„Ich bin ein sehr rastloser Mensch“: Johannes Oerding. Quelle: Chris Gonz

Johannes Oerding: „Ich halte es für meine Bürgerpflicht, zivilen Protest auf der Straße zu zeigen“

Im vergangenen Jahr erschien Ihr Nummer-eins-Album „Konturen“. Jetzt veröffentlichen Sie es als „Special Edition“ mit zwei neuen Songs noch mal. Warum?

Das hat mehrere Gründe. Erstens ist es ein gängiges Prozedere, nach einiger Zeit zu sagen: Wir haben noch so viel Material, noch so viele B‑Seiten übrig, das soll auch erscheinen. In dem Fall war es aber so, dass wir eigentlich ein Konzert mit dem Radiophilharmonie-Orchester geplant hatten, das jetzt aber wegen Corona ins Wasser fiel. Ich wollte dann aber trotzdem ein Album aufnehmen und hatte noch so viele Akustikversionen. Mittlerweile bin ich ein Freund davon zu sagen: Was man hat, sollte man auch veröffentlichen und nicht irgendwo verrotten lassen.

Als „Konturen“ vor einem Jahr erschien, war Corona noch unbekannt. Doch durch das Virus hat sich unsere Welt entscheidend verändert – und dadurch haben sich auch die Bedeutungen von Texten geändert. Haben Sie überprüft, ob alle Texte noch funktionieren?

Natürlich, die funktionieren noch. Aber es ist tatsächlich so, dass mancher Song durch die neue Situation eine ganz neue Bedeutung angenommen hat. Ich nehme mal den Song „Anfassen“. Der handelt davon, dass wir uns wieder etwas entfernen müssen von dieser ganzen Digitalisierung, dass wir nicht ständig aufs Handy starren, sondern auch mal wieder den Kopf hoch nehmen und miteinander reden. Ganz verkürzt wiedergegeben. Aber viele Radiosender haben sich gerade diesen Song während des Corona-Lockdowns gegriffen und haben ihn rauf und runter gespielt. Oder ein Song wie „Blinde Passagiere“, in dem es heißt: „Wir sind wie blinde Passagiere, / treiben einfach so umher / auf ’ner kleinen blauen Kugel / durch das große, schwarze Meer.“ Ich hatte viel Feedback zu dem Song während des Corona-Lockdowns: Genau so haben sich viele Menschen in den vergangenen Monaten gefühlt.

Sie haben im vergangenen Jahr gesagt, Sie lieben nichts so sehr, wie auf Tour zu gehen. Wie haben Sie die vergangenen Monate erlebt?

Ich habe verschiedene Phasen durchlebt. Als wir am Anfang direkt von der Tour nach Hause geschickt wurden, die wir ja abbrechen mussten, war das schon sehr hart. Da waren wir alle sehr geknickt und traurig. Es wäre unsere größte Tour gewesen, die Arenen waren alle ausverkauft, wir hatten uns alle lange darauf vorbereitet. Und dann wird man einfach nach Hause geschickt – und keiner sagt einem, wann es weitergeht.

„Ich habe Angst, dass meine Indoor-Tour wieder verschoben werden muss“

Überwog die Nieder­geschlagenheit?

Ich war schon fertig mit den Nerven. Aber irgendwie macht man dann ja doch aus der Not eine Tugend. Ich wurde wieder kreativ. Ich habe mich auch mit anderen Künstlern verbunden, in der Zeit ist vieles Neues entstanden. Und wenn Sie mich auf die Perspektive ansprechen, dann hoffe ich, dass wir schon im nächsten Sommer wieder die Chance haben, Open-Air-Konzerte zu spielen. Der Sommer in diesem Jahr hat ja gezeigt, dass draußen allerhand möglich war. Aber ich habe auch Angst, dass meine Indoor-Tour wieder verschoben oder abgesagt werden muss. Das wäre dann schon zum dritten Mal.

Hat denn die Corona-Krise Ihnen Ideen für neue Songs geliefert oder war die Zeit lähmend?

Anfangs eher lähmend, da hatte ich überhaupt keine Lust, Songs zu schreiben. Eigentlich war ja der Plan, zwei Jahre lang unterwegs und auf Tour zu sein und gerade nicht in diesem Schreibmodus zu verharren. Dann ist es aber einfach passiert. Ich habe für meine Freundin Ina Müller, deren Album ja bald erscheint, Songs komponiert. Da war gut, dass wir die Zeit dazu hatten. Und der Lockdown hat dann letztlich dazu geführt, dass Gedanken kamen, die ich aufschreiben konnte. So ist zum Beispiel der Song „Ketten“ entstanden, der jetzt neu auf dieser Special Edition ist und davon handelt, dass man sich darauf freut, mal wieder etwas Vitamin B von außen zu bekommen.

