„Bad Moon Rising“ forever: Rocklegende John Fogerty hat seine Familie eingebunden – Tochter Kelsy, eigentlich in der Oberstufe der Highschool, hat im Corona-Lockdown Gitarre spielen gelernt. Quelle: Getty Images for Capitol Concert

Neue Alben von Extrabreit, John Fogerty, Deinen Freunden und anderen

CCR-Chef John Fogerty macht in Familie

Creedence Clearwater Revival klangen nach Südstaaten, kamen aber aus Kalifornien. Vor gut 50 Jahren erschien „Cosmo’s Factory“, das fünfte und vielleicht strahlendste Werk der vier Swamprocker, mit dem der alleinige Songwriter John C. Fogerty 1970 fast ein Greatest-Hits-Album abgeliefert hatte. Nachdem das Originalalbum jüngst mit einer Jubeledition geehrt wurde, schickt John Fogerty jetzt noch „Fogerty’s Factory“ hinterher. Das bis ins Detail nachgestaltete „Cosmo’s“-Cover zeigt allerdings nicht Bruder Tom, Stu Cook und Doug Clifford sondern Fogertys Nachwuchs.

Im Corona-Stillstand im März machte die inzwischen 75-jährige Rock-’n’-Roll-Legende aus der Not eine Tugend und begann mit den Söhnen Shane und Tyler sowie mit Tochter Kelsy zuhause im Studio herumzurocken. Einfach so, um Fans eine Freude zu machen, wurden immer wieder Songs online gestellt: „Hot Rod Heart“, „Centerfield“, „Blue Moon Nights“. Dabei wurde querbeet im Band- und Soloschaffen von Papa John gewildert, es ging um Country, Rock’n’Roll und Spaß, nicht um Perfektion. Schließlich hatte Kelsy Fogerty gerade erst mit dem Gitarrespielen angefangen und nie zuvor am Schlagzeug gesessen.

Zu den hier versammelten Schrammeleien gibt es zuweilen auch Botschaften: In einer Ansprache zu der Coverversion von Bill Withers' „Lean on Me“ freut sich Fogerty über das Protestvolk, das in aller Welt gegen den „evil racism“ aufsteht. „Hier geht es nicht um Politik, hier geht es um Menschenrechte“, stellt er prophylaktisch gegenüber all jenen klar, die von Musikern Musik hören wollen, nicht Meinung. Und mit Arlo Guthries „City of New Orleans“ weist er dann noch auf die Not der Kulturleute in Pandemiezeiten hin.

Von all den CCR-Klassikern findet sich hier kein einziger von „Cosmo’s Factory“. Dafür spielen die Fogertys „Have You Ever Seen the Rain“, „Proud Mary“, „Bad Moon Rising“ und das zuletzt von Donald Trump wider Dichters Willen für Auftritte benutzte „Fortunate Son“. Dass dieser Song eigentlich von Leuten wie Trump handelt, die in den 60er- und 70er-Jahren ihren Einfluss nutzten, um nicht zum Vietnamkrieg eingezogen zu werden, hatte Fogerty in der Endphase des Wahlkampfs noch einmal via Tiktok klargestellt.

John Fogerty & Family – „Fogerty’s Factory“ (BMG) – erscheint am 20. November

AC/DC und die hartnäckige Treue zu sich selbst

John Fogerty’s Stimme klang ja immer ein wenig nach hungrigen Werwolf. Bis man dann zum ersten Mal die AC/DC-Sänger Bon Scott und später Brian Johnson hörte – gegen die hörte sich der CCR-Chef fast schon wieder an wie ein gereiztes Streifenhörnchen. Und wer nun dachte, das Album „Rock or Bust“ (2014) wäre Brian Johnsons letzter Beitrag zur raueren Gesangskunst gewesen, der hat nicht mit der notorischen Auferstehungsfreude von AC/DC gerechnet: Johnson ist längst wieder fest bei der Truppe, hat seine Hörprobleme mittels einer neuartigen Technologie in den Griff bekommen.

