Samstag , 31. Oktober 2020
Donna Leon im Theater Lüneburg: Sie vergleicht den Bau ihrer Bücher mit dem Formprinzip von Barockopern. Foto: t&w

Donna Leon erföffnet 7. Lüneburger Krimifestival

Lüneburg. Mit keinem Mann lebt Donna Leon so eng zusammen wie mit Guido, den alle Brunetti nennen. Die amerikanische Autorin feiert mit ihrem Guido sozusagen Silberhochzeit: Der 25. Fall des Commissario ist erschienen: „Ewige Jugend“. Beim Start zum siebten Lüneburger Krimifestival wird im ausverkauften Theater Lüneburg folglich Alterslosigkeit ein Thema, dazu natürlich Venedig, generell das Schreiben und außerdem die Barockoper. Sie weckt Donna Leons Leidenschaft. Die Amerikanerin, die ihre Jahre in einem Alpendorf, in Zürich und Venedig verbringt, sorgte mit Annett Renneberg alias Signorina Elettra und Moderatorin Margarete von Schwarzkopf für einen unterhaltsamen Abend.

Donna Leon ist eine zierliche Frau, sie zeigt sich engagiert und zugleich abgegrenzt. Dass ihre Krimis immer ein wenig heimelig wirken, liegt an der inneren Nähe der Autorin zu ihren Helden. „Ich schuf Brunetti als einen Mann, mit dem ich gerne Zeit verbringe“, sagt die heute 74-Jährige. Wer wolle schon mit einem depressiven, Hamburger vertilgenden Alkoholiker zusammensein?! Solche Ermittler werden im Lauf des Krimifestivals sicher zu Wort kommen.

Im Sommer auf der Flucht

Donna Leon wollte einen Mann an ihrer Schreibseite, der liest, liest und liest. Dass Guido Brunettis Frau Paola von Adel ist und an der Universität Literatur lehrt, dass die Kinder nur moderat pubertieren, dass stets gern und gut gegessen und getrunken wird, das alles ist Donna Leon wichtig. Und dass Brunetti den Zustand Venedigs beklagt, entspricht Leons Sicht auf die Stadt, die im Meer und im Müll unterzugehen droht. Donna Leon geht im Sommer auf die Flucht.“ 50000 Einwohner und 30 Millionen Touristen! Eine Stadt, die ermordet wird, ein Opfer der Gier“, sagt sie.
Brunetti „forever 45“ muss in „Ewige Jugend“ 15 Jahre zurücksteigen. Es geht um ein Mädchen, das als 15-Jährige unter Wasser gedrückt wurde und mit einem Hirnschaden als ewig Siebenjährige gerettet wurde gefangen in einem Körper, der nun 30 Jahre alt ist. „Es ist in dieser Hinsicht das schrecklichste Buch, das ich bisher geschrieben habe. Das Opfer weiß nicht einmal, dass es ein Opfer ist.“

„Ich weiß zu Beginn nicht, wer der Mörder ist. Ich muss schreiben, um es herauszufinden“ Donna Leon

Ihre Ideen findet Donna Leon beim Lesen von Zeitungen. „Ich weiß aber nie, wohin es führt. Ich weiß zu Beginn nicht, wer der Mörder ist. Ich muss schreiben, um es herauszufinden“. Donna Leon schreibt ohne Plan: „Das erste Kapitel führt zum zweiten, das zum dritten…“ Fehler bügle ihre Lektorin aus.
In ihren Romanen entdeckt sie aber ein Prinzip, das der Barockoper: Dabei stehen Rezitative, in denen die Handlung vorangetrieben wird, im Wechsel mit betrachtenden Arien. Was sie meint, deutet die Freundin von Händel-Opern und Förderin barocker Musik halb singend und gestenreich an.

Das „Warum“ steht im Fokus?

Nur bedingt funktionieren die Brunetti-Bücher wie Krimis. Das „Whodunit“, Horror und blutiger Exzess interessieren die Autorin nicht, Serienmörder langweilen sie, sie will etwas über das Warum erfahren. Sie gibt ihren Geschichten und Figuren Zeit und Humor. Der von ihr gelesene englische Auszug aus dem Romanbeginn geht nahtlos über in deutschen Text, den Annett Renneberg liest und das mit einer Ausdruckskraft, die geradezu bildlich ist. „Ich sehe immer Uwe vor mir“, sagt die bei Schwerin lebende Schauspielerin und meint Uwe Kockisch, den Brunetti-Darsteller in den deutschen Verfilmungen. Sie mehren die Popularität Brunettis und Venedigs hierzulande enorm, interessieren Donna Leon aber nicht wirklich. Fall 25 wird 2017 verfilmt, Fall 26 erscheint im Februar auf Englisch, im Sommer auf Deutsch und sicher in rund 30 weiteren Sprachen außer italienisch. Ist sie in Venedig, will die Autorin ihre Ruhe haben.

Nach knapp 90 Minuten, durch die Margarete von Schwarzkopf kompetent leitet, macht Donna Leon mit Blick zur Uhr klar, dass nun mal Schluss sein muss. „May I read another aria?“ fragt sie und liest, wie Brunetti nach sportlosen Jahren und einem Ausdauerrudern seinen Körper kennenlernt.

Von Hans-Martin Koch

Der nächste Fall:

Nur noch Resttickets gibt beim Lünebuch-Krimifestival für Ule Hansen am 30. Oktober (Krone) und für Michael Tsokos am 3. November (Leuphana).

Bessere Chancen bestehen bei Mark Billingham (1. November, Musikschule), Joakim Zander (2. November, Kunstsaal), Marc Elsberg (5. November, Palais am Werder) und für den Scala-Hitchcock-Abend „Über den Dächern von Nizza“ (8. November).