Freitag , 18. September 2020
Bernhard Nürnberger öffnet im Kulturforum seine Wunderkammer mit alten und neuen Exponaten. Foto: ff

Bernhard Nürnbergers autobiographisches Kabinett

Von Frank Füllgrabe

Lüneburg. Dort, wo die Ausstellung ihren Ausgangspunkt hat, riecht es ein wenig muffig: Die Exponate sind alt. Ein Kindertischchen steht in der Mitte, an der Wand hängt ein völlig zerfledderter Mantel, gegenüber finden sich ausgestopfte und mumifizierte Tiere, ein Gummischwein, ein Muff (zum Warmhalten der Hände) und eine Armprothese.

Eine ziemlich bizarre Sammlung, für Bernhard Nürnberger ein kostberer Fundus. Es sind Bestandteile einer Kindheit, die sich auswächst zu einem Leben als Sammler und Künstler. „Bernhard Nürnbergers Wunderkammer Kinderstube“ heißt die Ausstellung, die heute, Donnerstag, um 19.30 Uhr im Kulturforum Gut Wienebüttel eröffnet wird.

Wenn Nürnberger aus den Fenstern der Galerie schaut, sieht er seine Abenteuer-Spielplätze, „ich kenne hier jeden Baum“, sagt er. Das Kulturforum war einst ein Gutshaus, Teil des Niedersächsischen Landeskrankenhauses, zu dem neben den Gebäuden für die psychisch Kranken auch Werkstätten und landwirtschaftliche Betriebe gehörten Wienebüttel war im Grunde eine eigene au­tarke Gemeinde.

Das Landeskrankenhaus als autarke Lebenswelt

Bernhard Nürnberger, 1943 in Goslar geboren, lebte hier von 1946 bis 1958 mit drei Geschwistern als Sohn des Arztes und LKH-Direktors Rudolf Nürnberger (er trug die Armprothese). Kostbare Erinnerungsstücke aus der Kindheit, der Photoapparat der Mutter, plattgefahrene Frösche und andere Kostbarkeiten was Jungs eben so mit sich herumschleppten liegen unter Glas. Unter der Decke hängt ein Feldbett, darauf schlief der Vater nach/vor der Arbeit gelegentlich.

Nürnberger zog hinaus in die Welt, wurde Maler, Bildhauer, Karikaturist und Kunstlehrer in Berlin, schrieb für die taz ein echter Achtundsechziger, natürlich Sympathisant der Apo. Er verknüpfte eine Hornbrille mit einem Maulkorb, ein Kommentar zum berüchtigten Radikalenerlass, das Exponat zählt nun zu den Schlüsselwerken.

Und immer wieder der platte Frosch

Ironie und Sarkasmaus sind als Grundstimmungen spürbar, die Ausstellung führt von Objekten zur Malerei, zu leicht deformierten Steinbüsten (in denen manche Betrachter Patienten des LKH sahen) und wieder zurück zur Malerei und zu Assemblagen. Der vielseitige Künstler gewann den VBK-Benninghaus-Preis und betreibt eine eigene Galerie, die Kunstkammer Friedenau.

Der tote Frosch taucht in den Gemälden wieder auf, ebenso wie ein steinerner Kopf, manche Bilder wirken nun selbst wie kleine Ausstellungen innerhalb der Ausstellung, „das eine ergab sich aus dem anderen“, so Bernhard Nürnberger, „das Ganze besitzt eine innere Logik, die ich aber erst im Nachhinein erkannte.“ Eines der jüngsten Exponate ist nun wiederum ein Frosch, diesmal aus Filz, in Menschengröße. Hier endet der über sechzig Jahre führende Ausflug.

„Ich neige nicht zum Pathos aber ich bin beglückt, hier ausstellen zu können“, sagt Bernhard Nürnberger. Seine „Wunderkammer Kinderstube“ im Kulturforum Gut Wienebüttel ist bis 30. Oktober geöffnet.