Mittwoch , 28. Oktober 2020
Ganz schlicht am stärksten: Die besten Songs auf dem aktuellen Album von Alicia Keys sind die, auf denen sie am Klavier singt. Quelle: Getty Images for EIF & XQ

Pop 2020: Neue Alben von Fish, Alicia Keys und der Crucchi Gang

Die Woche bringt wieder einige spannende Albumneuveröffentlichungen – unter anderem von Fish, Alicia Keys und der Crucchi Gang.

Die Crucchi Gang verlängert den Sommer

So weit, so bekannt – die Nachkriegsdeutschen standen auf amerikanischen Jazz, Pop und Rock ’n’ Roll. Spätestens in den Wirtschaftswunderjahren waren sie aber auch dem Italopop verfallen. Denn in diesen Liedern steckte viel Sommer. Das Sehnsuchtsland der Lässigkeit sprenkelte seit den Tagen von Domenico Modugnos “Ciao Ciao Bambina” (1959) immer wieder Sonnenstrahlen in die von deutschem Schlager und US- und Britrock erfüllten Hitparaden: “Volare”, “Azzurro”, “Marina”, “Ti Amo”, “Torneró”, “La pulce d’aqua”, “Latin Lover”, “Per Elisa” – die Liste ist endlos. Dagegen zeigten die Italiener den Crucchi (abwertendes Wort für Deutsche), den Deutschrockern und -poppern gemeinhin die kalte Schulter. Allenfalls kennt man dort “99 Luftballons” und “Durch den Monsun”.

Die deutsche Crucchi Gang will das nun ändern und schmeißt sich richtig ran. Francesco Wilking, Sänger von Tele und Die Höchste Eisenbahn, hat Texte deutscher Bands und Künstler in die Sprache seiner Mutter übertragen und von bislang vornehmlich deutschsprachig singenden Künstlern singen lassen. Isolation Berlin, Clueso, Thees Uhlmann oder die Schweizerin Sophie Hunger verlängern damit – auch wenn das Album jenseits der Alpen kein Millionenseller werden sollte – unseren Sommer noch ein bisschen in den Herbst hinein. Von wegen Lisbeths “Al mio locale” (“Meine Kneipe”) macht den elektrofunkigen Auftakt, das Zürcher Duo Steiner & Madlaina klingt mit dem temperamentvollen “La Dolce Vita” (“Das schöne Leben”) nach den Zeiten von Peppino Di Capris “St.Tropez Twist” – freilich mit einem Schuss Melancholie.

Die Italo-Wehmut von Künstlern wie Drupi, Milva oder Rita Pavone kommt dann richtig bei Sven Regeners “Carta Bianca” zum Tragen, einer mit nordischem Zungenschlag geknarrten Neueinspielung von Element of Crimes “Weißes Papier”. Einen ähnlich kargen und schönen Canzone bringt gleich danach der grandiose Faber alias Julian Pollina, dessen Vater Italiener ist und der seine Version von “Komm her” selbst übersetzt hat. Das breiteste Grinsen von uns Publikümern bekommt dann Stereo-Total-Frau Francoise Cactus für eine Übernahme von Trios “Da da da” (“La la la, Io non ti amo non mi ami! Aha aha aha”). Den Hit zur Nebelzeit schließlich, der einen dem grauem Himmel trotzend mit reichlich innerem Mai erfüllt, hat sich Projektchef Wilking selbst vorbehalten: “Bungalow” von den Österreichern Bilderbuch (die hatten angeblich keine Zeit) bekommt seinen zweiten Frühling.

Diverse – “Crucchi Gang” (Vertigo/Universal)

Sänger Fish liefert ein “schweres Möbel”

Sieht man auf das mit dem unübersetzbaren deutschen Wort “Weltschmerz” betitelte neue Werk von Fish, ist es mehr als schade, dass dessen Macher hiermit (angeblich) seinen Abschied von der Musik einreicht. Eine Doppeldisc, auf der der Mann noch einmal alles auffährt, wofür er bekannt ist: von eingängigen Vierminütern à la “Kayleigh” bis hin zu Songmonstern von bis zu 16 Minuten Länge, wie sie mit “Grendel” schon im Portfolio seiner Ex-Band Marillion vorkamen, von Celtic-Folk-Anklängen bis zu rhythmisch komplexem Progrock (inklusive Verbeugung vor Oasis im Auftaktsong “The Grace of God”).