Dort heißt es „Meine Welt kommt zur Ruhe, / doch endlich schnür ich mir die Schuhe, / will wieder tanzen gehen, / will mal nur Sonne spüren und nicht nur sehen, / vermiss das Vitamin B / und dich in meinen Arm zu nehmen.“

Ja. Dieser Song ist eindeutig coronainspiriert.

„Bin mir meiner Verantwortung als Künstler mit meiner Reichweite bewusst“

In einigen Ihrer Songs verbergen sich hinter der lockeren Popmusik ernste Zeilen: „Diese Welt spielt verrückt, die Schlagzeilen nur voller Hass“ (in „Alles okay“) oder „Wir können die Brücken nicht mehr sehen, / zu viele Mauern aus Zement. / Wir spüren nicht mehr, was uns verbindet, / nur diese Kälte, die uns trennt“ (in „Blinde Passagiere“). Sind Sie im Laufe der Jahre und Ihrer Alben ernster und politischer geworden?

Definitiv. Es gibt bei mir zwar nach wie vor auch Songs, die mit einem gewissen Augenzwinkern zu verstehen sind, aber ich habe schon das Gefühl, dass mehr und mehr politische und gesellschaftliche Fragen auf meinem Album zu finden sind. Das liegt auch daran, dass ich privat ein viel politischerer Mensch geworden bin – ich stelle mir viel mehr Fragen, je älter ich werde, und bin mir auch meiner Verantwortung als Künstler mit meiner Reichweite bewusst. Und so pikse ich das eine oder andere Thema an und schicke es in Richtung Fans auf die Reise. Das hat man als Künstler ja auch ein Stück weit in der Hand.

Sollte Kunst politisch sein?

Sollte, muss – da tue ich mich immer schwer. Ich empfinde es so, dass ich durchaus auch Botschaften mit meiner Kunst transportieren kann. Musik kann viel bewegen, und das sollte man sich auch zunutze machen.

Dann noch einmal konkreter: Verstehen Sie Ihre Kunst als politische Kunst?

Nicht alles. Ich sehe mich auch als Entertainer, der die Leute mal ablenkt und mal tröstet. Ich singe auch Songs, die „Nie wieder Alkohol“ oder „Sommer“ heißen. Da ist beileibe nicht alles politisch. Aber es sind viele Facetten, die ich in mir trage und die ich auch versuche, auf meinem Album unterzubringen. Ich singe Melancholisches, Ernstes, Politisches – aber auch mal lustige Dinge zum Schmunzeln.

Sie sagen, Sie seien privat politischer geworden. Wie zeigt sich das?

Ich bin von meinem Vater so erzogen worden, dass derjenige, der viel hat, auch viel abgeben kann. Ich lebe nach dem Solidaritätsprinzip. Sei es, dass ich immer noch bei den Pfadfindern bin und versuche, Jugendarbeit zu leisten, sei es, dass ich verschiedene Charityprojekte wie Viva con Agua unterstütze. Und ich bin einer, der freitags gern mit den jungen Leuten – und da zähle ich mich noch dazu – mitläuft und protestiert. Ich halte es für meine Bürgerpflicht, hier und da zivilen Protest auf der Straße zu zeigen.

Sie singen auch Zeilen wie „Ich will mein Leben wieder selbst in der Hand haben“ (in „Anfassen“) und „Ich lass dich nicht mehr mein Herz kontrollieren“ (in „Ich hab dich nicht mehr zu verlieren“), also Songs über und gegen Kontrollverlust. Haben Sie gern die absolute Kontrolle über Ihr Leben?

Ja, das ist schon ein bisschen mein Charakter, vor allem im Beruflichen. Ich bin schon einer, der die Zügel in der Hand hält und die Dinge steuert und auch kontrolliert, doppelt, dreifach. Das ist leider eine meiner Eigenschaften, die auch ein bisschen anstrengend für viele um mich herum sind.

Wie äußert sich das dann?

Wenn etwas schiefläuft, dann möchte ich lieber selbst den Fehler machen und lieber mich selbst dafür nicht mögen als andere. Auf der anderen Seite gibt es auch Phasen, in denen ich den Kontrollverlust brauche und mich treiben lasse, um neue Dinge zu erleben. Ich lerne ja nichts Neues kennen, wenn ich die ganze Zeit zu Hause sitze und brav meine Steuererklärung mache oder kontrollettimäßig aufräume. Sondern etwas Neues passiert, wenn ich rausgehe und sage, jetzt lasse ich das zu.

Sie singen auch viel vom Loslassen und Aufbrechen. Ist das gerade eine Phase bei Ihnen, dass Sie aufbrechen, weggehen möchten?

