Samstag , 24. Oktober 2020
Intendant Oliver Wille stellt das Programm vor, die Blockflötisten Elisabeth Wirth und Maximilian Volbers spielen „Please enter the Underground.“ Foto: ff

Jubiläum mit und ohne Orpheus

Hitzacker. So mancher Zuschauer mag sich gefragt haben, ob Elisabeth Wirth und Maximilian Volbers da mit Orgelpfeifen auf die Bühne gehen – was sollen dieser Holzkästen denn sonst sein? Tatsächlich spielte das Duo Blockflöten, genauer: Paetzold-Kontrabassflöten, die gern von jungen Komponisten eingesetzt werden. Das Stück „Please enter the Underground“ schrieb Thanos Sakellaridis, Jahrgang 1995, eigens für die beiden Interpreten. Das Publikum im Kurpark von Hitzacker feierte das perkussive, atmosphärisch dichte Werk mit langem Applaus.

Von Chopin über Brahms und Kreisler bis eben zu Sakellaridis führte das vierzig Minuten kurze Konzert der 75. Sommerlichen Musiktage Hitzacker, gespielt von Absolventen der Festival- und Preisträger-Akademien der vergangenen Jahre. Ausgerechnet das Jubiläums der Musiktage (1. bis 9. August) muss unter Coronabedingungen absolviert werden. Immerhin: Das Festival findet statt, „es ist – neben Salzburg – das einzige, das nicht abgesagt wurde“, so Oliver Wille.

Absage hätte die Insolvenz bedeutet

Der Intendant erinnert sich an „viele schlaflose Nächte“ im Vorfeld, doch eine Absage und die Abwicklung all der Verträge hätte, so Wille, „die Insolvenz bedeutet“. Also wurde überlegt, wie Deutschlands ältestes Kammermusik-Festival zu retten ist. Manche Lösung ist vertraut von den Theatern: kürzere Veranstaltungen, dafür zwei mal hinterein­ander. Nicht weniger als 37 Termine an neun Tagen, Konzerte und Hörer-Akademien, bietet Hitzacker nun im Verdo und im Kurpark nebenan. Die Verluste sind kalkulierbar, „normalerweise haben wir um die zehntausend Besucher“, so Pressesprecherin Susanne Römer, „jetzt hoffen wir auf sechzig Prozent“.

Im Park sitzt das Publikum paarweise auf Stuhlinseln. Im Verdo wanderte die Bühne in die Mitte, die Ensembles sitzen fast im Kreis, was von den Musikern einige Souveränität im Zusammenspiel verlangt. Der Vorteil: „Es gibt – im Gegensatz zu früher – keine schlechten Zuhörerplätze“, sagt der Intendant, der beim Publikum „Glück und Dankbarkeit für das kulturelle Angebot“ beobachtet.

Weniger Huster, mehr Konzentration

Und: Die Konzentration ist offenbar höher. „Es wird jedenfalls fast überhaupt nicht gehustet“, sagt Oliver Wille, der als Violinist des von ihm gegründeten Kuss-Quartetts (da war er vierzehn Jahre alt!) auch auf der Bühne steht.
Noch bis Sonntag also läuft das Programm, zu den Höhepunkten zählt sicher der Besuch des Komponisten Helmut Lachenmann, das Finale am Sonntag wird „mit und ohne Orpheus“ gestaltet. Eine Uraufführung von Manfred Trojahn soll an einen ganz besonderen Moment in der Festivalgeschichte erinnern

1955 gestaltete ein Ensemble um den Jahrhunderttenor Fritz Wunderlich in Hitzacker eine Aufführung von Claudio Monteverdis epochaler Oper „L‘Orfeo“. Die Schallplattenaufnahme bei der Deutschen Grammophon trug wesentlich zur Monteverdi-Renaissance in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bei.

Manfred Trojahns sechs „Sonette an Orpheus“ sind am Sonntag um 11.11 Uhr zu hören, das Programm wird um 14.02 Uhr (zwei nach zwei) wiederholt, um vier nach vier (16.04 Uhr) folgt Termin Nummer 37, das Abschlusskonzert „ohne Orpheus“.

Von Frank Füllgrabe