Und auch sonst ist alles wieder roger in der härtesten, pubertärsten und heißgeliebtesten Rock’n’Roll-Truppe des Planeten: Phil Rudd hat Drogen- und Justizprobleme hinter sich gelassen, Cliff Williams seine Ruhestandsabsichten aufgegeben und Angus Young hat die Trauer um drei seiner Geschwister – AC/DC-Gitarrist Malcolm, AC/DC-Produzent George und Schwester Margaret, von deren Nähmaschine der Legende nach der Bandname stammt, starben zwischen 2017 und 2019 – überwunden. Zu „Power Up“, der 17. Platte der Band, lässt sich sagen: Gitarren! Gitarren! Gitarren! Licks und Fills und Riffs. Alles wie immer also seit 1973.

AC/DCs bluesbasierten Metal-Rock’n’Roll gibt es zwölfmal in rasanter („Demon Fire“) oder eher stampfender Ausprägung („Wild Reputation“, „Kick You When You’re Down“) und mit „Shot in The Dark“ haben AC/DC die vielleicht markanteste Single seit ihrer „Jumping Jack Flash“-Hommage „Thunderstruck“ von 1990 vorgelegt. Treu bleiben sich die Australier auch in ihrer Verweigerung des Ruhepulses. Keine Balladen. Nirgends. Aber mit „Through the Mists of Time“ immerhin der melodischste, popnäheste Song im Werk der Band bislang. Geht darin auch mal nicht um Sex oder sonst etwas. Auch nicht ums Älterwerden. Sondern irgendwie um Bildende Kunst. Schön, das alles, und dass auf den post-Corona-Konzerten auch die Helene-Fischer-Fans wieder die Lederjacke anziehen werden – geschenkt. AC/DC sind back in black 2.0.

AC/DC – „Power Up“ (Columbia)

Zwangspause vom Livebusiness – Extrabreits erste seit zwölf Jahren

Noch was halbwegs Hartes: „Wir sind die Fressen aus dem Pott / so gemacht vom lieben Gott“, stellen sich Extrabreit zum Auftakt von „Auf Ex!“ dem geneigten Publikum vor. Zwölf Jahre hat die Band um Sänger Kai Havaii und Stefan Kleinkrieg ohne Studioalbum durchgehalten. Und das wäre wohl so weitergegangen – hätte es nicht die Corona-Vollbremsung der Livekultur gegeben, der die Hagener Punks mit Vorliebe frönten.

Unter den neuen Songs sind einige Gewinner: In „Winter“ zeigen sich Extrabreit Endzeit-bewusst („Liebling, die Welt wie wir sie kennen / sie wird brennen“) und träumen in bester NDW-Manier von sinnlicher Zweisamkeit mit einem „Robotermädchen“ („Ihre Drähte spürt man nicht“). In der Ballade „Gib mir mehr davon“ erinnern sie sich an die Leute, die seit damals die Kurve noch gekriegt haben und an die, die geradeaus weitergeritten sind, an die, die sich selbst und an die, die ihren Lebenslügen treu geblieben sind.

Um Waffenspinner geht es im 90-Sekunden-Schweinsgalopp von „Meine kleine Glock“, in „Donnerstag“ um Synästhesie und Alltag („Donnerstag – deine Farbe ist grau“). Und wenn irgendwann alle geimpft sind, und die Kassenhäuschen von Osnabrück bis Trier wieder öffnen, haben Extrabreit endlich ein paar neue Dreingaben zu „Polizisten“, „Flieger“, „Duo infernal“ und „Hurra, Hurra die Schule brennt“. Auch diese Band steht im siebten Lebensjahrzehnt. Aber wie singt Kai Havaii in „Vorwärts durch die Zeit“ so richtig: „Solang es nicht vorbei ist, ist es nicht vorbei.“

Extrabreit – „Auf Ex!“ (Premium Records/Soulfood)

George Bensons große Nacht in London

Viele Jazzfans mögen keinen Pop, das Strukturierte, Schematische ist ihnen verleidet. Sie verschmähten schon Sinatras Songs, kritisierten an Louis Armstrong herum, wenn er die Trompete beiseite legte und seine Stimme erhob und als George Benson in den späten Siebzigerjahren mit Popsongs in die amerikanischen Rhythm-&-Blues-Charts einzog, verwehrten sie dem Jazzgitarrenwunderkind die Gefolgschaft.

