Mala Emde (M.) als Luisa in einer Szene des Films „Und morgen die ganze Welt“. Quelle: -/Alamode Film/dpa

Jury beweist Mut: „Und morgen die ganze Welt“ geht ins Oscarrennen

Blenden wir mal kurz hinein in die Beratung der Jury, die am Mittwochabend über den deutschen Oscarkandidaten entschieden hat. Sie könnte ungefähr so abgelaufen sein: „Systemsprenger“ im vorigen Jahr sei ja ein toller Film über ein durchs Sozialsystem fallendes Mädchen gewesen, habe mit Helena Zengel eine sensationelle Darstellerin gehabt und noch dazu etwas über deutsche Gegenwart erzählt – aber auf die vorderen Plätze in Hollywood sei man ja leider nicht gekommen.

Dann hat womöglich jemand eingeworfen: Wie wäre es denn mit Rainer Werner Fassbinder, also Oskar Roehlers Drama „Enfant Terrible“? Fassbinder gehe immer, auch wenn er schon ein paar Jahrzehnte tot sei. Und als noch alle grübelten, stand „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ im Raum: Nationalsozialismus und Emigration, gesehen durch die Augen eines Kindes, die Familiengeschichte der Autorin Judith Kerr – und noch dazu mit Caroline Link eine Regisseurin, die mit „Nirgendwo in Afrika“ (2001) schon einen Oscar gewonnen hat.

Kann Gewalt legitim sein im Kampf gegen rechts?

Und dann entschied sich die Jury im Auftrag von German Films, der Auslandsvertretung des deutschen Films, doch wieder mutig für einen Beitrag, der drängend nah an der Gegenwart angesiedelt ist: In dem Politdrama „Und morgen die ganze Welt“ von Julia von Heinz fragt sich eine junge Frau, was sie gegen den Vormarsch der Rechten in Deutschland in die Mitte der Gesellschaft tun kann, wenn so wenige andere etwas tun.

Kann Gewalt legitim sein im politischen Kampf gegen eine republikverachtende Gruppe, wenn andere Mittel versagen? Wann beginnt das Recht auf Widerstand? Und wo beginnt der Terrorismus?

Ehe sich die angehende Jurastudentin Luisa (gespielt von Mala Emde) versieht, hat die Gewaltspirale sich zu drehen begonnen – und legt immer mehr an Tempo zu. Irgendwann erbeuten Luisa und ihre Mitstreiter zwei Kisten Sprengstoff von den Neonazis. Spätestens jetzt muss sie sich entscheiden, wie weit sie gehen will.

Schon beim Festival in Venedig im Rennen

Die Jury hat ihre Wahl so begründet: „In einer Zeit, in der die Demokratie zunehmend unter Druck gerät, stellt Julia von Heinz die Frage, ob und wenn ja, wann Gewalt gerechtfertigt oder sogar notwendig ist.“

Ganz unbekannt in der internationalen Kinowelt ist „Und morgen die ganze Welt“ nicht, das ist ein echter Pluspunkt: Der Film stand im Wettbewerb von Venedig, dem einzigen Festival, das (nach der Berlinale im Februar) trotz der Corona-Pandemie stattfinden konnte.

Die Wahl der Oscarjury ist zu begrüßen, auch wenn der Film dramaturgisch nicht der ganz große Wurf sein mag: Denn bei einem Oscarkandidaten geht es nicht darum, was hierzulande gefällt, sondern was im fernen Hollywood gefallen könnte. Und da standen bislang die Themen Nationalsozialismus (angefangen beim Triumph der „Blechtrommel“ 1980) oder überhaupt deutsche Geschichte (siehe den Oscarsieg 2007 des Stasi-Dramas „Das Leben der Anderen“) immer ziemlich weit oben.

Was gefällt im fernen Hollywood?

Den ersten Schritt hat von Heinz getan. Nun ist die Oscar-Academy am Zuge. Aus allen internationalen Bewerbungen wählt sie zunächst zehn Filme aus, die am 9. Februar kommenden Jahres bekannt gegeben werden. Am 15. März werden die letzten fünf Oscarkandidaten benannt.

Die Oscarshow ist erst – der Pandemie geschuldet – auf den 25. April terminiert. Womöglich ist dann ein brennend aktueller Film über unsere Gegenwart unter den Oscarhoffnungen zu finden.

Von Stefan Stosch/RND