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Ungewöhnliche Liebesgeschichte: Eliza Scanlen als Milla und Toby Wallace als Moses in einer Szene des Films “Milla Meets Moses”, der am 8. Oktober in den Kinos startet. Quelle: -/X-Verleih/dpa

Zärtliches Familiendrama – “Milla Meets Moses” startet im Kino

So hatten sich die Eltern ihren zukünftigen Schwiegersohn nicht vorgestellt: drogensüchtig, obdachlos und acht Jahre älter als die 15-jährige Tochter. Aber Milla (Eliza Scanlen) gefällt dieser Moses (Toby Wallace), der sie auf dem Bahnsteig fast umgerannt, ihr sein stinkenden ­T-Shirt gegen das Nasenbluten ins Gesicht gepresst und sie dann um ein paar Dollar angeschnorrt hat.

Sie ist mit Moses losgezogen und hat sich von ihm mit einer Pudelfellschere das schöne rote Haar abschneiden lassen. Nun sitzt sie mit Rattenfrisur und Freund am Essenstisch. Die Eltern haben keine Ahnung, wie sie reagieren sollen. Schließlich hat Milla Krebs. Keiner weiß, wie viel Zeit sie noch hat. Um sich zu entspannen, wirft Mutter Anna (Essie Davis) erst mal ein paar von den blauen Pillen ein. Die verschreibt ihr Ehemann Henry (Ben Mendelsohn), der als Psychiater ihre manisch-depressiven Schübe auszubalancieren versucht.

Der Hallodri ist gut für die Schwerkranke

Auch Henry ist erleichtert, als Moses nach dem Essen mit dem versprochenem Geldschein verschwindet. Aber Moses kommt wieder – zunächst als Einbrecher, der es auf die umfangreichen Medikamentenvorräte abgesehen hat und Anna mit einer Grillgabel bedroht. Später lädt Henry den Herumtreiber ein, bei ihnen zu wohnen. Denn er sieht, dass der Junge Milla gut tut, und verspricht im Gegenzug, Moses mit verschreibungspflichtigen Medikamenten zu versorgen. Milla ist zwar schwer krank. An der Seite von Moses aber blüht sie auf. Ihre Augen strahlen, und sie fühlt sich so lebendig wie lange nicht mehr.

Auf den ersten Blick reiht sich Shannon Murphys Regiedebüt “Milla Meets Moses” ein in den Strom von Young-Adult-Dramen, die nach “Das Schicksal ist ein mieser Verräter” (2014) sterbenskranke Teenager ihre erste große Liebe finden lassen. Aber die australische Regisseurin findet mit erstaunlich sicherem Gespür ihren eigenen Erzählton und baut die morbide Coming-of-Age-Geschichte zu einem tragikomischen Familienporträt aus. In feinster Dysfunktionalität erstrahlt die Vorstadtfamilie, deren emotionaler Ausnahmezustand durch Moses’ Auftauchen in neue Dimensionen katapultiert wird.

Auch wenn der Film manchmal an Sam Mendes’ “American Beauty” (1999) erinnert, verhandelt Murphy die kollabierenden Gemütszustände ihrer Figuren mit ungepolstertem Humor, jedoch ohne Zynismus. Zärtlich schaut sie auf die existenziell überforderten Eltern, die jeden Tag neu um ihre Fassung ringen. Voll und ganz lässt sie sich auf Millas romantisches Erwachen ein.

Eliza Scanlen wird zum Herz des Films

Die wunderbare Eliza Scanlen (“Little Women”) wird zum Epizen­trum des Films. In ihren Blicken fließen Euphorie und Melancholie der sterbenskrank Verliebten unmerklich ineinander. Dazu entwirft Murphy eine frische Filmsprache, die Licht, Farben, Texteinblendungen und einen abwechslungsreichen Soundtrack expressiv einsetzt, um die wild widerstrebenden Gefühle der Figuren zum Leuchten zu bringen.

“Milla Meets Moses”, Regie: Shannon Murphy, mit Eliza Scanlen, Essie Davis, Ben Mendelsohn, 118 Minuten, FSK 12 (Start am 8. Oktober)

RND

Von Martin Schwickert/RND