Dienstag , 27. Oktober 2020
Der Musiker Nick Mason. Quelle: picture alliance / dpa

Nick Mason: “Ein Pink-Floyd-Comeback? Man weiß ja nie.”

Es war 1963, als der Architekturstudent Roger Waters seinen Kommilitonen Nick Mason am Regent-Street-Polytechnikum in London ansprach, ob er sich mal dessen Auto ausleihen könne – einen Austin 7 Chummy aus dem Jahr 1930. Daraus erwuchs eine Freundschaft und eine Band – Pink Floyd. Schlagzeuger Mason (76) ist das einzige unter den fünf Originalmitgliedern, das auf allen Alben der Band zu hören ist. Nach Jahrzehnten des Rückzugs ins Privatleben und des Sammelns von Automobilen (geschätzte 50 Wagen) kehrte Mason mit der Band Saucerful of Secrets 2018 zurück, am Freitag (18. September) erschien das Album “Nick Mason’s Saucerful of Secrets Live at The Roundhouse”. Das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) interviewte die Rocklegende.

Nick Mason, in Ihrer Debütsingle hat Pink Floyd einst den obskuren Kleidersammler Arnold Layne besungen. Sie sind auch ein leidenschaftlicher Sammler – von schönen alten und/oder schnellen Autos. Wovon könnten Sie eher ablassen: vom Schlagzeug oder vom Lenkrad?

Vom Trommeln, ganz klar. Ich stand schon an den Rennstrecken, bevor der Rock ‘n’ Roll erfunden wurde.

In Ihrer Pink-Floyd-Biografie “Inside Out” schreiben Sie, dass Ihnen als Teenager der Führerschein wichtiger war als das Spielen in einer Band.

Weil das Autofahren mir als Teenager damals ultimative Freiheit versprach und verschaffte.

Die Geschichte von Pink Floyd beginnt auch mit einem Auto. Der eher unnahbare Roger Waters fragte Sie im Frühjahr 1963 am Polytechnikum, ob er sich mal Ihren Wagen leihen könnte.

Das ist etwas vereinfacht. Die Story der Pink-Floyd-Gründung ist um einiges komplizierter. Ich traf Roger und Rick Wright am College in London. Der andere Strang unserer Story ist die Cambridge-Connection, Roger und David Gilmour wuchsen dort zusammen auf.

Und doch war Ihr Entree bei Roger Waters Ihr Austin 7 von 1930.

Tatsächlich machte sich Roger mit mir überhaupt nur wegen meines Autos bekannt. Das war der Anfang unserer Freundschaft, die auch gleich wieder zu Ende hätte sein können. Denn ich habe ihm den Chummy damals nicht ausgeliehen.

Die Freundschaft aber hielt. Und Sie schienen sehr gerührt zu sein, als Waters im vorigen Jahr auf der Bühne des New Yorker Beacon Theatres auftauchte, um für Sie und Ihre Band Saucerful of Secrets – benannt nach dem zweiten Pink-Floyd-Album – den Gong zu schlagen. Vermissen Sie Pink Floyd 26 Jahre nach dem letzten Album noch immer?

Nein, ich trauere Pink Floyd nicht hinterher. Ich hätte nur nicht gedacht, dass Roger tatsächlich vorbeikommt. Gerührt war ich, weil er da war. Das ist etwas, das mit Freundschaft zu tun hat, nicht mit Nostalgie. Ich bin ja ganz glücklich über das, was wir mit den Saucers auf die Beine stellen.

Das Livealbum Ihrer Band Saucerful of Secrets, das jetzt erscheint, wurde 2019 im legendären Roundhouse eingespielt, einem Pink-Floyd-Ort der frühen Tage. Hat der sich verändert?

Durchaus. 1966 war der einstige Lokschuppen schon seit Jahren ein Lager für Gin. Als wir unseren ersten Pink-Floyd-Gig dort spielten, gab es entsprechend null, nur den blanken Fußboden – keine Bühne, nicht mal Strom. Ein Mann namens Torquil Norman verkaufte in den Neunzigern seine Spielzeugfabrik und steckte das Geld in die Renovierung des Roundhouse. Heute ist es mehr als nur ein bildschöner Auftrittsort. Unter der Halle gibt es Studios, finden Workshops statt, können sich junge Bands ausprobieren. Ein Ort für Kreativität.

War es schwer, ein Vierteljahrhundert nach der “Division Bell”-Tour wieder zu trommeln?

Der Rost in den Gelenken hat am Anfang vielleicht ein paar Quietscher hervorgebracht. Aber es ist mit dem Schlagzeugspiel doch ein wenig wie mit dem Radfahren – man verlernt es nicht.

Der einstige Spandau-Ballet-Chef Gary Kemp ist dabei. Der kam vom New Wave, der sich einst gegen “alte” Bands wie Pink Floyd wandte.

