Montag , 26. Oktober 2020
Vom „Mädchen Rosemarie“ bis „Homeland“: Nina Hoss kann alles – und hat keine Angst, über Politik zu sprechen.

Kann der Tod eine Befreiung sein, Nina Hoss?

Frau Hoss, Sie sind auf ungewöhnliche Weise ans Kinodrama „Schwesterlein“ geraten: Die beiden Filmemacherinnen haben Sie zufällig in Berlin getroffen und angesprochen. Passiert Ihnen so etwas häufiger?

Nee, das wäre glatt gelogen. Angesprochen wird man schon mal, wenn Leute eine Idee haben und einen in der Öffentlichkeit erspähen. In diesem Fall kam die Anfrage aber so leichtfüßig und ernsthaft zugleich daher, dass ich nicht abblocken mochte. Dann hat mich die Neugier gepackt, und ich habe mir gedacht: Na gut, gehen wir mal einen Kaffee trinken.

Der Kaffee war offenbar gut.

Die Schweizer Regisseurinnen Stéphanie Chuat und Veronique Reymond haben unglaublich dringlich von ihrer Geschichte über den sterbenden Schauspieler Sven und dessen Zwillingsschwester Lisa geredet. Da wollte ich dabei sein – auch wenn es dann noch ein paar Jahre gedauert hat, bis wir endlich drehen konnten. Aber das lag zuerst an der Finanzierung. Bei einem so persönlichen Film ist das Geld oft die größte Hürde.

Ist Neugier eine essenzielle Antriebskraft für Schauspieler?

Ohne Neugier ist man falsch in diesem Metier. Man muss neugierig sein auf den anderen – auf andere Schicksale, Verhaltensmuster, Prägungen. Man muss sozusagen wissen wollen, was das Leben einem entgegenschleudert. Schließlich versenkt sich ein Schauspieler permanent in andere Biografien und interpretiert sie. Zudem kann ein Film nur in der Zusammenarbeit mit anderen entstehen: Wenn ich also Angst vor Menschen hätte, könnte ich diesen Beruf überhaupt nicht ausüben.

„Ich erlebe gewissermaßen mit der Figur, was ihr passiert“

Bringt ein Film einen dazu, sich intensiver mit großen Themen wie Leben, Liebe und Tod auseinanderzusetzen?

Die Kunst ist dazu da, um wichtige Fragen zu stellen: Woher rühren Liebe und Vertrauen, wieso kommt es zum Verrat, zu Rachegefühlen, und was bedeutet Verlust zum Beispiel? Die Schauspielerin oder der Schauspieler muss versuchen, zum Kern des Ganzen vorzudringen. Darin liegt für mich die Faszination meiner Arbeit.

Ihre französische Kollegin Isabelle Huppert hat mal gesagt, dass das, was sie spielt, in ebenjenem Moment wahr ist. Empfinden Sie das genauso?

Voll und ganz. Es gelingt mir nicht immer, aber ich bin zumindest auf der Suche nach dieser Wahrheit. In der Vorbereitung auf eine Rolle muss ich so viele Dinge für mich abklären und abwägen, dass ich in dem Augenblick, in dem die Kamera dann schließlich läuft, offen und durchlässig bin. Da kontrolliere ich nichts mehr, manipuliere nichts, verbiege auch nichts. Der Moment ist wahr. Ich erlebe gewissermaßen mit der Figur, was ihr passiert – auch wenn ich natürlich trotzdem ich selbst bleibe.

Kommt Ihnen ein bedrängender Film wie „Schwesterlein“ gelegentlich näher, als Ihnen lieb ist?

Ja, das kann man gar nicht verhindern. Ich erinnere mich an die Szene, in der der leukämiekranke Sven – gespielt von Lars Eidinger – im Krankenhaus liegt, und es sieht so aus, als würde er sterben. Wir haben ungefähr einen Tag gebraucht, um diese Szene zu drehen. Über der Arbeit lag so eine heftige Anspannung, dass nach jedem Take ein regelrechter Erleichterungsseufzer durchs Team schwappte.

„Lars holt aus jeder Szene heraus, was möglich ist“

Ist das gesund für die Psyche?

Am Abend nach so einer intensiven Szene fühle ich mich nicht traumatisiert, eher leer. Und ein Glücksgefühl ist seltsamerweise auch zu verspüren: Wir haben diesen einen wahren Moment erwischt – wie großartig, dass der jetzt dem Film zur Verfügung steht. Bitte nicht falsch verstehen: Es geht nicht darum, Schmerz oder eine besondere Traurigkeit oder so etwas zu genießen – das wäre ja anmaßend. Solche Momente kosten dich was. Man schreckt als Schauspieler nur nicht davor zurück.

Wissen Sie denn immer, ob Sie diesen wahren Moment erwischt haben?

Tja, nicht immer, aber oft genug schon. Die Frage ist nur, ob sich dieser Augenblick im geschnittenen Film auch auf den Zuschauer überträgt. Dessen kann man sich nie wirklich sicher sein. Nur mal ein Beispiel: Wenn jemand weint, ist das nicht unbedingt der Moment, der das größte Mitgefühl auslöst. Vielleicht ist ja auch die Szene viel intensiver, in der jemand gegen das Weinen ankämpft oder sich hinterher die Tränen aus den Augen wischt.

