Kostümparty: Die Schauspieler von „Election Night“ nehmen für eine Szene neue Rollen ein. Theater spielen über Zoom bietet optisch viele Möglichkeiten, sagt Regisseurin Julia Hart (oben, 2. v. l.). Quelle: Julia Hart/Privat

US-Wahl als Liveperformance auf Zoom: „Wir haben keine Ahnung, wie es ausgeht“

Hamburg. Wer am Wahlabend des 3. Novembers eine echte amerikanische Wahlparty feiern und etwas für die heimische Kultur tun will, hat dazu Gelegenheit – sogar ganz bequem vom eigenen Sofa aus. Die US-amerikanische Regisseurin Julia Hart hat ein Theaterstück mit in Deutschland lebenden US-Amerikanern auf die Bühne gebracht, das nur über den Videokonferenzdienst Zoom zu sehen ist. Die Performance findet statt, während die Vereinigten Staaten einen neuen Präsidenten wählen.

Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) spricht Hart über die Chancen und Herausforderungen des Theatermachens via Zoom, wie man aus Trumps Lügen lustige Spiele formt und verrät, warum sie vorsichtiger auf den Wahlausgang blickt als vor vier Jahren.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Onlinetheaterstück via Zoom parallel zur laufenden US-Wahl zu machen? Schaltet denn da überhaupt jemand ein?

Ich dachte, ich möchte in der Wahlnacht nicht allein sein, und habe mich gefragt, was ich aus dieser Situation machen kann. Und dann hatte ich die Idee, genau diesen Abend mit anderen US-Amerikanern und mit unserem deutschen Publikum zu verbringen. Auch, um einen Rückblick zu geben: Was ist jetzt alles passiert, was ist bei uns hängengeblieben und was machen wir mit den vielen Gefühlen von Sorgen und Ängsten bis hin zur Hoffnung, die wir in dieser Wahlzeit erleben?

Für mich ist es etwas Besonderes, ein Stück zu machen über die Wahlnacht, das während der Wahlnacht stattfindet. Worüber wir sprechen und womit wir uns auseinandersetzen, passiert wirklich, und wir haben keine Ahnung, wie es ausgeht. „Election Night“ passiert nur einmal, an genau diesem Abend. So eine direkte Verbindung in die Gegenwart – über den Ozean hinweg – ist einzigartig.

Manche Schauspieler nie persönlich getroffen

Im Veranstaltungstext des Stücks heißt es: „Election Night“ ist eine Performance, Wahlnachtparty und Zeitreise zugleich. Was genau dürfen sich die Zuschauer darunter vorstellen?

In den USA ist es ganz typisch, die Zeit am Wahlabend zusammen zu verbringen, eine Hausparty zu schmeißen oder in eine Bar zu gehen, um verrückte Spiele zu spielen und was zu trinken, während man die Ergebnisse im Fernsehen verfolgt. Die Zuschauer erwartet auf Zoom auch eine solche Party, mit Spielen, die man sonst bei einer US-amerikanischen Wahlnachtparty spielen würde.

Zeitreise bedeutet, dass wir auch persönliche Geschichten erzählen und an die vergangenen vier Jahre zurückdenken. Die Stories von US-Bürgern, die in Deutschland leben, bringe ich zusammen in eine theatrale Form auf Zoom. Die Plattform ist unsere virtuelle Bühne. Es wird gespielt, es wird auch gefeiert – und zusammen nach Bildern für unsere Gedanken gesucht.

15 Schauspieler sind an dem Projekt beteiligt, dazu Musikdirektor, Technik und Regie. Wie bringt man so viele Menschen mitten in einer Pandemie zusammen?

Wir haben uns gar nicht getroffen, sondern auch nur auf Zoom geprobt. Teilweise sind auch Performer dabei, die in die Risikogruppen fallen, und ich hätte keinen Raum als Probebühne gefunden, der groß genug ist, um den Abstand zu wahren. Das war viel Organisation, so viele Menschen, die auch Kinder haben und arbeiten, aufeinander abzustimmen. Meine Darsteller sind auch keine Profischauspieler, sondern ganz normale Leute mit Bühnenerfahrung, die das Bedürfnis haben, vor 100 Menschen auf Zoom Theater zu spielen. (lacht) Einige aus der Gruppe habe ich noch nie persönlich kennengelernt. Ich hoffe, dass wir uns treffen können, wenn das vorbei ist.

