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Auf der Suche nach Halt im Leben: Jan-Eje Ferling in einer Szene des Films “Über die Unendlichkeit”. Quelle: -/Neue Visionen Filmverleih/dpa

Roy Andersson sinniert “Über die Unendlichkeit”

Der schwedische Regisseur Roy Andersson hat mit “Über die Unendlichkeit” (Kinostart: 17. September) einen besonderen Film gedreht – und 2019 in Venedig den Regiepreis gewonnen.

Roy Anderssons Filme sind originell und widerborstig, sie passen nicht ins übliche narrative Schema. Sein Markenzeichen ist die Verbindung von Banalität und Ernsthaftigkeit. Er konfrontiert mit den schlechten und grausamen Seiten des Lebens, mit grotesken Momenten genauso wie mit denen von großer Schönheit. Der Zuschauer folgt keiner durchgehenden Geschichte, sondern Vignetten, die ineinandergreifen (oder auch nicht).

Am Anfang von “Über die Unendlichkeit” steht ein Bild von einem eng umschlungenen Paar, das wie im Traum über ein von Bomben zerstörtes Köln schwebt. So ein Widerspruch ist typisch für diesen Regisseur: Auf der einen Seite tritt er auf als Verfechter von Liebe, Zärtlichkeit und Sinnlichkeit, auf der anderen als Apologet von Verfall, Vernichtung und Untergang.

Eine Erzählerin mit sanfter Stimme beginnt jede Episode mit dem Satz “Ich sah einen Mann, ich sah eine Frau…”. Als Inspiration für das Werk diente die Scheherazade aus “Tausendundeiner Nacht”. Die Menschen verbindet die Verlorenheit, die Suche nach Halt, die Verletzlichkeit. Und überall auf der Welt haben sie ähnliche Grundbedürfnisse, Gefühle, Sehnsüchte.

“Wenn man seinen Glauben verloren hat, was kann man da tun”, jammert ein Priester und sucht das therapeutische Gespräch. Der Psychiater lässt ihn im Stich: Er muss seinen Bus erwischen. Der triviale Alltag triumphiert über jede Empathie.

Lieber Tomate als Kartoffel

Bei einem Schampus süffelnden Paar kommt die Frau zu dem Schluss, in einem späteren Leben lieber eine Tomate als eine Kartoffel sein zu wollen. Ein junger Mann weint zum Ärger der Mitfahrenden im Bus – er weiß nicht, was er vom Leben will, Mädchen tanzen glücklich vor einem Café – im extremen Gegensatz dazu die geschlagene Armee, die im Schnee in ein Gefangenenlager marschiert.

Verlierer sind für Andersson interessanter als strahlende Gewinner. Sie passen besser in die allgegenwärtige Endzeitstimmung, die aber immer wieder von fast heiteren Szenen gebrochen wird. Der Schwede arbeitet erneut mit minimalistischem Ästhetikkonzept, langsamem Rhythmus und langen Einstellungen wie in seiner Trilogie über das Leben (“Songs from the Second Floor”, “Das jüngste Gewitter”, “Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach”).

Die bleichen Gestalten seines beige-grauen Universums finden keine Erlösung, ihr Lachen klingt freudlos. Der Meister der Absurdität wechselt die Zeitebenen, fokussiert sich mehr auf Situationen als auf Personen. Die Venedig-Jury war im Vorjahr beeindruckt: Andersson gewann den Silbernen Löwen für die beste Regie.

Worte haben für den von der Malerei beeinflussten Regisseur nur ergänzende Funktion, vor allem die Künstler der Neuen Sachlichkeit mit ihrer Strenge faszinieren ihn. Also keine Überraschung, dass für dieses Kaleidoskop der Unendlichkeit Otto Dix' “Porträt der Journalistin Sylvia von Harden” Pate stand.

“Über die Unendlichkeit”, Regie: Roy Andersson mit Martin Serner, Thore Flygel, 78 Minuten, FSK 12

Von Margret Köhler/RND