Wäre der Film ein anderer geworden, wenn Sie nicht auf Lars Eidinger getroffen wären?

Auf jeden Fall. Lars und mir hat geholfen, dass wir uns so gut kennen. Wir haben zusammen in einem Jahrgang an der Berliner Ernst-Busch-Schule studiert. In der Studienzeit lodert es in einem, man ist genauso empfänglich wie verwundbar. Man sucht nach sich selbst und soll sich gleichzeitig in tausend andere verwandeln. Diese verwirrende Zeit trägt man den Rest des Lebens mit sich.

Wie half Ihnen das bei „Schwesterlein“?

Ich wusste genau: Lars holt aus jeder Szene heraus, was möglich ist. Er hat keine Angst, sich fallen zu lassen. Jeder Morgen bei den Dreharbeiten war eine Freude, denn darin steckte die Gewissheit: Wir werden vor der Kamera schon etwas Besonderes finden. Lars gibt in jeder Szene alles, auch wenn er gar nicht im Bild zu sehen ist – und das ist besonders wichtig für das Gegenüber.

Lars Eidinger spielt in Ihrem Film einen Schaubühnenstar, dessen Paraderolle „Hamlet“ ist – was auch auf Lars Eidinger im wirklichen Leben zutrifft: Wie viel Eidinger steckt denn in Sven?

Ach, ich weiß nicht. Klar hat Lars den „Hamlet“ schon einige Hundert Mal gespielt und kennt die Rolle in- und auswendig. Aber in diesem Film spielt er einen krebskranken Schauspieler, der den Text spricht. Schon unter dieser Bedingung ist es nicht mehr Lars. Das verändert alles. Vielleicht verschwimmt in dem Film etwas, aber das sollte man keinesfalls zu hoch hängen.

Den fiktiven Schaubühnen-Intendanten David im Film spielt der echte Schaubühnen-Intendant Thomas Ostermeier. War das noch auseinanderzuhalten?

Wir haben uns über diese Situation mit viel Spaß ausgetauscht. In keinem Moment aber hatte ich das Gefühl, mit dem Regisseur Ostermeier vor der Kamera zu stehen, mit dem ich schon so viele Stücke erarbeitet habe. Thomas hätte es auch nie in Erwägung gezogen, einen Schwerkranken auf die Bühne zu stellen, so wie es seine Filmfigur zunächst plant.

Nach allem, was Sie gesagt haben: Wie schwer ist es, sich dem Tod im Kino oder auf der Bühne zu stellen?

Moment, für mich ist dies nicht bloß ein Film übers Sterben, das ist kein übliches Krebssterbedrama. Es geht darum, sich auf einen gemeinsamen letzten Weg zu begeben. Die Schwester und der Bruder gehen durch so viele Phasen, zum Beispiel durch die der Leugnung und der Rebellion. Erst danach kommt der Moment der Akzeptanz. Und dieser Augenblick kann in dem, der den Tod des anderen begleitet, Unglaubliches auslösen. Die, die zurückbleiben, nehmen das Leben womöglich noch mal ganz anders wahr und dann auch in Angriff. Es kann sein, dass sie eine merkwürdige Kraft spüren, weil sie sehen, wie kurz und zerbrechlich, wie zart und kostbar das Leben ist.

Passiert das Ihrer Filmfigur Lisa?

Die Theaterautorin Lisa entdeckt ihre Passion des Schreibens wieder, die sie lange vernachlässigt hat. Bis dahin hat sie sich immer damit getröstet, dass das Schreiben schon von allein zurückkehren wird. Tatsächlich hat sie jeden Tag aufs Neue ignoriert, was sie ausmacht: Lisa kümmerte sich um Ehemann und Kinder und auch um ihren todkranken Bruder. Im Angesicht des Todes aber erkennt sie: Wenn sie den Moment der Veränderung immer weiter aufschiebt, wird sich nie etwas tun. Sie muss handeln, und das hat Sven in ihr ausgelöst.

„Der allerletzte Atemzug hat etwas Leichtes“

Kann aus dem Tod eine Befreiung erwachsen?

Mit Blick auf den Tod meiner Eltern habe ich mal gesagt: Der allerletzte Atemzug hat etwas Leichtes. Meine Mutter habe ich lange gepflegt, sie war schwer krank. Ich bin den Weg mit ihr zu Ende gegangen. Dadurch, dass ich davor nicht zurückgescheut bin, habe ich begriffen, dass es nicht schlimm ist, wo wir hingehen – wohin auch immer das nun sein mag, wer weiß das schon. Der letzte Moment war wie ein Lächeln. Aber du kannst diesen Moment nur in dieser Weise erleben, wenn du den Weg dahin mit allen Aufs und Abs gegangen bist. Am Ende dieser Reise ist der Tod nicht mehr der große Horror. Man kann sich gegenseitig loslassen. Wie heißt es so schön: Gehe in Frieden.