Kein Ersatz fürs echtes Bühnenspiel

Wie erleben Sie als Theatermacherin das Gefühl, von der Bühne runter zu sein und plötzlich „nur" noch Onlinetheater zu machen?

Es war sehr spannend für mich, online zu arbeiten, verlangt aber auch viel Geduld. Vor allem das Gefühl für Timing und Rhythmus ist ganz anders, wenn man auf Zoom spielt. Das war auf jeden Fall eine ganz neue Erfahrung. Als Regisseurin habe ich das Ausprobieren auch genossen. Man kann mit Bewegung arbeiten, was visuell oft sehr spannend ist. Es ist nur manchmal akustisch schwierig, da man nicht gleichzeitig sprechen oder singen kann, was sonst Dinge sind, die ich gerne in meinen anderen Theaterstücken gemacht habe.

Das Theaterspielen via Zoom hat sicherlich weitere Vor- und Nachteile, etwa wenn der Hund bellt oder das Kind irgendwas braucht. Vorteile sind, dass wir mit ganz verschiedenen Mitteln arbeiten konnten. Das hat mich manchmal an eine Filmproduktion erinnert: Die Wohnungen sind das Bühnenbild, wir spielen in den Küchen, Wohn- und Schlafzimmern unserer Performer. Natürlich sind nicht alle 15 Schauspieler die ganze Zeit auf Zoom zu sehen, wir wechseln uns ab. Statt von der Bühne abzugehen, ist kurz die Kamera aus. Und wenn die Kamera an ist, ist man wieder dabei.

Können Onlinetheaterstücke über Zoom eine Blaupause sein für kommende Produktionen?

Ich finde, es ist kein Ersatz für das echte Theater. Ich unterrichte auch Theater in Berlin und sage meinen Studenten immer: Theater ist eigentlich Körper im Raum. Dass Schauspieler zusammen mit den Zuschauern eine Zeit lang zusammen an einem Ort verbringen, das fehlt fehlt leider auf Zoom. Ich vermisse auf jeden Fall das Publikum und seine Reaktionen mitzubekommen. Man kann das Lachen nicht hören, oder kriegt nur ganz wenig davon mit. Zoom-Stücke sind keine Lösung für immer, aber es ist trotzdem eine Möglichkeit für uns, jetzt ein Theaterprojekt live zu machen, woran ganz viele Menschen teilhaben können. Natürlich ist das für meine Familie toll, die mein Stück sehen kann. Von zu Hause aus den USA! Ich bin seit 15 Jahren hier in Deutschland, und das war so noch nie möglich.

Und wie sieht es aus mit Problemen bei der Technik?

Bis jetzt hat es einigermaßen geklappt, aber natürlich passiert es auch, dass jemand plötzlich weg ist, weil das Internet, Zoom oder ein Notebook abstürzt. Damit rechnen wir bei der Aufführung. Natürlich hoffen wir, dass technisch alles funktioniert, aber wenn das geschieht, ist es Teil der Party. Meine anderen Performer springen einfach ein, bis der- oder diejenige wieder drin ist.

Von den Republikanern hat sich niemand gemeldet

Alle am Stück Beteiligten sind gebürtige US-Amerikaner, die in Hamburg leben. Wie haben Sie sich als Gruppe eigentlich kennengelernt?

Ich kenne viele über Democrats Abroad, das war für mich immer der Weg, mich schnell und einfach vom Ausland aus fürs Wählen zu registrieren. Bei einem Workshop der Organisation über die Wahl und Trump habe ich überhaupt erst die Idee bekommen, so ein Theaterstück zu machen. Durch die Dems Abroad habe ich dann ganz vielen Leute per Mail und Facebook geschrieben, genauso wie über den American Womens Club hier in Hamburg. Ich habe auch versucht, Republicans Overseas zu erreichen, aber da hat sich leider niemand gemeldet. Wir sind alle eher nicht diejenigen, die für Trump gestimmt haben.

Mit „Neuland“ haben Sie 2017 schon einmal ein Theaterstück mit US-amerikanischen Frauen in Hamburg auf die Bühne gebracht. Damals ging es um die Frage, was Frauen von Donald Trumps Präsidentschaft halten. Was hat sich seitdem verändert?

Damals ging es darum, wie Trump überhaupt gewinnen konnte. Wir haben versucht, das auf der Bühne zu verstehen, es war alles noch so neu. Wir waren noch in einem Schockzustand. Vor allem diese „Grab them by the pussy“-Aufnahme war sehr schwer zu begreifen. Jetzt würde ich sagen, dass die Performance nach dem Mord an George Floyd und der Black-Lives- Matter-Bewegung mehr über Rassismus spricht, was in dem ersten Stück noch nicht so ein großes Thema war.