Mit viel Gefühl und dem Hang zu Pathos sinniert Fish in “Man With a Stick” (dessen Gitarrenkürzel an Genesis-Songs der späten Phil-Collins-Phase erinnern) über die Ursachen von Polizeigewalt. Im längsten Song, “The Rose of Damascus”, erzählt er vom Leid einer Frau, die aus dem Bürgerkriegsland Syrien geflüchtet ist. “Waverly Steps” ist die traurige Geschichte eines Mannes, der aus einer unguten Ehe in die Obdachlosigkeit und damit ins Vergessen geht. Und “Little Man, What Now” ist nicht von ungefähr nach einem am Ende der kriselnden Weimarer Republik spielenden Roman von Hans Fallada über einen Kleinbürger und seine Familie benannt. Es geht darin um die sich von den etablierten Machern und Gewinnern abgedrängt Fühlenden, die auch heute wieder rechten Rattenfängern in die Arme laufen.

Fish feiert das in die Jahre gekommene Albumformat mit einem richtig schweren Song-Möbel, das es an Schönheit mit seinem Solodebüt “Vigil in a Wilderness of Mirrors” von 1990 aufnehmen kann. “Weltschmerz” ist ein Fest für die Freunde des behaglich-abgehangenen, guten alten Progrock. Eine Kostbarkeit für die, die den Märchen von topografischen Ozeanen von Yes hinterhertauchten, neugierig auf die dunkle Seite des Mondes von Pink Floyd waren, die sich zusammen mit Genesis’ Lamm am Broadway niederlegten und – fast eine Dekade später – mit Fishs Band Marillion das Manuskript für eine Narrenträne studierten. So wie hier leidet man gern an der Welt.

Fish – “Weltschmerz” (The Chocolate Frog Record Company)

Piano pur steht Alicia Keys am besten

“Play me” stand vor zehn Jahren in Hamburgs O₂-Arena auf ihrem Bühnenpiano zu lesen. Und immer, wenn sie das tat, eben nur ihr Klavier spielte, und auf alles große Soundbrimborium verzichtete, bekam ihr Auftritt echte Gänsehautminuten. Da waren nur die warm und dunkel murmelnden Tasten und diese Wahnsinnssoulstimme, die Worte endlos streckte und modulierte, und das war nicht zu toppen.

Genauso verhält es sich auf ihrem neuen Album “Alicia”. Das mit sechs Monaten Corona-Verspätung erschienene Werk spielt mit so einigen Stilen – vom klassischen R ’n’ B geht es über Reggae bis hin zur Hitsingle “Underdog” – einem geschliffenen Stück supereingängigen Ed-Sheeran-Pops für die Stadien und Großhallen der Welt. Von dieser Sorte polierten Chartsstoffs gibt es hier so einiges, und vielleicht muss das auch sein, weil nur so möglichst viele Menschen für Keys’ Botschaften für eine bessere Welt zu erreichen sind.

Aber auch hier ist weniger am meisten. In ihrem Black-Lives-Matter-Protest “Perfect Way to Die” etwa singt Keys über eine Mutter, die hoffte, nie den Anruf bekommen zu müssen, der jetzt eben doch vom Coroner kommt und in dem sie vom Tod ihres Sohnes erfährt. Nur Keys und das Klavier. Wie auch in “Good Job”, dem abschließenden Juwel des Albums, einer Umarmung in Tönen für alle, die während der Pandemie die Welt am Laufen hielten, ihr Leben riskierten. Solche Songs macht doch derzeit jeder, winken Sie ab? Genau das ist ja das Gute!

Alicia Keys – “Alicia” (RCA/Sony)

Zweiter Aufguss von Cat Stevens’ Tee für den Steuermann

Cat Stevens’ wohl bedeutendstes Album war “Tea for the Tillerman”, das ihn vor 50 Jahren zum romantischsten unter den gesellschaftskritischen Barden machte, bis er sich 1978 als Yusuf Islam zum Islam konvertierte und dem Musikbiz den Rücken zukehrte. Dieses Durchbruchsalbum hat der 2004 zum Folkpop zurückgekehrte Stevens/Islam nun noch einmal eingespielt. Warum er diesem Rat seines Sohnes Yoriyos gefolgt ist, weiß man nicht – möglicherweise war es, um sich eine Begegnung mit dem zu ermöglichen, der er einst war. Möglicherweise aber auch, um seinen Fans mitzuteilen, dass er wieder ganz der Alte ist.

