Samstag , 31. Oktober 2020
Johanna Krumstroh, aus Scharnebeck stammende Schauspielerin, gestern bei der Märchen-Rezitation. Foto: be

Klassik will gelernt sein

Adendorf. Über die Zukunft der klassischen Musik wird gern spekuliert. Sie ist wertvoll, sie bleibt keine Frage. Aber wer hört ihr eigentlich zu? 60-Jährige, so ist das nun mal, gehen statistisch gesehen eher in ein Rockkonzert als zu Symphonie, Oper und Streichquartett. Das hat viel mit dem Aufwachsen, mit der Sozialisation zu tun. Das Erfahren klassischer Musik muss früh ansetzen. Vermittlung ist ein Zauberwort, Begegnungen schaffen eine Daueraufgabe. Katharina Hinz, Pianistin, Mutter und Leiterin der Adendorfer Serenade, sorgt dafür: Konzert Nummer eins der Serenade 2016/17 war eines für die Familie, erst in der Bücherei, gestern in der Schule am Katzenberg. Leicht hatten es die Musiker in der Schule nicht.

„Klassik und Krise“, das Thema wird so oft beschworen wie „Theater und Geld“. Pessimistisch betrachtet sind die Zahlen nicht berauschend. Gerade mal knappe zwei Prozent der Hörer schalten NDR Kultur an, eher sind es sogar weniger, und irgendwo wird immer gerade ein Orchestersterben beklagt. Wem klassische Musik weder im Elternhaus noch im Radio begegnet, wie soll er sie lieben lernen? Wie kann sich in einer Zeit der musikalischen Drei-Minuten-Formate ein 30-Minuten-Werk behaupten? Knapp eine Stunde dauert PF Marinos musikalische Umsetzung des Märchens vom „Gestiefelten Kater“, zu dem mehr als 300 Kinder gestern Vormittag in die Aula der Adendorfer Schule kamen. Eine lange Zeit zum Stillsitzen und Lauschen. Es ging ganz gut.

Formate werden aufgebrochen, Grenzen aufgehoben

Optimistisch betrachtet ist in Sachen Klassik festzustellen, dass plötzlich Massen in die jahrelang wegen ihrer Kostenexplosion verhasste Elbphilharmonie wollen. Die Nachfrage nach Konzertkarten explodiert. „Aber ich kann Sie beruhigen, es ist nicht alles ausverkauft“, sagt Elena Wätjen, die in Lüneburg Kulturwisssenschaften studierte und jetzt zum Presseteam der Elbphilharmonie zählt. Auch Festivals wie das von Dr. Markus Fein geleitete in Mecklenburg-Vorpommern melden Rekorde.

Spürbar ist: Das Drumherum wird wichtiger. Das muss man nicht mögen, aber es gibt der Musik ein Stück Lockerheit, ohne ihre Tiefe zu verleugnen. Typisch ist, dass Formate aufbrechen, Grenzen aufgehoben werden. Pianist Markus Becker spielte gerade solo in der Lüneburger Musikschule, erst Skrjabin und Mussorgsky, dann Jazz, Standards und Improvisationen. Das passt, denn die Welt des Entweder/Oder ist stocksteif und eindimensional, das Sowohl/Alsauch bunt und darum zeitgemäß.

Mit Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott und Horn mehr als 300 Kinder in einer Schulaula über eine Stunde zum Zuhören zu bekommen, das ist eine echte Herausforderung. Kammermusik braucht einen passenden Ort. Am Tag zuvor kamen rund 60 Kinder inklusive Begleitung in die Bücherei am Rathausplatz, das passte.

„Es war einmal ein Ort, an dem absolute Stille herrschte“

Nun leitet in der Schulaula vor Kindern aus dritten bis sechsten Klassen die großartige, aus Scharnebeck stammende Sprecherin Johanna Krumstroh das Märchenkonzert passend ein: „Es war einmal ein Ort, an dem absolute Stille herrschte.“ Zack, schon ist es still. Für vielleicht drei Minuten. Dann aber wandelt sich Stille zu einem relativen Begriff. Es wird nicht wirklich laut, aber konzentriertes Lauschen hört sich anders an.

Märchen haben es auch nicht mehr leicht. Sie bauen sich langsam auf, ihre Form von Poesie und Phantasie braucht eine Atmosphäre, in der Zuhörer mitschwingen können und wollen. Johanna Krumstroh trägt den Text pointiert vor, sie baut Spannung auf, geht emotionalen Ebenen nach. Genau das leistet auch die quer durch die Genres streifende Musik. Sie ist nicht simpel, biedert sich nicht an, charakterisiert Figuren und Szenen auf originelle, unaufdringliche Weise, oft mit Humor.

Das Arirang Quintett hat in mehr als 20 Ländern gespielt, in ihm sitzen Ex-Mitglieder der Jungen Deutschen Philharmonie, einem Orchester der Besten. Die Arirangs haben viel Erfahrung mit Familienkonzerten gesammelt. Schulkonzerte aber sind eine härtere Herausforderung. Sie haben es gestern gemeistert. Ob dieser Auftritt aber Ohren für klassische Musik geöffnet hat, das darf, das muss bezweifelt werden. Aufgeben gilt nicht.

Von Hans-Martin Koch