Das war früher so. Gary ist ein Fan der Musik, für den es kein Problem war, das Genre zu wechseln. Das ist es, was gute Musiker auszeichnet. Er könnte als Nächstes auch in einer Reggaeband spielen.

Die Saucers spielen Songs von den sieben Pink-Floyd-Alben bis 1972. Wollen Sie diese frühen Lieder vor dem Vergessen retten?

Der Gedanke war, für ein Publikum zu spielen, das weniger vertraute, weniger elaborierte Lieder zu schätzen weiß. Und für uns Musiker lag ein Reiz in den Freiheiten, die wir uns dabei erlauben konnten. Es ist doch so: Sobald du dich mit dem Material von “Dark Side of the Moon” und danach befasst, erwartet dein Publikum eine exakte Wiedergabe. Das genau wollte ich vermeiden, denn das ist ja, was schon eine Million Pink-Floyd-Tributbands wie Australian Pink Floyd Show machen. Ich wollte nicht in einen Wettbewerb treten, wer das Original am akkuratesten nachspielt. Ich wollte Atmosphäre, Kraft und Leben.

Und das Album klingt tatsächlich frisch, jung, druckvoll, beinahe nach Garage. Definitiv kein Musikmuseum.

(lacht) Diese Einschätzung klingt gut. Wir hatten aber gar kein detailliertes Klangkonzept, keine selbst auferlegte Mission. Wir legten einfach los und schauten, wohin es führte. Manchmal führte es weit: Wir rahmten ganz brutal “Atom ­Heart Mother” mit “If” ein und machten daraus quasi ein neues Stück.

Für ein jüngeres Publikum?

Ja, die waren voriges Jahr auch bei den Konzerten. Wenn das noch mehr würden, wäre es schön. Vornehmlich waren es aber die Älteren, die, die sich erinnern.

Sieben Songs der Saucers-Setlist – Anfang, Mitte und Ende – stammen von Syd Barrett, der das erste Pink-Floyd-Album schrieb und danach aus der Band geworfen wurde. Ist das als Hommage zu verstehen und wirken da noch alte Schuldgefühle mit?

Das ist jetzt nicht fair. Wir haben Syd nicht rausgeworfen. Ich glaube, dass er genug davon hatte, in einer Band zu sein. Wir spielen Syds Lieder heute mit einem Gefühl der Freude, nicht der Schuld. Wir spielen sie, weil sie gut sind und weil sie bei Pink Floyd mit der Zeit an den Rand gedrängt wurden.

Hätten die drei Biertrinker bei Pink Floyd, von denen Sie in der Bandbiografie “Inside Out” schreiben, nicht damals ihren vierten Mann aus den LSD-Nebeln holen können?

Ich glaube, der Satz mit den Biertrinkern stammt von Roger. Von ihm kommt auch das Zitat “Am Anfang waren wir betrunken und das Publikum stoned, später war es genau andersherum”. Hätten wir etwas für Syd tun können, hätten wir es getan. Aber er nahm LSD ja nicht als Suchtmittel, sondern zur Bewusstseinserweiterung.

Um noch bessere Songs schreiben zu können?

Weniger. Es war mehr eine spirituelle Reise für ihn, die tragischerweise schiefging.

Manche sagen, Syd Barrett sei damals freundlich und zugewandt gewesen, andere Quellen reden von frühen Anzeichen psychischer Erkrankung. Wie haben Sie ihn erlebt?

Die Veränderung begann ungefähr vier Monate, nachdem er in die Band gekommen war. Bis heute weiß niemand wirklich, was genau mit ihm geschah. Er wurde unzuverlässig. Möglicherweise war es sein LSD-Konsum, vielleicht hat er eine ziemlich starke LSD-Variante genommen – viele Leute hatten damit ja Probleme. Vielleicht gab es auch eine Veranlagung, seine Schwester Rosemary hat da mal etwas angedeutet. Ich glaube, er wollte zurück zur Malerei, was er dann ja auch tat, und wir anderen haben das damals nicht realisiert. Für uns war es Irrsinn, irgendetwas anderes zu wollen als eine Musikerkarriere.

“Das Schlechteste wäre, ohne echten Enthusiasmus weiterzumachen”

Was wäre aus Pink Floyd geworden, wäre Syd Barrett geblieben?

Ich glaube nicht, dass wir annähernd so erfolgreich geworden wären. Die Band veränderte sich, die Musik wurde anders, alles wurde – ich will es mal “erwachsen” nennen. Und Syds und Rogers Songwriting war lyrisch komplett auseinander. Syds Schreibstil war schon sehr an die damalige Zeit gebunden.

Das letzte Pink-Floyd-Album ist 26 Jahre alt. Gab es danach nichts mehr zu erzählen oder war es an der Zeit für ein privateres Leben? Sie hatten damals zwei kleine Söhne.

