Samstag , 24. Oktober 2020
Das Ekhof-Theater in Gotha zählt zu den ältesten Barockbühnen und verfügt über eine intakte Bühnenmaschinerie aus dem 17. Jahrhundert. (Foto: oc)

Vorhang auf in Lüneburg

Lüneburg. Als „Vater der deutschen Schauspielkunst“ wurde er schon zu Lebzeiten gepriesen. So steht es auf einem Denkmal am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin. So stand es 1878 in der Illustrierten „Gartenlaube“ zum 100. Todestag eines der bedeutendsten Schauspieler der deutschen Theatergeschichte. Sein Debüt feierte der vor 300 Jahren geborene Konrad Dietrich Ekhof im Reithaus der Lüneburger Ritterakademie, am 15. Januar 1740 als Königssohn Xiphares in Jean Racines Tragödie „Mithridates“.

Ekhof kommt am 12. August 1720 in Hamburg zur Welt, sein Vater ist Soldat und Schmied. Die Familie lebt ärmlich, der Junge erhält aber Unterstützung, und mit 15 verdient Ekhof Geld als Schreiber. 1738 geht er nach Schwerin. Dort lernt er den Schauspieler Johann Friedrich Schönemann kennen, der als „Principal“ seine eigene Truppe aufbaut.

Conrad Ekhof in Öl, von Anton Graff (1774), Foto: Lutz Ebhardt

Schauspieler waren reisende Gesellen, immer auf das Dulden durch eine nicht berechenbare Obrigkeit angewiesen. Ihr Freigeist war den Bürgern unheimlich, verdächtig. Die Komödianten wurden schnell auf eine Ebene mit Glückstöpfern, Riemenstechern, Marktschreiern und Quacksalbern gesetzt. Zugleich war die Neugier groß, brachten die Theaterleute doch mitunter große Literatur in die Stadt, sorgten sie für Erbauung, Erheiterung, Erschütterung.

Theater gab es schon lange in der Stadt. Schon vor gut 500 Jahren sorgte Abt Boldewin von Mahrenholz für Passionsspiele, aufgeführt von Klosterschülern. Einstudiert wurde auch mal eine Komödie von Terenz aus römisch-antiker Zeit. Alles diente der religiösen Erziehung oder hochherrschaftlicher Unterhaltung. Mit den Wandertheatern kam eine andere, weit offenere Welt in die Stadt, die 1740 rund 10 000 Einwohner zählte.

Monolog des Xiphares erste Rolle in Lüneburg

Über den Brief einer Verwandten soll Ekhof von der Gründung der Schönemannschen Gesellschaft in Lüneburg erfahren haben. Mit der sechs Jahre älteren Sophie Charlotte Schröder reist er von Schwerin an, wird Teil der Truppe. Es gibt viele Spekulationen über Ekhofs Beziehungen nach Lüneburg. Peter von Magnus vermutet in seiner detaillierten Lüneburger Theatergeschichte, dass Ekhof schon als Kind zu Besuch bei Verwandten in der Stadt war.

1740 startet er, keine 20 Jahre alt, mit dem Monolog des Xiphares – 1. Akt, 1. Aufzug – in eine große Karriere als Schauspieler. Seine Wochengage beträgt 1 Taler, 16 Groschen, was so etwa dem Wert eines Paars Schuhe entspricht, wie Magnus schreibt.

Ekhof kommt in den folgenden Jahren wie alle Kollegen weit herum, vorwiegend tritt er im Osten und Norden zwischen Leipzig, Schwerin und Hamburg auf. Ekhof steigt zu einem der führenden Schauspieler auf. Gotthold Ephraim Lessing schreibt, nachdem er ihn 1767 in Hamburg als Tellheim in der Uraufführung seiner „Minna von Barnhelm“ gesehen hat: „Es mag dieser Mann eine Rolle machen, welche er will, man erkennt ihn in der kleinsten noch immer für den ersten Acteur, und bedauert, auch nicht zugleich alle übrigen Rollen von ihm sehen zu können. … Welcher Reich-thum von malenden Gesten, durch die er allgemeinen Betrachtungen gleichsam Figur und Körper giebt und seine innersten Empfindungen in sichtbare Gegenstände verwandelt! Welcher fortreißende Ton der Ueberzeugung!“

Glaubt man der „Gartenlaube“, hatte die Natur Ekhof keine „vortheilhafte Gestalt mitgegeben. Seine fast kleine Figur, die hohen Schultern, die dicken Knöchel, die einwärts gekehrten Füße, die anstoßende Zunge und der Mangel eines treuen Gedächtnisses schienen für seine Kunst unüberwindliche Hindernisse, aber sein Genie ließ ihn auf der Bühne alle diese Hindernisse überwinden und seine körperliche Bildung im Charakter jeder einzelnen Rolle bis zur Unkenntlichkeit umschaffen.“

Gründer der ersten deutschen Theater-Akademie

1769 spielt Konrad Ekhof noch einmal in Lüneburg, nun als Mitglied der Seylerschen Gesellschaft. Das mehrwöchige Gastspiel in einem Hinterhaus an der Großen Bäckerstraße preist Magnus als herausragendes Lüneburger Theaterereignis im 18. Jahrhundert. Von Ende September bis November läuft ein dicht getaktetes Programm ab. Am Ende steht „Mithridates“, das Stück, mit dem Ekhofs Karriere begann. Die Besprechungen der Aufführungen, die in der Hamburger Zeitschrift „Unterhaltungen“ folgen, stammten laut Magnus auch von dem Darsteller.

Ekhofs Bedeutung geht weit über die Schauspielerei hinaus. In seiner Schweriner Zeit 1750 bis 1756 gründet er die erste deutsche Theater-Akademie und macht die Stadt neben Hamburg zur Geburtsstätte des deutschen Nationaltheaters. In Gotha schließlich leitet Ekhof, des Herumziehens müde, 1775 das erste deutsche Hoftheater mit festem Ensemble. Sogar eine Pensionskasse für die Schauspieler gibt es dort. Möglich wird es, weil Ekhof mit dem Herzog in der Freimaurerloge verbandelt ist.

Als Spielort dient das bis heute im Schloss Fredenstein erhaltene Barocktheater, eines der ältesten mit erhaltener Bühnenmaschinerie aus dem 17. Jahrhundert: Acht Kulissen, Wind- und Donnermaschine werden von bis zu 15 Kulissenschiebern bedient, um Effekte zu erzielen. Sekundengenau müssen sie auch heute die Holzkonstruktion bedienen, um von jetzt auf gleich eine neue Szenerie zu schaffen. Bis zu Ekhofs Tod 1778 werden insgesamt 175 Stücke in 872 Vorstellungen gegeben, darunter allein 201 Aufführungen von 30 Opern.

Im Jubiläumsjahr 2020 plante das nach Ekhof benannte, heute noch 165 Plätze fassende Theater Voltaires Eifersuchts- und Religionstragödie „Zaïre“. Mit dem Trauerspiel war Ekhof am 12./13. Oktober 1769 in Lüneburg zu Gast, und in Gotha war der Voltaire-Hit 1775 das Hauptstück zum Start der Ekhof-Ära.

Dieser Sommer aber fällt flach. Die Ekhof-Feier wird zum 301. Geburtstag nachgeholt, ab 2. Juli 2021. So Corona will.

Von Hans-Martin Koch