Dienstag , 22. September 2020
Foto t&w Klaus Hoppe

Es soll weitergehen

Lüneburg. Zweimal Rummel im Jahr, ab und zu schlägt ein Zirkus sein Zelt auf. An mehr als 300 Tagen im Jahr aber stauben die Sülzwiesen vor sich hin. Mit dem Lüneburger Kultursommer kommt Leben auf die Freifläche. Es ist ein Wagnis, in so kurzer Zeit ein Kulturprogramm aus dem Boden zu stampfen. Es ist mutig, ein Konzept zu entwickeln, das die Corona-Bedingungen einhält und doch bis zu 1000 Menschen ein Kulturerlebnis zu ermöglichen. Es ist eine Herausforderung, das Projekt mit Bewohnern und Behörden in Gang zu bringen. Im Interview zieht Co-Veranstalter Klaus Hoppe ein Zwischenfazit und spricht über eine mögliche Zukunft der Veranstaltung.

Mit Samy Deluxe steht am 15. August zum ersten Mal ein ausverkauftes Konzert bevor. Fahren Sie aber nicht ein gigantisches Defizit ein, wenn manche Programme gerade mal 200 Besucher bekommen?
Hoppe: Wir sind insgesamt fünf Veranstalter, davon zwei Hauptdienstleister, die viel Equipment kostenlos einbringen, das sind Campus Management und Protones. Auf alle wird sich am Ende wohl ein Minus von unter 200 000 Euro verteilen. Allerdings war uns von vornherein klar, dass wir kein Geld verdienen.

Warum machen Sie das dann?
Es geht um Perspektiven für eine in Not geratene Branche und für unsere Mitarbeiter. Wir sind bundesweit die ersten mit einem pfiffigen und sicheren Konzept für bis zu 1000 Gäste. Mittlerweile dient unser Konzept als Modell für andere Städte. Es geht auch um neue Kontakte zu Künstlern und Agenturen, die sonst nicht nach Lüneburg kommen. Ihre Dankbarkeit ist erlebbar und wird zu neuen Terminen im nächsten Jahr führen.

Was läuft inhaltlich und was organisatorisch gut, was nicht so gut?
Überwiegend liegt es am kurzen Vorlauf von drei bis sechs Wochen, dass Besucherzahlen zu gering waren, aber auch an der Breite der Zielgruppen, die wir ansprechen wollten. Nite Club hätte mit ausreichend Vorlauf sicher 400 statt der 200 Besucher erreicht. „Tussi Park“ mit dem Ohnsorg-Theater mit 220 Besuchern lag schon dicht an den erwarteten 300. Culcha Candela mit 580, Michael Schulte und Thees Uhlmann mit gut 600 waren fast im Plan. Neben Samy Deluxe haben wir mit zwei Tagen „Stand up 44“ und vermutlich Bodo Wartke in den kommenden Wochen aber weitere vollständig ausverkaufte Veranstaltungen.

Was hätten Sie anders machen wollen?
Uns fehlte Zeit. Zeit für ausreichende Kommunikation mit Sponsoren und Medienpartnern. Zeit, Werbung frühzeitig zu platzieren. Zeit für eine produktive Kommunikation mit Stadt und Landkreis. Zeit für Förderer-Akquise. Zeit für Anwohnerkommunikation und Zeit, unseren Mitarbeitern genug Vorlauf für ihre Aufgaben zu geben. Aber sie sind hervorragend, geben alles.

Sehen Sie für dieses Format an diesem Ort eine Zukunft, nach Corona auch mit möglicherweise wesentlich mehr Besuchern?
Vieles lief und läuft sehr gut, und wir haben schon jetzt, wo wir noch mittendrin sind, unglaublich viel gelernt, um diesen Kultursommer im nächsten Jahr zu wiederholen. Allerdings mit Korrekturen: keine basslastigen Beats mehr zum Schutz der Anwohner, einen Programmvorlauf von drei bis sechs Monaten und eine breitere Einbeziehung der Lüneburger Veranstalterszene, etwa Theater, Kulturforum, Lünebuch, was wegen der Kurzarbeit und unserem kurzen Vorlauf nicht gelang. Die Festwiese auf den Sülzwiesen kann unter wie gesagt besserer Berücksichtigung der Künstlerauswahl ein fantastischer Ort für Kulturveranstaltungen sein, eben für eine Zukunftsstadt mit Lebensqualität.

Von Hans-Martin Koch