Montag , 5. Dezember 2022
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Johann König stürmt die Bühne und hat beim Publikum schon gewonnen. (Foto: be)

Johann König mit “Jubel, Trubel, Heiserkeit” im Kulturforum

Er gilt als Meister des ausschweifenden Minimalismus: Der Comedian Johann König bezaubert sein Publikum mit kleinen Gesten und Andeutungen, die er zu großen Dramen ausbaut. Im Kulturforum Gut Wienebüttel feierte ihn das Publikum für sein gut zweistündiges Solo mit "Jubel, Trubel, Heiserkeit".

Lüneburg. Vermutlich fast jeder, der sich für die deutsche Kabarett- und Comedyszene interessiert, kennt ihn aus den Medien: Johann König, der gern als Meister des ausschweifenden Minimalismus bezeichnet wird, als König der Komiker-Poeten, der nur einen Tisch und zwei Barhocker braucht, um ohne Ende mit meist leisen Worten, vielsagender Mimik und zuweilen jähen kurzen Wutausbrüchen sein Publikum zu bequatschen.

Er begeistert seine Fans, die schon kichern und lachen, wenn er nur auf der Bühne steht und lächelnd mit Fake-Silberblick umherguckt. Genauso war es auch in der ausverkauften rappelvollen Konzertscheune des Kulturforums, die mehr als zwei Stunden lang von Lachanfällen erschüttert wurde.

Wo ist er hier überhaupt gelandet?

„Llllüneburg“, stammelte König, von seinem Zettel ablesend und laut sinnierend, wo er überhaupt gelandet war, in welcher „zusammengezimmerten Bretterbuden-Sauna mit rot bezogenen Plastikstühlen“ – „Hauptsache es gefällt euch, dann bin ich ja schon wieder weg!“ Seine Ankunft zu diesem Ersatztermin (anstelle des im November 2021ausgefallenen Auftritts) hatte er mit großem Scheinwerfer- und Lautsprecher-Trara aus dem Off angekündigt, kam dann winkend an die Rampe und stellte Fratze schneidend seine Jeans samt froschgrünem Polohemd und sein gestisches Talent mit einer Halbspagat-Verrenkung zu Schau.

Und schon lachten sich die Leute schief. Typisch ist ja für Johann König, dass seine Wortwahl vor allem deshalb zum Lachen nötigt, weil er sie durch passende, oft scheinbar harmlose Blicke und Grimassen zum Leben erweckt. Seine pantomimischen Glanzstücke provozieren in den ungekünstelt wirkenden Kunstpausen plastische Bilder höchst paradoxer Situationen. Er animiert das Vorstellungsvermögen seines Publikums derart, dass er Sätze oft nicht zu Ende sprechen muss, weil nach einigen Schweigesekunden klar wird, worauf er hinaus will.

Seit 1998 macht Johann König Live-Auftritte

Leisen Worten folgen zuweilen umso jäher wirkende humoreske Wutausbrüche, die zwar ernste Alltagsprobleme spießiger oder humorloser Bürger aufblitzen lassen, jedoch Königs Sympathiesanten natürlich spontan amüsieren. Viele kennen den Comedian mit der heiseren Stimme ja schon lange, er tritt schließlich seit 1998 live auf, heimste Comedy- und Kabarettpreise ein und war jahrelang Nachbar von Christine Westermann und Götz Alsmann in der TV-WG „Zimmer frei“.

Die Covid-Impfungen und Lauterbach liefern neuen Stoff („Wer jetzt noch Maske trägt, der hat Affenpocken“), ansonsten geht es um die deutsche Sprache und gewisse Verballhornungen, inklusive in Emails unbekannter dubioser Frauen, die sich in unverständlichem Quasideutsch Männern anbieten. Vor allem aber tut Johann König so, als erzähle er Details aus seiner eigenen Familie, die mit Ehefrau, drei Kindern, einer Katze und einem Hund ohne Ende Geschichtchen bietet.

Urlaub heißt jetzt „quality time“

Da braucht er kaum Extra- Witzchen einzustreuen. Vor allem, wenn er das Jetzt („Verweichlichen“ der Kinder in puncto „Sicherheit und Ernährung“) mit dem Früher vergleicht, mit seiner Kindheit in kinderreicher Familie mit Hintensitzen im Auto, natürlich ohne Helm und ohne Gurt (mit rauchendem Vater und Pralinen verteilender Mutter). Wenn er keinen Urlaub mehr hat, sondern als „quality time“ nur Ortswechsel in unbekannte teure Gefilde, in denen er sich hauptsächlich auf den Schulbeginn freut.

Sensibilisieren ist das Zauberwort. Bewusster von Köln nach Düsseldorf fliegen. Fahrrad mit Transportkiste fahren. Irgendwie schafft Johann König es, seine urkomischen und zugleich nachdenklich machenden und detailreichen Anekdötchen und Publikumsbeschimpfungen nicht nur per se wirken zu lassen, sondern sie in ungewohnter Weise zu verbinden. Er greift anfangs ausgelegte lose Erzählfäden am Ende wieder auf und knotet sie plausibel zusammenzuknoten.

Um Zugaben kam der Comedian nicht herum – der frenetische Schlussbeifall seiner Fans hielt lange an.

Von Antje Amoneit

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