Samstag , 24. Oktober 2020
Banksy voraus: Der Künstler hat das Rettungsschiff “Louise Michel” finanziert – und verziert. Quelle: Santi Palacios/AP/dpa

Banksy und die Kunst zu retten

Banksy kann das mit der Trostlosigkeit wie kaum ein anderer. So kreierte er einmal – als Kunstprojekt – ein mit Flüchtlingen überladenes Boot, auf dem die Menschen zusammengepfercht saßen und für ihre Rettung auf die Hilfe britischer Bürger angewiesen waren. Besucher der Installation in Weston-super-Mare versuchten, das Plastikschiff per Fernsteuerung an Land zu manövrieren. Unmöglich. Verstörend. Düster.

Damals handelte es sich um eine Anlage im Dismaland, einem von Banksy geschaffenen Anti-Spaß-Ort, eine Parodie auf Disney-Freizeitparks. Um die Erfahrung noch bestürzender zu machen, ließ Banksy einige Flüchtlinge tot an der Wasseroberfläche des Beckens schwimmen. Das albtraumhafte Unvergnügen passte als Gesellschaftskritik ins Jahr 2015, als die sogenannte Flüchtlingskrise in Europa ihren Höhepunkt erreichte.

Banksy reagierte auf die Flüchtlingswelle

Fünf Jahre später versuchen wieder täglich Hunderte Menschen, über den Ärmelkanal ans Sehnsuchtsziel Großbritannien zu kommen. Die Zahl der Migranten, die oft in Schlauchbooten die gefährliche Fahrt antreten, stieg in diesem Sommer so stark an, dass die konservative Regierung mit dem Einsatz der Marine drohte. Banksy reagierte auch dieses Mal. Doch nun beließ es der Brite nicht bei Kunstprojekten oder Street-Art – vielmehr unterstützte er ein Schiff zur Rettung von Migranten im Mittelmeer.

Aus den Einnahmen, die er mit dem Verkauf von Arbeiten über die Flüchtlingskrise generierte, finanzierte er die 31 Meter lange Motorjacht “Louise Michel”. Außerdem bemalte er eine Schiffswand des weißen, teilweise pinkfarbenen Boots mit dem Motiv eines Mädchens in Schwimmweste, das einen herzförmigen Rettungsring hält.

Die europäische Migrationspolitik oder eher das Anprangern von deren Missständen gehört zu den wichtigsten Themen des Graffitikünstlers, dessen Identität bis heute nicht zweifelsfrei geklärt ist. Erst kürzlich verselbstständigten sich Gerüchte in den sozialen Medien, die Neil Buchanan als Banksy identifizieren wollten. Steckt ausgerechnet der britische Bastelonkel, der durch die Show “Art Attack” bekannt wurde, hinter den meist überraschend auftauchenden Werken?

Banksy – ein Künstler aus Bristol?

Nein, dementierte der 58-jährige Buchanan. Klar ist immerhin, dass Banksy aus Bristol stammt und Ende der Neunzigerjahre nach London zog. Als die britische Boulevardzeitung “Mail on Sunday” den Künstler einmal als den mutmaßlich 1973 geborenen Robin Gunningham aus Bristol outete, gab es weder eine Bestätigung noch ein Dementi.

Banksy, früher von der Polizei gejagt, nun von der Welt gefeiert, hat sich hinter seinem Pseudonym bestens eingerichtet. Regelmäßig tauchen an Hauswänden, Betonmauern oder Straßenecken seine Graffiti auf – ob er das britische Parlament als eine Ansammlung von Affen darstellt, sich gegen den Brexit positioniert oder US-Präsident Donald Trump unterstellt, kein Gehirn mehr zu besitzen.

Im Juli erst sprayte er mithilfe von Schablonen kleine Ratten in einen Waggon der Londoner U-Bahn. Ein Tier segelte mit einem Mundschutz als Fallschirm herab, ein anderes hielt eine Pumpflasche Desinfektionsmittel, mit der es offenbar den Schriftzug “Banksy” an die Wand spritzte. Ein weiterer Nager – ohne Maske – nieste großflächig Farbe an ein Fenster. “Wenn du keine Maske trägst, kapierst du es nicht”, kommentierte Banksy in einem Video, das er auf Instagram verbreitete, und warb so für die Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln.

Rattenbilder in der Londoner U-Bahn

Kurz nach der nächtlichen Graffitiaktion ließ die Londoner Verkehrsbehörde die illegal angebrachten Rattenbilder entfernen. Es dürfte den Künstler kaum gestört haben. Er kritisiert mit seinen Arbeiten nämlich auch regelmäßig die Kommerzialisierung der Kunstwelt. So lehnt er etwa Ausstellungen seiner Werke ab und zeigt sich erzürnt über die Tatsache, dass seine an Wänden angebrachte Street-Art häufig mitsamt dem Putz entfernt und verkauft wird.

2018 sorgte er mit einer spektakulären Aktion für Schlagzeilen. Gerade erst war an jenem Oktoberabend im Auktionshaus Sotheby’s in London zum letzten Mal der Hammer für eine Rekordsumme gefallen, die ein Bieter für einen Banksy bezahlen wollte. Während die Gäste noch klatschten, begann plötzlich eine Liveperformance: Das Werk zerstörte sich selbst. Ein in seinen dicken, gold-barocken Rahmen eingebauter Schredder machte aus einem Teil des Bilds “Girl with Balloon” feine Schnipsel.

Zerstörungsmechanismus im Banksy-Rahmen

Manche lachten belustigt auf über “den bisher wohl kühnsten Streich der Kunstgeschichte”, wie der “Guardian” die Aktion nannte. “Es scheint, als wären wir gerade gebanksyt worden”, meinte Alex Branczik, Direktor für zeitgenössische Kunst bei Sotheby’s. Tatsächlich kommentierte Banksy im Anschluss auf Instagram spöttisch: “Going, going, gone …”, zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten … – oder eben auch buchstäblich verschwunden.

Später veröffentlichte der Künstler ein Video, in dem er zeigt, wie er bereits vor einigen Jahren den Zerstörungsmechanismus in den Rahmen einbaute – “für den Fall, dass es jemals versteigert wird”. Dieses Bild ist ein Verkaufsschlager in den Souvenirläden Londons und prangt auf Geschirrhandtüchern, Kühlschrankmagneten und Postern. 2017 wurde es in einer Umfrage zum beliebtesten Kunstwerk der Briten gewählt.

Das wiederum sah der “Guardian”-Kritiker Jonathan Jones als “Beleg unserer Dummheit”. Es handele sich bei “Girl with Balloon” vielmehr um eine “zu starke Vereinfachung von menschlicher Emotion”. Das Mädchen, eine eindimensionale Ikone, deren kitschiges Pathos sofort ablesbar sei? Banksy schaffe Kunst für das Medienzeitalter, insbesondere jenes der sozialen Medien, ätzte der Kritiker und verglich die Werke mit einem flüchtigen Tweet. Das alles mache Banksy zu einem “brillanten Propagandisten”: Er erlaube niemals Raum für Mehrdeutigkeit. Dabei ist laut Jones echte Kunst schwer zu fassen, komplex, vieldeutig und schwierig. “Gerade der Mangel an Kunst in seiner Kunst ist es, was sie so populär macht.” Verrisse wie dieser tauchen selten in den britischen Medien auf. Banksy gilt unter den Briten als “nationales Kulturgut” – trotz oder gerade wegen des leichteren Zugangs zu seiner Kunst.

Von Katrin Pribyl/RND