Wir wollten keinen besonders anderen Lebensstil. Es gab aber nicht mehr so viel Grund, Alben aufzunehmen, auch weil sich bald schon jeder Musik umsonst aus dem Internet holte. Im Biz drehte sich irgendwann alles nur noch um “live”. Aber David hatte genug von den großen Tourneen.

Dachten Sie nicht an die Millionen Fans, die mehr wollten?

Nicht wirklich. Das wäre auch ein falscher Druck, dem man sich aussetzte. Entweder hast du die Musik und sie muss raus, oder du hast sie nicht. Das galt für uns wie für Led Zeppelin und andere. Das Schlechteste wäre, ohne echten Enthusiasmus weiterzumachen.

So wandten Sie sich den Autos zu. War das ursprünglich so ein Vater-Sohn-Ding in einer Familie mit drei Schwestern?

Ja. Mein Vater Bill machte Filme. Er war ein Dokumentarist und drehte vorzugsweise Filme über Autos, Motoren und Motorsport. Er war ja selbst auch Amateurrennfahrer. Und er nahm mich mit zu den Rennbahnen, buchstäblich von Kindesbeinen an.

Und das Heulen der Motoren, der Benzinduft elektrisierten Sie?

Das wurde total mein Ding, sofort, meine Leidenschaft, was schließlich dazu führte, dass ich mit dem Sammeln von Autos begann. Tatsächlich wollte ich Rennfahrer werden, nicht Autosammler.

Wie fühlen Sie sich heute mit Ihren um die 50 alten und schnellen Spritschluckern in Zeiten von Benzin- und Dieselscham? Haben Sie Schuldgefühle?

Schuld ist vielleicht das falsche Wort, aber ein Bewusstsein habe ich dafür in jedem Fall entwickelt. Wir lernen derzeit die unliebsamen Folgen kennen, die benzinbetriebene Motoren mit sich bringen, und die Welt wird sich ändern. Wobei ich glaube, dass es wie mit den Dinosauriern wird. Einige der besten und schönsten Autos werden bleiben – als Ausstellungsstücke.

Wie sehen Sie die Fridays-for-Future-Bewegung?

Das ist wunderbar – alles verändert sich und die Autohersteller gehen darauf ein und setzen jetzt tatsächlich auf umweltfreundliche Wagen. Sogar der Vegetarismus, der lange Zeit als schrullig galt, wird jetzt bedeutungsvoll (lacht).

Sie fahren immer noch Rennen. Im März 2017 hatten Sie einen Unfall mit Ihrem McLaren auf der Goodwood-Rennstrecke – an dem Ort, wo Rennfahrerlegende Stirling Moss beinahe sein Leben ließ. Im selben Jahr überschlug sich Ihre Tochter in ihrem pinkfarbenen Austin “Floyd” in Silver­stone. Haben Sie mal überlegt, den Familiensport zu wechseln?

Nein. Das Risiko und die Gefahr gehören dazu. Wenn Sie auf alles vorbereitet sein wollen, alles, was schiefgehen kann, vermeiden wollen, dann sind Sie draußen auf der Rennstrecke am total falschen Ort.

Sind alle Masons autoverrückt?

Die beiden Mädchen stehen deutlich mehr darauf als die Jungs. Die sind eher Fußballnarren, Fans von Arsenal. Weil sie gerade in New York studieren, haben sie aber nicht die Möglichkeit, das voll auszuleben.

Haben sie den Austin Chummy noch?

Nein, leider nicht. Ich habe aber ein ähnliches Auto, ein Model T von Ford. Den Chummy konnte ich nicht mehr ausfindig machen. Blöderweise habe ich ihn verkauft. Schon vor sehr langer Zeit.

Glauben Sie, dass Sie beide noch einmal zusammenkommen?

Wohl nicht. Ich vermute, jemand hat ihn in seine Einzelteile zerlegt, ausgeschlachtet. Im Grunde war er kein gutes Auto und ich habe die Sache schlimmer gemacht, als ich mal den Motor reparieren wollte. Aber er war eben mein erster Wagen. Ich hätte ihn gern wiedergesehen.

Und die noch lebenden Pink Floyds, werden die sich wiedersehen – zumindest auf der Bühne?

(zögerlich) Darauf würde ich kein Geld setzen. Aber man weiß ja nie. Ich hätte 2005 dasselbe gesagt und dann passierte es bei Live 8 doch.

Sie sind 76 und Chef einer jungen Band. Wie weit planen Sie – speziell in unseren Zeiten der Pandemie – mit den Saucers?

Ich fühle mich gut und werde in den nächsten zwölf Monaten richtig viel Arbeit haben. Wir werden 2021 auf Tour gehen. Darüber hinaus? Nun, ich werde Sie auf dem Laufenden halten. Mein Arzt wird Sie anrufen.

Von Matthias Halbig/RND