Donnerstag , 1. Dezember 2022
Anzeige
Die Familie steht zwischen ihnen: Luise Wolfram (l.) als Maria Müller und Moran Rosenblatt als Shira Shalev in einer Szene des Films “Kiss Me Kosher”. Quelle: Nati Levi/X Verleih/dpa

Lesbisch, nicht jüdisch, deutsch: Die hinreißende Culture-Clash-Komödie “Kiss Me Kosher”

Im Kinofilm “Kiss Me Kosher” bewegt sich die Regisseurin kenntnisreich im Minenfeld der Missverständnisse. Munter wird von einem deutsch-israelischen Fettnäpfchen ins nächste gehüpft.

Aus dem amourösen Zusammenprall verschiedener Kulturen lässt sich komödiantisches Kapital schlagen. Gegenseitige Vorurteile liefern den Brennstoff, mit dem eine Culture-Clash-Comedy befeuert wird. Das romantische Aufeinandertreffen von Israelis und Deutschen bietet ein besonders weites Minenfeld der Missverständnisse, das Regisseurin Shirel Peleg in ihrem hinreißenden Regiedebüt “Kiss Me Kosher” auslotet.

In Venezuela geboren, in Israel aufgewachsen und nach einem Studium an der Filmakademie Baden-Württemberg in Deutschland lebend, kennt sich Peleg als Grenzgängerin zwischen den Kulturen aus. Dieses Insiderwissen speist die pointenreichen Dialoge, in denen Tabus und Klischees mit erfrischender Direktheit aufgespießt werden.

“Deine Schwester hat wirklich den dreifachen Treffer gelandet. Die heilige Dreifaltigkeit: lesbisch, nicht jüdisch und deutsch”, kommentiert der Vater die Partnerinnenwahl seiner Tochter. Shira (Moran Rosenblatt) ist schwer verliebt in Maria (Luise Wolfram). Bald schon soll geheiratet werden. Dass Shira Frauen liebt, stört die Verwandtschaft nicht die Bohne. Aber muss es ausgerechnet eine Deutsche sein?

Die Mutter freut sich – Hauptsache, Hochzeit – und beginnt mit den Planungen. Aber für die Großmutter Berta (Rivka Michaeli), Holocaustüberlebende und unanfechtbare Matriarchin, hört genau hier der Spaß auf. Dabei pflegt sie selbst eine verbotene Romanze mit dem palästinensischen Arzt Ibrahim (Salim Daw), die sie allerdings vor der Verwandtschaft geheim hält. Schließlich ist ihr Schwiegersohn (John Carroll Lynch) ein militanter Siedler und hat sein Haus jenseits der grünen Grenze als Festung errichtet.

Historische Schuldkomplexe

Allen Protesten zum Trotz denkt Shira gar nicht daran, ihre große Liebe aufzugeben. Sie begibt sich mit Maria mitten hinein in die familiäre Chaoszone, wo am Freitagabend jedes Sabbatmahl facettenreich eskaliert und der Bruder die ganze Angelegenheit für ein Dokumentarfilmprojekt in der Schule aufnimmt. Als dann auch noch Marias Eltern (Juliane Köhler, Bernhard Schütz) aus Stuttgart mit ihren historischen Schuldkomplexen anreisen, verkompliziert sich die Lage lustvoll weiter.

In bester Screwball-Tradition setzt die Regisseurin auf Tempo und forcierte Dialoge, die munter von einem deutsch-israelischen Fettnäpfchen ins nächste hüpfen. Unter der hektischen Oberfläche ist jedoch eine souveräne Tiefenentspanntheit zu spüren, mit der Peleg auf die politischen, familiären und sexuellen Verwirrungen blickt.

Coole Matriarchin

In dieser Komödie geht es nicht um angestrengte Provokation, sondern um das ausgiebige Training der Lachmuskulatur zur Auflockerung komplizierter Verhältnisse. Dabei kann die Regisseurin auf ein beherzt aufspielendes Ensemble zurückgreifen, aus dem die israelische TV-Ikone Rivka Michaeli als coole Matriarchin und die strahlende Moran Rosenblatt als lesbische Herzensbrecherin herausragen.

“Kiss Me Kosher”, Regie: Shirel Peleg, mit Moran Rosenblatt, Rivka Michaeli, Luise Wolfram, 101 Minuten, FSK 12

Von Martin Schwickert/RND