Als der Regisseur noch reisen durfte: Mohammed Rasoulof beim Filmfestival in Cannes. Quelle: Sebastien Nogier/EPA/dpa

Berlinale-Sieger Mohammad Rasoulof: „Ich will die Wahrheit erzählen“

Bis in den Iran zu seinem rechtmäßigen Eigentümer, hat es der goldene Berlinale-Bär 2020 noch immer nicht geschafft. Auf absehbare Zeit dürfte er auch kaum nach Teheran reisen: Regisseur Mohammad Rasoulof hat Grund anzunehmen, dass der Hauptpreis der Berliner Filmfestspiele beschlagnahmt würde.

Sein Anwalt habe Erstaunliches in den Akten gelesen: Der iranische Geheimdienst hege den Plan, die Trophäe am Flughafen einzukassieren. „Der Bär bleibt einstweilen in meiner Wohnung in Hamburg“, sagt Rasoulof. Das bislang letzte Mal hat er seine dort lebende Familie vor drei Jahren besuchen können.

Bei diesem Skype-Gespräch sitzt der 1973 geborene Filmemacher im ländlichen Süden des Irans. „In Teheran ist der Druck zu groß, politisch, aber auch wegen der Corona-Pandemie. Hier in der Natur kann ich ein bisschen zur Ruhe kommen“, sagt er. Seine Stimme klingt müde, aber seinen Humor hat der Mann mit den Bartstoppeln im Gesicht offenkundig nicht verloren: Über die geheimdienstliche Bärenjagd kann er herzhaft lachen. Genauso wenig hat ihn der Mut verlassen, den er mit seinem Siegerfilm „Doch das Böse gibt es nicht“ (Kinostart: 5. November) bewiesen hat.

Schon seine Filme „Auf Wiedersehen“, „Manuscripts Don’t Burn“ und „A Man of Integrity“ gefielen dem Regime nicht. Die Vorwürfe lauteten stets, er betreibe „Propaganda“ gegen den Iran. Schon während der Dreharbeiten zu einem Film über die Proteste rund um die Präsidentschaftswahlen 2009 war er zusammen mit seinem Kollegen Jafar Panahi verhaftet worden. Und nun sei ein Verfahren wegen des Berlinale-Siegerfilms gegen ihn eröffnet worden.

Verkleidet am Filmset

Der Regisseur pocht in dem Episodenfilm über die Todesstrafe auf die Verantwortung des Einzelnen auch in einem autokratischen Regime – egal, ob er von einem Biedermeier erzählt, der in der Frühschicht Todesurteile vollstreckt, oder von dem jungen Soldaten, der den Schemel unter dem Opfer mit der Schlinge um den Hals wegtreten soll.

Rasoulof sah keine Möglichkeit, eine Drehgenehmigung zu bekommen. Freunde reichten die Anträge für vier Kurzfilme ein, jeder in einer anderen Stadt und zu einem anderen Zeitpunkt. Rasoulof tauchte auch mal verkleidet am Set auf. Oder seine Assistenten übernahmen, etwa am Teheraner Flughafen, weil dort die Gefahr der Entdeckung zu groß gewesen wäre.

Den Berlinale-Bären nahm Rasoulofs Tochter Baran in Empfang. Der Regisseur hatte eine Botschaft geschickt: „Das Recht darauf, selbst über meine An- und Abwesenheit zu entscheiden, ist mir nicht gegeben. Die Durchsetzung solcher Restriktionen verrät die intolerante und despotische Haltung der iranischen Regierung nur allzu deutlich.“ Der Saal feierte den Abwesenden mit stehenden Ovationen.

