein wenig in den Hintergrund. Die Leser leben mit den Figuren. Was Brunetti bei Donna Leon, das ist im Wolf-Rudel Ubbo Heide, Ann Kathrin Klaasens Chef. Ihn erwischte ein schlimmes Schicksal, Wolf schickte ihn bereits in Rente. Aber Proteste seiner Leserinnen Wolf spricht das mit großem „I“ aus haben Ubbo Heide wieder ins Geschäft gebracht, auch wenn ein neuer Chef aus dem fernen Bremerhaven um Aufmerksamkeit ringt.

Klaus-Peter Wolf ist ein fröhlicher Entertainer, er durchstreift mit Bettina Göschl ein immer größeres Revier. Im vergangenen Jahr hätten sie 271 Nächte in Hotels verbracht. Bereits im April hatten sie den „Ostfriesenschwur“ in Adendorfs Bücherei am Rathausplatz abgelegt. Gast beim Lünebuch-Krimifestival war der Mann mit den roten Hosenträgern zuletzt vor zwei Jahren (mit „Ostfriesenfeuer“), im gleichen Jahr las er bei der Bienenbütteler Buchwoche.

Ann Kathrin und der Kampf mit dem Twingo

Von den abstrusen Grausamkeiten mit herausgeschnittenem Kehlkopf, anderweitigen Schlitzereien und sonderbar erfolgreicher Abhörmethode liest Wolf so gut wie nichts. Er führt lieber Rupert vor, den Deppen vom Dienst, dazu den aufgeblasenen Journalisten Faust und natürlich Ann Kathrin, diesmal im Kampf mit ihrem froschgrünen Twingo. Dazwischen singt Bettina Göschl, und alle im Kulturforum würden jetzt gern mal einen Tee mit Minzblatt drin trinken, so kuschelig wird es. Beim Lesen des Krimis, der nebenbei die Grauzone von Recht und Unrecht beleuchtet, kann einem dann ja wieder angst und bange werden. Fall elf folgt im Februar, es kommt noch dicker. . .
Apropos Eitelkeit: Auf den Sitzen liegt die Zeitung „Ostfrieslandkrimis“, Auflage 1,5 Millionen. Auf Seite eins zeigen gleich vier Fotos den Mann, der auch mit „Ostfriesentod“ von Null auf Eins fliegen wird.

Von Hans-Martin Koch