Das ist keine Phase, das ist mein Wesen. Ich bin ein sehr rastloser Mensch, versuche immer in Bewegung sein. Ich wollte schon sehr früh meinen Heimatort verlassen, wollte möglichst schnell den Führerschein machen, um raus in die Welt zu kommen. Das geht mir auch heute noch so. Deswegen fällt es mir ja auch gerade so schwer, nicht auf zu Tour zu sein und wie so ein alter Kutter fest vertäut am Hafen zu liegen. Diese Unruhe in mir treibt mich immer wieder zu solchen eskapistischen Liedern. Aber das ist natürlich auch ein klassisches Singer-Songwriter-Thema, dieses Ausbrechen und Unterwegssein. Das kenne ich auch von vielen Kolleginnen und Kollegen.

Wenn Sie so viel und gern unterwegs sind: Was ist denn Ihre Heimat?

So ein richtiges Heimatgefühl habe ich nicht. Ich habe, wenn, dann mehrere Heimaten. Die Heimat, in der ich geboren und aufgewachsen bin. Jetzt Hamburg als meine musikalische Heimat. Aber auch wenn ich im Tourbus mit meinen Jungs und Mädels sitze, fühlt sich das dann an wie zu Hause.

„Ina Müller ist eine der wichtigsten Instanzen für mich und meine Musik“

„Ich hab dich nicht mehr zu verlieren“ singen Sie mit Ihrer Lebensgefährtin Ina Müller. Aber dieser Song ist ein Lied über eine Trennung. Geht es Ihnen beiden gut?

Ja, es geht uns gut. Da haben wir beide die Storyteller-Perspektive eingenommen. Auch das muss man nach so vielen Jahren mal machen, sonst wiederholt man sich irgendwann zu sehr in Inhalten und Texten. Und dann ist es ein alter Songwriterkniff, die Erzählerperspektive einzunehmen und sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Das ist bei dem Song jetzt der Fall. Und wir hätten auch niemals ein positives Liebeslied als Duett miteinander gesungen. Das wäre uns beiden zu schnulzig.

Singen Sie, bevor Sie ins Studio gehen, die Songs Ina Müller vor? Ist sie so eine Art Korrektiv für Sie?

Ja, total. Sie ist eine der wichtigsten Instanzen für mich und meine Musik, weil sie auf der einen Seite auch vom Fach ist und aus der Branche kommt. Sie kennt sich einfach sehr, sehr gut mit Songs aus. Auf der anderen Seite hört sie manchmal Lieder viel laienhafter als ich, halt wie jemand, der auf dem Bauernhof in Niedersachsen groß geworden ist. Das ist sehr schön, denn das habe ich leider nicht mehr so in mir. Ich kann Lieder nicht mehr einfach nur so hören, sondern bin oft sofort mit dem Kopf dabei: Wie haben die das gesungen, wie haben sie das aufgenommen? Man lernt dadurch natürlich auch viel dazu und kann sich inspirieren lassen. Aber ich höre sehr analytisch, und das nervt manchmal.

Ist es ein Vorteil, eine Freundin zu haben, die das Geschäft kennt, oder gibt das manchmal auch Reibereien?

Ich würde sagen, zu 90 Prozent ist es ein Vorteil. Denn es herrscht untereinander ein großes Verständnis für die Jobs, die alles andere als von der Stange sind und alles andere als Regelmäßigkeit und Verbindlichkeit mit sich bringen. Das ist natürlich perfekt, weil ich dann sagen kann: „Ich habe jetzt ein Konzert und du weißt, danach hänge ich zwei Tage durch“, und Ina hat dann Verständnis dafür. Aber natürlich ist es auch nicht immer einfach, wenn beide Partner in der Öffentlichkeit stehen. Wir können nicht so einfach mal Dinge in Ruhe unternehmen, nicht einfach mal spontan essen gehen, wie es andere Menschen können. Aber auch das bekommt man hin. Aber ich kann natürlich nur für mich sprechen.

Wie geht es weiter?

Ich mache eine richtig lange Pause, bis Anfang nächsten Jahres. Und dann schaue ich mit meinem Team im Februar, ob wir die Tour im April spielen können. Und wenn das nicht klappt, schauen wir, wie es mit den Open Airs aussieht. Und wenn das auch nicht funktioniert, müssen wir uns Konzepte überlegen. Das ist dann wahrscheinlich die große Aufgabe, wenn es mit der Pandemie so schlimm weitergeht, dass wir uns überlegen müssen, wie wir die Fans trotzdem live erreichen. Aber jetzt kommt erst mal meine Auszeit – nach 15 Jahren zum ersten Mal vier, fünf Monate Pause am Stück. Ich lasse mich jetzt ein bisschen treiben und lasse den Kontrollverlust zu.

Aber Stift und Zettel nehmen Sie mit, falls Ihnen die Songs zufliegen?

Ja, natürlich. Und Gitarre und Keyboard habe ich auch immer dabei.

Von Kristian Teetz/RND