Die neuen Puppentrickvideos zu “Where Do the Children Play” oder “Father and Son” (der alte Yusuf singt hier ein Duett mit sich selbst von 1970) sind bezaubernd, die Neuversionen beider Songs auch – allerdings sind sie nicht so radikal entfernt von den Originalen. Andere Stücke weichen da stärker ab: “On the Road to Find Out” beispielsweise ist 2020 ein kraftvoller, aufstampfender Blues. Und “Wild World” hat jetzt ein charmantes Rummelplatzflair. Der zweite Aufguss des Tees für den Steuermann (der diesmal auf dem Cover ein Nachtmahl im Raumanzug hält) hat durchaus Vorzüge: Der Sound ist besser, die Produktion von geradezu einlullender Wärme. Aber die Stimme des Briten ist nicht mehr so berückend wie damals. Und mag der Trend zur “Reimagination” gehen – auch Westernhagen deutete ja sein “Pfefferminzprinz”-Album jüngst neu –, so sind Zweitoriginale doch etwas, das die Welt nicht wirklich braucht.

Cat Stevens/Yusuf – “Tea for the Tillerman 2” (Universal)

Bei BAP feiert die E-Gitarre ein Fest

“Alles fließt”, auch der in Radio und Charts verpönte Rock ’n’ Roll fließt wieder. Jedenfalls auf dem neuen Album von BAP. Hier klingt die Band um den 69-jährigen Wolfgang Niedecken so druckvoll wie seit den Tagen von Gitarrist Klaus “Major” Heuser nicht mehr. Wobei der Chef und seine acht Mitstreiter und Mitstreiterinnen sich eher an der frühen, urwüchsigeren Phase der Band orientieren als an den späten Achtzigern, als BAP sich Queen-Produzent Mack krallten und auf Krampf zu einer Art kölschen Bon Jovi werden wollten.

Die E-Gitarre feiert hier ein Fest, aber auch Saxofon und Orgel bekommen schöne Solopassagen. Zudem blitzt hier mal eine beatleske Trompete auf, kommt dort ein Klangzitat aus “Shangri-La” der Kinks zum Vorschein, wird also reichlich Popgeschichte in die 14 Songs eingewoben.

Textlich reibt sich Niedecken in “Ruhe vorm Sturm”, einer Art Folgesong zur berühmten “Kristallnaach”, an den “schwarmdementen Spießern”, die zuletzt den Aufstieg rechter Populisten ermöglichten. Er kritisiert die, die sich anpassen (“Du häss dich arrangiert”), sieht aber durchaus Ratlosigkeit und Verzweiflung im Land (“Verraten un verkauft”). Als “Jeisterfahrer” gegen den Mainstream versteht Niedecken sich, setzt aber auch private Lieder gegen die gesellschaftskritischen Stücke – Liebeserklärungen an seine Tochter (“Mittlerweile Josephine”), seine Frau (“Für den Rest meines Lebens”), seinen Beruf (“Jenau jesaat: Op Odyssee”) und die Vergangenheit (“Volle Kraft voraus”). Und mit “Amelie ab dafür” kommt dann noch einer “just for fun” – wie damals zu Zeiten von “Waschsalon” oder “Häng de Fahn eruss”.

BAP – “Alles fließt” (Vertigo/Universal)

Beim dritten “Gleam” der Avett Brothers menschelt es wieder

Ein Nachzügler von derzeit vielen: Dieses Album wurde vor der Pandemie abgeschlossen, enthält deshalb auch nichts zu aktuellen Vorgängen wie dem Leben mit Corona oder den weltweiten Black-Lives-Matter-Protesten. Scott und Seth Avett haben mit “The Third Gleam” eine sachte halbe Stunde Folk auf die Beine gestellt, der gegen nichts protestiert, in dem es aber massiv menschelt. Geschichten von Ängsten und Isolation werden ausgebreitet, von der Suche nach der eigenen Bedeutung, von Verwirrungen des Lebens und Herzens. Und das zu Musik mit warmen Akustikgitarrentönen, Banjogeplinker und schönen, indes spröden Stimmen, die nur einmal, im hörbar den Everly Brothers Tribut zollenden “Prison to Heaven”, auf Schmeicheleien aus sind.

Die Gebrüder Avett aus North Carolina, längst geadelt durch einen Auftritt mit Folk-(Rock-)Ikone Bob Dylan auf einer Grammy-Gala vor zehn Jahren, unterschlagen hier – wie auf den beiden anderen “Gleam”-Platten – ihre Alternative-Rock-Seite, ihre Herkunft vom Grunge. Und singen anrührende Balladen. In “I Should’ve Spent the Day With My Family” erzählen sie von einem Mann, der morgens im Radio von einer weiteren Schulschießerei hört. Eins der toten Kinder könnte den Beschreibungen nach seins sein (ist es aber nicht). Und nun sinniert er über alle verpasste gemeinsame Zeit und schafft es nicht, einen Song zu schreiben. “Tragödien haben keine bestimmte Ursache und die ganze Welt kann nicht aufwiegen, was du verloren hast”, heißt es im Song, und dass man deshalb so oft mit den Leuten zusammen sein sollte, die man liebt, wie es irgend geht.