Aufforderung zur Haftstrafe per SMS

Im März erhielt er – per SMS – die Aufforderung, eine einjährige Haftstrafe anzutreten. Und warum musste er dann doch nicht ins Gefängnis? „Der Herrschaftsapparat im Iran ist kein monolithischer Block“, sagt Rasoulof. „Unterschiedliche Fraktionen arbeiten gegeneinander. Hier etwa die Geheimdienste, dort andere politische Akteure. Die einen wollten mich wohl ins Gefängnis bringen, andere schätzten den Schaden international vermutlich als zu groß ein.“

Und dann sei da noch der Versuch, Regimekritiker zu verunsichern: „Man weiß nie, was auf einen zukommt.“ Der Druck auf ihn oder den international ebenso gefeierten Panahi („Taxi Teheran“) diene der Abschreckung: „Niemand soll auf die Idee kommen, kritische Filme zu drehen. Das Regime will eine Art islamisches Hollywood.“ Eine absolute Zensur sei heute aber nicht mehr möglich. „Mit jedem Handy können Sie einen Film drehen“, sagt er. Und jeder Film lässt sich ins Ausland schmuggeln. Panahi versteckte einen Filmstick schon mal in einem Kuchen. Das Backwerk traf wohlbehalten beim Festival in Cannes ein.

Woher nimmt Rasoulof seinen Mut? „Vielleicht liegt es an meiner Mutter. Sie war eine aufrichtige, geradlinige Frau“, sagt er. „So etwas ist heutzutage etwas Besonderes in der korrupten iranischen Gesellschaft.“ Im Kinodrama „A Man of Integrity“ ficht ein Mann einen Kampf gegen Filz und Korruption.

Im Iran ist alles politisch

„Klar gibt es Momente der Angst. Aber mein Antrieb ist es, die Wahrheit auszusprechen und Geschichten so zu erzählen, wie ich es möchte“, sagt Rasoulof. Er sei kein politischer Mensch, doch in einer autoritären Gesellschaft sei alles politisch: „Anständig zu bleiben wird zu einer politischen Tat. Autoritäre Herrschaft hat immer mit Lüge zu tun.“ Er hätte die Chance gehabt, im Ausland zu bleiben, so wie es sein Kollege Rafi Pitts („Zeit des Zorns“) getan hat. Als Rasoulof 2017 aus Cannes zurück nach Teheran flog, wusste er, was ihn erwarten würde. Noch am Flughafen wurde ihm der Reisepass abgenommen.

Hat er die Rückkehr bereut? Rasoulof antwortet mit einem Wort: „Nein“. Dann schiebt er doch noch ein paar Sätze hinterher: „Ich vermisse meine Familie, meine Tochter. Ich bin unglücklich über die Zustände im Iran und auch über die in der Welt. Aber es geht mir gut. Ich bin mit mir selbst im Reinen. Ich habe mich bewusst so entschieden.“

Die letzte Episode von „Doch das Böse gibt es nicht“ handelt von einer jungen Iranerin aus Deutschland, die ihren Onkel besucht. Sie hat Fragen – zum Beispiel die, wieso er, der Arzt, in der iranischen Provinz Bienen züchte. „Auch meine Tochter hat irgendwann von mir wissen wollen, warum wir häufig getrennt voneinander leben müssen“, sagt Rasoulof.

Im Iran findet „Doch das Böse gibt es nicht“ übers Internet sein Publikum. Als im Sommer der Ringer Navid Afkari hingerichtet werden sollte, brandete Widerstand im Netz auf. Die Protestierenden nahmen auch auf Rasoulofs Film Bezug. Afkari wurde umgebracht, bei drei anderen die Hinrichtung zumindest ausgesetzt.

Hat er Hoffnung für sein Land? Einen Moment ist es still in der Leitung, dann sagt Rasoulof: „Es wird Veränderungen geben, aber keine plötzlichen. Schon heute denken die Menschen im Iran anders als noch vor zehn Jahren. Und erst wenn sich das Denken ändert, kann auch ein Wandel im Politischen stattfinden.“

Eine Frage muss man noch stellen, auch wenn man kaum auf eine Auskunft hoffen darf: Plant er schon seinen nächsten Film? Da lacht Rasoulof und antwortet doch: „Ich bin schon am Schreiben. Ich bin immer am Schreiben. Auch wenn sie mich ins Gefängnis stecken, werde ich weiterschreiben.“

Von Stefan Stosch/RND