Ein Leben ohne Kino und Bühne, so wie es den Schauspieler Sven im Film trifft: Könnten Sie sich das vorstellen?

Na ja, in den zurückliegenden Corona-Zeiten war ich da ja ziemlich nahe dran – da konnte ich nicht besonders viel machen. Über jedem Schauspieler schwebt aber auch die Angst, dass er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten kann. Aber so wie man das Nachdenken über den Tod ausschaltet, schaltet man auch diese Überlegung aus. Es bringt einem ja nichts, in dauernder Angst zu leben. Manche Kollegen würden vielleicht sagen, dass sie das Begehrtwerden durchs Publikum am meisten vermissen würden, davon ist ja auch im Film die Rede.

Was würden Sie denn vermissen?

Für mich wäre es schrecklich, auf den persönlichen Ausdruck zu verzichten. Schauspieler haben keine Leinwand, sondern benutzen ihren Körper, um Dinge zu interpretieren. Und wenn dir genommen wird, was dir am meisten Freude macht und was dir auch Kraft gibt, dann verlierst du vermutlich schneller den Lebensmut. Deshalb würde ich genau wie Sven im Film immer darum kämpfen, wieder zu spielen, auch im Theater. Auf die Bühne zu treten, das Publikum vor sich zu sehen: Das sind Momente, in denen Adrenalin ausgeschüttet wird.

„Es brennt an allen Enden und Ecken auf diesem Planeten“

Angeblich wollen Schauspieler sogar auf der Bühne sterben …

So pathetisch würde ich das jetzt nicht ausdrücken. Das ist nicht unser aller Fantasie. Aber jeder Schauspieler würde wohl ein bisschen Lebenszeit gegen einen erhabenen Moment vor Zuschauern eintauschen.

Sie kommen aus einem politischen Elternhaus, engagieren sich für den brasilianischen Regenwald und gegen die Genitalverstümmelung von Frauen: Haben Sie mal darüber nachgedacht, etwas ganz anderes zu machen? Sie könnten sich handfest einmischen, nicht nur mit den Mitteln einer Schauspielerin.

Ja, aber ich habe immer das Gefühl, dass die Dinge auf einen zukommen, wenn sie denn passieren sollen. Wenn ich an Projekten arbeite, bin ich eigentlich immer in einem engagierten Umfeld. Man diskutiert über Politik – überlegt zum Beispiel derzeit, wie man die Menschen wieder in eine offene Diskussion bringen kann, ohne dass sie den anderen abkanzeln oder verleumden. Dass wir einander wieder mehr zuhören. Es scheint mir wenig hilfreich, den eigenen Lebensweg nur aus einem moralischen Druck heraus zu verlassen. Wenn man eine innere Aufforderung dazu verspürt, dann findet man auch Wege, sich zu engagieren – jeder auf seine Weise.

Das klingt jetzt nicht gerade so, als würden Sie sonderlich optimistisch aufs Zusammenleben der Menschen schauen.

Es brennt an allen Enden und Ecken auf diesem Planeten, nicht nur in Europa. Ich habe immer die Hoffnung, dass der Mensch trotz aller Katastrophen und Kriege nach dem Licht sucht. Ob die Zukunft sich zum Besseren wendet oder ob es der Menschheit an den Kragen gehen wird, das weiß ich leider auch nicht. Im Moment scheinen wir hier in einer Art Blase zu leben, vielleicht fliegt uns das alles noch um die Ohren, was wir auf diesem Planeten verzapfen – wirklich optimistisch bin ich nicht. Wenn es nicht so kommt, umso besser. Ich ducke mich aber nicht voller Angst und Sorgen weg, sondern stecke voller Tatendrang.

Über Nina Hoss

Das nennt man wohl besondere Klasse: Nina Hoss studierte an der Ernst-Busch-Schauspielschule Berlin zusammen mit Lars Eidinger, Fritzi Haberlandt, Devid Striesow und Mark Waschke – sie alle prägen heute Film und Fernsehen hierzulande. Als Hoss noch studierte, entdeckte Produzent und Regisseur Bernd Eichinger sie – und gab ihr die Rolle als „Das Mädchen Rosemarie“ (1996), als jene Edelprostituierte, die es im Frankfurt der Fünfzigerjahre ganz nach oben schaffen wollte und deren Leben ein tragisches Ende nahm.

Hoss studierte unbeeindruckt weiter, obwohl ihr Gesicht damals viele Titelseiten zierte und ihr noch mehr Rollenangebote ins Haus flatterten. Heute feiert sie Erfolge genauso in Deutschland („Barbara“, mit ihrem Lieblingsregisseur Christian Petzold) wie auf internationalem Parkett („A Most Wanted Man“, mit dem inzwischen verstorbenen Philip Seymour Hoffman).

15 Jahre lang gehörte Nina Hoss zum Ensemble des Deutschen Theaters Berlin, dann ging sie zur Schaubühne am Lehniner Platz. Im Kino ist Hoss vom 29. Oktober an zusammen mit Lars Eidinger im Kinodrama „Schwesterlein“ zu sehen.

Von Stefan Stosch/RND