Wir blicken hauptsächlich auf die großen Ereignisse und Wendepunkte in Trumps Präsidentschaft zurück. Und wir reden auch über Biden. Es gibt ganz viele gemischte Meinungen und Gefühle über Joe Biden und Kamala Harris. Ich habe das Gefühl, beim ersten Stück waren wir voller Hoffnung für Hillary Clinton. Jetzt ist das ganz anders. Die Ängste sind größer und es steht viel mehr auf dem Spiel. Obwohl wir tatsächlich eine Party machen. (lacht) Es ist auch manchmal lustig, aber die Fallhöhe ist noch tiefer und es ist auch ernster als beim letzten Mal.

Es wird eine Nacht, „in der man auf sein Schicksal wartet", schreiben Sie in der Ankündigung. Was erwarten Sie sich persönlich von der Wahl?

Ich bin jetzt fast 40, habe einige Präsidentschaften mitbekommen und hatte noch nie das Gefühl, mein Land geht unter. Ich war nicht mit der Politik von George Bush einverstanden, aber dachte nicht, dass die Demokratie in den USA ernsthaft in Gefahr ist. Ich betrachte es als eine Schicksalswahl, weil ich wirklich denke, dass es sehr gefährlich wäre, wenn Trump weiter Präsident bleibt. Ob ich Hoffnung habe? Auf jeden Fall. Das ist eine vorsichtige Hoffnung. Natürlich lese ich, dass Biden in den Umfragen besser dasteht als Trump. Aber das war auch bei Hillary Clinton der Fall. Da bin ich vorsichtiger geworden und möchte mich auch selber schützen, dass ich nicht wieder in so eine Tiefe falle wie vor vier Jahren.

Spiel mit Trumps Lügen

Schauen Sie deshalb im Stück eher zurück als nach vorne?

Ich glaube, für mich war es wichtig, den 24/7-Newskreislauf zu durchbrechen: Noch ein Trump-Skandal, noch etwas mit seinen Steuern, noch etwas mit der Umwelt. Ständig kommt noch ein Erlebnis, von dem man denkt: Das kann nicht wahr sein, das darf nicht passieren! Bevor ich nach vorne schauen kann, möchte ich nicht vergessen, was alles passiert ist. Wir dürfen nicht komplett taub werden von diesem permanenten Zustand von Wut und Frustration. Und wir gucken ja auch vorsichtig nach vorne. Es gibt im Stück auch eine Szene über die Hoffnung und was wir uns für die USA in dieser schwierigen Zeit wünschen.

Erzählen Sie uns von einigen Ihrer Lieblingsmomente in der Performance.

Wir haben viele Generationen in dem Stück, von Mitte 20 bis Anfang 70. Der jüngste und die älteste Performerin spielen einen Moment vor, wo sie sehr intim mit ihren Müttern reden, die Trump gewählt haben. Dann haben wir das Spiel „Two Tweets and a Lie“ mit im Programm, angelehnt an „Two Truths and a Lie“ („Zwei Wahrheiten und eine Lüge“), wo wir ein paar Tweets von Trump angucken und auch einige dazuerfunden haben. Die Tweets von Trump sind so absurd, dass wir sie beim Proben oft nicht von den ausgedachten unterscheiden konnten.

Darüber hinaus gibt es einen Moment, in dem sich alle Schauspieler verwandeln. Wir lieben in den USA auch Halloween und verkleiden uns gern. Das gibt es auch bei dieser Party, indem alle Performer in Kostüme von Menschen oder Figuren schlüpfen, die etwas mit der Wahlnacht zu tun haben. Ein Schauspieler wird uns sogar live aus Chicago in den USA zugeschaltet sein. Er ist Opernsänger und wird auch singen.

Tickets können Interessierte auf der Internetseite des Lichthof-Theaters Hamburg kaufen (regulärer Preis 12 Euro). Mit dem Ticket bekommen Teilnehmer eine Anleitung, wie Zoom funktioniert, und am Aufführungstag einen Link mit den Zugangsdaten. Los geht es am Wahlabend (3. November) um 21 Uhr, die Performance dauert circa 90 Minuten. Im Anschluss ist noch ein Publikumsgespräch geplant.

 

 

Von Maximilian Arnhold/RND

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