Mittwoch , 30. September 2020
Simone Kermes (Sopran, li.) und Vivica Genaux (Mezzosopran) erinnern als Rival Queens an zwei Primadonnen, die sich zu Händels Zeit auf der Bühne bekriegten. Foto: t&w

Zickenkrieg ist wunderbar

oc Lüneburg. Giacomelli hat nichts mit Bildhauerei zu tun, Vinci war kein Universalgelehrter. Torri spielt nicht Fußball, und weder Ariosti noch Pollarolo kann man im Ristorante bestellen. Auch Bononcini, Arena und Porpora sind ein Fall für Spezialisten. Johann Adolf Hasse immerhin ist ein Bergedorfer, und von Händel schließlich hat jeder schon etwas gehört. Sie alle haben vor mehr oder weniger 300 Jahren Musik geschrieben, die folgende Fragen stellt: Können Stimmen Blitze schleudern, die Welt in Flammen setzen und Herzen in der Luft zerreißen? Aber gerne doch, sagen, nein, singen Simone Kermes und Vivica Genaux.

Zwei Diven von Welt erstürmen die Michaeliskirche: „Barocke Rivalitäten“ heißt der Abend, er fußt auf einem legendären Zickenkrieg. Geliefert haben ihn sich am 6. Juli 1727 die Damen Faustina Bordoni und Francesca Cuzzoni, Primadonnen von Händels erster Londoner Opernakademie. Angeblich zofften sich die Damen auf offener Bühne und zwar auf derbste Weise. Ob es stimmt, ist total egal, die Geschichte ist gut, allemal als Vorlage für eine Fortsetzung in ironischer Form und einen Abend, der von zwei Sängerinnen alles abverlangt, was Barockmusik an Bravour bieten kann.

Mehr an Koloraturen, Fiorituren, Arpeggien und Melismen, kurz gesagt an aberwitzigen Melodieläufen geht nicht. Simone Kermes, die junge Wilde unter den Göttinnen des Barockgesangs, und ihre Mitgöttin Vivica Genaux feiern mit ihrem „Rival Queens“-Programm wechselweise solo und zweimal im Duett einen Triumphzug. Um nichts anderes geht es.

Die Kermes besitzt längst Popstar-Status und pflegt diesen. Die Drama-Queen tritt zur schon laufenden Musik auf, schüttelt die Mähne, stemmt die Hände in die Hüften, ballt die Fäuste, tanzt, lacht und feuert Soprankoloraturen wie Salven ab. Ihre Technik ist irrwitzig gut, sie muss sich fast bremsen, und am Ende klatscht sie schon mal Orchesterchef Andrés Gabetta ab.

Vivica Genaux nimmt ihn lieber in den Arm. Die Mezzosopranistin gibt die etwas introvertiertere Primadonna, aber das Format ihrer Stimme ist nicht geringer als das der ausladenden Kollegin. Beide tauchen ungeheuer virtuos durch die Welt der Affekte in den Wut- und Schmerzausbrüchen der auf Effekt getrimmten Arien.

Einen großartigen Job absolviert die im Stehen spielende Cappella Gabetta, mit federnder Rhythmik, Akzente setzend, sich zurücknehmend. Sie bleibt im Dienst der Damen bei ihrem Schausingen. Die Vorlagen des Programms stammen fast alle von heute vergessenen Meistern der italienischen Barock­oper. Bei aller Raserei, die dieser Abend aneinanderreiht, sind es schließlich die Kontraste, die bleibenden Eindruck machen. Den elegischen Ton beherrscht Vivica Genaux mit warmem Timbre vollendet, und eine poesievolle Giacomelli-Arie formt Simone Kermes zum schönsten Stück des Abends, mit Zeit, Hingabe, einem fast gehauchten Piano, das sie traumhaft schön in die Höhe gleiten lässt. Das Orchester lässt die Musik sanft ausströmen beglückend!

Doch ruckizucki tobt wieder das pralle Leben, weiter geht es mit ironischen szenischen Andeutungen, ausgestelltem Divengehabe bis hin zur kleinen Schau-Rauferei. Mitsamt den aufgedonnerten Roben bietet dieser Abend des Schleswig-Holstein Musik Theaters Weltklasse-Entertainment; in der Kirche wirkt es allerdings recht deplatziert. Als Zugabe schmettern Kermes/Genaux barockisierte Abba-Hits zum Mitklatschen und verabschieden sich mit der „Barcarole“ und einem Knutscher. Nun denn. . .

Die Kermes hat Fans, die ihr hinterherreisen, sie werden die beiden „Rival Queens“ zum Beispiel am 26. November in der Hamburger Laeiszhalle genießen. Für Lüneburg ist eine andere Fortsetzung wichtiger: Christian Kuhnt, neuer Chef des Festivals, wird die Stadt auch künftig temporär als Teil Schleswig-Holsteins eingemeinden. Das garantiert Klasse und Spannung.