Links, wo das Herz ist: Luisa (Mala Emde) will etwas tun gegen den Rechtsradikalismus in Deutschland. So radikalisiert sie sich selbst. Quelle: Alamode

Widerstand jetzt? – das Politdrama „Und morgen die ganze Welt“

Schon das Aufplatzen eines gegen eine Wand geschleuderten und mit roter Farbe gefüllten Hühnereis klingt unangenehm. Zersplittert eine Autoscheibe unter einem Baseballschläger, dringt das Geräusch geradezu schmerzhaft ins Ohr des Kinozuschauers. Und knallt eine Eisenstange mit voller Wucht auf einen Kopf, möchte man nicht nur wegschauen, sondern auch weghören.

Im Kinodrama „Und morgen die ganze Welt“ sollte man aber besser genau hinhören: Auch auf der Tonspur lässt sich im Film der deutschen Regisseurin Julia von Heinz vernehmen, wie Gewalt eskaliert.

Bei der angehenden Jurastudentin Luisa (Mala Emde) löste diese Gewalt aber auch eine zunehmende Faszination aus. Im Proseminar an der Universität hat sie eben noch gelernt, was in Artikel 20 des Grundgesetzes als Lehre aus der deutschen Geschichte steht: „Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat. Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“

Luisa will den Adrenalinkick spüren

Was das bedeuten könnte, erprobt Luisa gewissermaßen in der Praxis. Die junge Frau spürt: Die Rechten sind auf dem Vormarsch in die Mitte der Gesellschaft – sogar in ihrem Uniseminar sind fremdenfeindliche Parolen an der Tagesordnung, ohne dass vehement Einspruch erhoben würde. Dagegen muss sie etwas tun. Erst einmal zieht Luisa in die Antifa-WG in einem besetzten Haus in Mannheim ein.

Für die Bewohner sind Tortenwürfe und Trillerpfeifen gegen Neonazis ein lärmiger Spaß. Für Luisa aber wird die Sache immer dringlicher. Bald schon entfährt ihr im Zorn der Satz: „Kirchentagsbesucher in Jesuslatschen bringen die Rechten nur zum Lachen.“ Sie will mehr, und sie will auch den Adrenalinkick spüren, wenn sie mit vermummtem Gesicht gegen die Nazis loszieht.

Zwei Jahrzehnte und die Unterstützung von französischen Produzenten hat Regisseurin von Heinz bei ihrem von eigenen Antifa-Erfahrungen inspirierten Film gebraucht, um Luisas brisante Geschichte auf die Leinwand zu hieven. Wurde sie bei deutschen Fördergremien vorstellig, erhielt sie mehr als einmal eine Abfuhr. Die wundersame Begründung: Ihr Film sei „zu aktuell“. So hat es von Heinz in Interviews erzählt.

Dass diese Aktualität gerade ein Qualitätsmerkmal war und auch für den Mut der Filmemacherin sprach, sich schwierigen Fragen zu stellen, erkannte das Festival von Venedig: Direktor Alberto Barbera schnappte sich im September den Film für den illustren Wettbewerb. Er fühlte sich an Margarethe von Trottas Drama „Die bleierne Zeit“ von 1981 über die Terroristin Gudrun Ensslin und deren Schwester erinnert.

Die Fragen, die sich von Trotta stellte, sind heute so virulent wie damals: Kann Gewalt legitim sein im politischen Kampf gegen eine republikverachtende Gruppe, wenn andere Mittel versagen? Wann beginnt das Recht auf Widerstand? Und wo beginnt der Terrorismus?

Verliebt in einen Draufgänger, der mit Gewaltbereitschaft prahlt

Gewiss, Luise hat auch noch andere Gründe für ihre Radikalisierung: Die gut behütete Tochter landadeliger Herkunft – am Gewehr geschult durch waidgerechte Reh-, Hirsch- und Wildschweinjagden – will sich einer Clique zugehörig fühlen. Und da ist auch noch der vermeintliche Draufgänger Alfa (Noah Saavedra), in den sie sich verliebt und der lauthals damit prahlt, vor Gewalt gegen Menschen nicht zurückzuschrecken.

Es kann nun mal viele Motive dafür geben, warum jemand ins Extreme abzudriften droht. Vermutlich weiß auch Luisa gar nicht in jedem Moment so genau, was ihr passiert. In ihr wächst nur die – gerade in diesen Tagen nachvollziehbare – Erkenntnis, dass sich rechtes Denken auch in Staatsorganen wie Polizei, Militär und Verfassungsschutz tiefer eingenistet hat, als offiziell zugegeben wird.

Eine Revoluzzer- und Liebesgeschichte mit Thrillerelementen erwächst aus diesen Vorgaben – und dabei so nahe an der Wirklichkeit, dass Wiedererkennungsmomente unvermeidlich sind. Sieht die Rednerin der rechtspopulistischen Partei da oben auf der Bühne nicht sogar ein bisschen aus wie eine gewisse Alice Weidel?

Ehe sich Luisa versieht, hat die Gewaltspirale sich zu drehen begonnen – und legt an Tempo zu. Irgendwann erbeuten Luisa und ihre Mitstreiter zu ihrer eigenen Überraschung zwei Kisten Sprengstoff. Spätestens jetzt müssen sie sich entscheiden, wie weit sie gehen wollen.

Kein Zuschauer wird zu Gewalt angestachelt

Kein Zuschauer wird in diesem Film zu Gewalt angestachelt. In der langen Entstehungszeit ist sogar dramaturgisch-radikaler Schwung auf der Strecke geblieben, wie ihn etwa Fatih Akin in seinem NSU-Drama „Aus dem Nichts“ (2017) an den Tag gelegt hat. Ein wenig zu ausgiebig werden hier in Wortgefechten die Argumente für und wider Luisas Weg austariert, ein Alt-Terrorist zeigt seine psychischen Narben. Angst vor „Und morgen die ganze Welt“ müssen nur deutsche Filmförderer haben, die Aktualität im Kino für bedenklich halten.

„Und morgen die ganze Welt“, Regie: Julia von Heinz, mit Mala Emde, Noah Saavedra, 111 Minuten, FSK 12 (Kinostart am 29. Oktober)

Von Stefan Stosch/RND