Ähnlich geht es dem Erzähler in “I Go to My Heart”, der reuevoll für eine zweite Chance zu der Liebsten zurückkehren möchte, die er einst verlassen hat, weil sich inzwischen eine Leere in ihm ausbreitet, die ihm Angst einjagt. Die Zukunft hält keine Versprechen mehr bereit, sie droht vielmehr mit Einsamkeit. Man kann nur hoffen, dass sich die einst Geschasste nicht auf das Geheule einlässt. Ihre Reaktion lassen die Avetts außen vor, sonst wäre aus diesem fröstelnden Folkstück am Ende noch eine Countryschnulze geworden.

Gibt hier auch ein Geht-gar-nicht-Stück? Die Erkenntnis in Seth Avetts Liebeserklärung “Women Like You” ist die, dass Frauen wie die seine heute nicht mehr “gemacht” würden. Und das klingt wie aus der Zeit, als Tammy Wynette “Stand by Your Man” barmte und hinterm Mond noch Engel vermutet wurden.

The Avett Brothers – “The Third Gleam” (Lona Vista/American Recordings)

Ace Frehley covert – leider zu wenig inspiriert

Covern ist eine Kunst. Ace Frehley beherrscht sie nur eingeschränkt. Der langjährige Leadgitarrist der Metalmasken Kiss, dort als “Spaceman” firmierend, rockt und rackert sich auf “Origins Vol. 2” zum zweiten Mal nach 2016 durch eine Liste von Lieblingsliedern. Das Material stammt erwartungsgemäß aus den Sechziger- und Siebzigerjahren, die Inspiration bei der Ausführung ist begrenzt – Ace hält sich weitgehend an die Originaloutfits von Led Zeppelins “Good Times Bad Times” oder Creams “Politician” oder Jimi Hendrix’ “Manic Depression”. Gähn!

Deep Purples “Space Truckin’” kommt sogar mit einem Orgelintro à la Jon Lord daher. Der “Jumpin’ Jack Flash” von den Stones dagegen hat eine leichte Metal-Rüstung angelegt, die ihn leider schwerfälliger macht, eine Garderobe, die der männlichen “Lola” von den Kinks so überhaupt nicht stehen will. Bei der obligatorischen Beatles-Nummer erfreut, dass Frehleys Wahl auf “I’m Down” gefallen ist, die nicht allzu bekannte, rasante B-Seite von “Help!” (auch wenn die Neubearbeitung nicht annähernd deren Wildheit besitzt). Bevor der 69-Jährige mit der Nummer “She” noch einen Bonustrack dranhängt, der die eigene alte Band Kiss an die Seite all der Legenden stellen soll (was speziell in diesem Fall leider so gar nicht funktioniert), kommt als eigentlicher Kehraus “We Gotta Get Out of This Place”. Und diesem Statement von Eric Burdon und seinen Animals ist nichts hinzuzufügen. Nicht so geküsst, das alles. Drum nix wie raus hier!

Ace Frehley – “Origins Vol. 2” (eOne/SPV)

Weiterhin kämpferisch: Public Enemy versus Trump

“Vote this joke out” – “wählt diesen Witz ab” ist die Parole von Chuck D, Professor Griff und DJ Lord im Song “State of the Union”. Public Enemy bringen ihr Album “What You Gonna Do When the Grid Goes Down?” punktgenau zum Endspurt der US-Wahlen zur Welt. Damit keiner ihrer US-Fans in Versuchung gerät, dem “white house killer”, wie sie Trump auch titulieren, zu weiteren vier Jahren “nazi gestapo” zu verhelfen. Der Sound ist taff, die Haltung kämpferisch – alles wie immer bei dem New Yorker Trio, das sich von Beginn seiner nunmehr fast 40-jährigen Karriere an schon immer unmissverständlich bis grob für schwarze Selbstermächtigung und für Widerstand gegen all die (Weißen) einsetzte, die ihre (politische) Macht missbrauchen.

Die Songtitel von Public Enemy verraten alles über die Inhalte: “Smash the Crowd”, “Beat Them All”, “If You Can’t Join Em, Beat Em” oder “Go at It”. Der Song “GRID” spielt mit der Vorstellung einer Welt ohne Elektrizität und lässt keinen Zweifel, dass sich die Situation für Schwarze dadurch deutlich verschlechtern würde: “Mehr Polizeibrutalität, aber keine Posts von Menschen, die sie filmen.” Unter den Gästen dieses rhythmischen Kraftpakets sind George Clinton, Nas, Cypress Hill, Ice-T und Questlove von den Roots – eine Garde der Großen des Genres. Bei “Public Enemy Number Won”, einer Neuauflage ihres Klassikers “Public Enemy No. 1”, haben sie Run DMC und mit Ad-Rock und Mike D die noch Lebenden der (weißen) Beastie Boys in ihren Reihen.

Und in der 2020-Version von “Fight the Power” geht es auch nicht mehr darum, dass Public Enemy von Elvis, der amerikanischen Rock-’n’-Roll-Ikone, rein gar nichts halten (wegen dessen vermeintlicher Ausbeutung schwarzer Musik). Vielmehr rappen Public Enemy im Song-Update über den Rassismus, der sich als Hauptmotiv durch die US-Geschichte zieht: “Früher war der Central Park ein schwarzer Stadtteil”, erinnert Nas an die einst zerstörte afroamerikanische Siedlung Seneca Village, während seine Kollegin Rapsody darauf hinweist, dass ein schwarzes Leben genau die 20 Dollar (vermeintliches Falschgeld) wert ist, die George Floyd das Leben kosteten: “Der Gegenwert eines Menüs bei Wendy endete mit Mord.”

“This is revolution shit”, gibt Chuck D die Parole aus. Und nur noch fünf Wochen zum wichtigsten Tag für die ganze Welt. Trumpokalypse now?

Public Enemy – “What You Gonna Do When the Grid Goes Down?” (Def Jam/Universal)

Die Rolling Stones erinnern an die “Steel Wheels”-Tour

Von der “Steel Wheels”-Tour, die im August 1989 begann, haben viele Stones-Fans ja schon ein Dokument. 1990, als die Band ihre zweijährige Konzertreise unter dem Motto “Urban Jungle” in Europa fortsetzte, erschien inoffiziell “Atlantic City 89”, ein Drei-CD-Bootleg mit dem kompletten Konzert von der US-Ostküste – von “Start Me Up” bis zum Finale mit “Satisfaction” und “Jumping Jack Flash”. Die Band war wie aufgeladen, nachdem sie sich ab 1983 durch das Jahrzehnt gequält hatte, mit “Dirty Work” 1986 eine mediokre Platte vorgelegt und sich ob der Reibereien zwischen Jetset-Mick und Roots-Keith beinahe aufgelöst hatte.

Das Album “Steel Wheels” war dann eine Rückkehr zu alter Stärke gewesen, die Tour nicht nur ein kommerzieller Triumph. Gerade mal drei Jahrzehnte später schieben die Stones mit “Steel Wheels Live – Atlantic City” ein eigenes, umfassendes Livepaket hinterher, das zusätzlich zum Atlantic-City-Konzert – mit Auftritten von Axl Rose und Izzy Stradlin (“Salt of the Earth”), Eric Clapton (“Little Red Rooster”) und Clapton mit Blueslegende John Lee Hooker (“Boogie Chillen”) einen bislang unveröffentlichten Konzertfilm enthält. Das ausschnitthafte Livealbum “Flashpoint” von 1991, das man damals eh nur wegen der Studiotracks “Highwire” und “Sexdrive” kaufte, wird hier um einiges überragt. Darüber hinaus sind gefilmte Tourraritäten wie “Dead Flowers” und “I Just Wanna Make Love to You” im Angebot sowie – im Sechs-Disc-Deluxe-Format (es gibt auch farbige Vierfach-Vinylausgaben, DVD oder BluRay mit je zwei CDs, eine reine DVD und digitale Varianten) ein gefilmter Auftritt im Tokyo Dome.

Die Investition lohnt. Die Band, die damals mit “2000 Lightyears from Home” sogar ihrer kurzen psychedelischen Phase Reverenz erwies, war damals fast so gut wie jüngst auf ihren “Blue & Lonesome”-Konzerten. Apropos: Als nächste Platte von den Stones wollen wir jetzt aber endlich mal das neue Studioalbum, das uns Keith Richards schon im März 2019 versprochen hatte.

Rolling Stones – “Steel Wheels Live – Atlantic City” (Eagle Rock/Universal)

Von Matthias Halbig/RND