Es sind nun genau diese Hits, die Bensons Livealbum „Weekend in London“, aufgenommen im Vorjahr in Ronnie Scotts muckeligem Jazz Club in London, prägen. Der 77-Jährige aus dem Befreiungsstaat Pennsylvania präsentiert funkige Groover wie „Give Me the Night“, „Turn Your Love Around“ und das mantraartige, perkussive „The Ghetto“, aber auch einlullende Balladen wie „Nothing’s Gonna Change My Love for You“ und „In Your Eyes“, die so gar nichts von den polierten Hollywoodproduktionen haben, sondern warm und gefühlvoll daherkommen und bei denen er seiner Stimme und seiner Ibanez immer noch weidlich Raum für Improvisationen gibt.

Wenn Benson dann mit dem perlenden „Cruise Control“ abschließt, mit Scatgesang, Piano-, Orgel- und Gitarrensoli, drückt man umgehend auf Repeat. Für die, denen dieses durchaus jazzaffine, völlig losgelöste Benson-Fest immer noch viel zu wenig Jazz ist, dreht Benson den Spieß einfach um. Mittendrin singt er ihnen kurz und würzig den 75 Jahre alten Smiley-Lewis-Blues: „I Hear You Knocking, but You Can’t Come in …“

George Benson – „Weekend in London“ (Provogue/Mascot/Rough Trade)

Katie Melua kann’s auch ohne Mike Batt

Nein, Katie Melua hat nicht schon wieder ein Jahresendzeitalbum eingespielt, aber die Musik des etwas fantasielos „Album No. 8“ betitelten Werks eignet sich weit besser als Besinnlichkeitsverstärker als es das milliardste seifige „Silent Night“ von irgendeinem Popstar vermögen würde. Wer dachte, Melua ohne den alten Balladengeneral Mike Batt, das könne auf Dauer nichts werden, der höre sich nur mal Lieder wie „English Manner“, „Joy“, „Maybe I Dreamt It“ oder „Airtime“ an.

Traumhaft wattiger Pop, exquisit ausgearbeitet – nicht von ungefähr ist es das erste Melua-Album mit komplett neuem Liedgut seit sieben Jahren. Nie wird dabei aus dem Pop dieser Platte Pomp, immer ist alles in der Balance, immer ist alles klar, schlicht und konturiert bei dieser Songwriterin, die auf der Suche nach dem perfekten Popsong ist. Mal seufzen Streicher, mal perlt eine Gitarre, mal gründelt das Piano und weiterhin sind die Quellen, aus denen Melua schöpft, Blues und Jazz.

Der sehnsuchtsvolle Gesang harmoniert dabei mit den von Wehmut besetzten Lyrics. Im hauchzarten „Leaving The Mountain“ singt die 36-jährige Wahlbritin von den Schönheiten der Welt, speziell der kaukasischen Berge ihrer geliebten Heimat Georgien. Zu der bezwingenden Melodie von „A Love like That“ scheint Melua die Trennung von ihrem Ehemann zu verarbeiten. In „Heading Home“ geht es dann um Familie, Wurzeln, Heimkehr. Und wenn zum Ende des Lieds die Stimmen des Gori Women’s Choir elysisch heraufziehen, will man unweigerlich mal wieder bei den eigenen Eltern vorbeischauen.

Katie Melua – „Album No. 8“ (BMG)

Fröhlich in den Advent mit Deinen Freunden

Auch diese Folge von „Pop 2020“ endet (draußen duftet die Luft schließlich schon nach Winter) mit einem Weihnachtsalbum, diesmal aber mit einem richtig guten. Deine Freunde, das Trio, das den Kinderpop seit ihrem „Schokolade“-Rap vom Ruch des Klampfen-Tirili befreite, erzählt von den „Zehn kleinen Wichteln“ (deren letzte drei sie selbst sind) und der „Rache der Blockflöte“ (mit jämmerlichen Flötentönen). Sie beklagen sich in „Wann wird’s mal wieder richtig Winter“ bei dem „da oben“, dass er seit geraumer Zeit übertrieben mit dem Schneemannbaumaterial geizt, um sich gleich danach in der Zeitreise von „Ein ganz normaler Sommertag“ den klimagewandelten Winter 2040 vorzustellen („Statt Winter Wonderland / gibt’s immer Sonnenbrand“).

Prima kann man zur Kommerzkritik von „Weihnachtsvertretermann“, zum Angebersong „Die krassesten Schlitten“ (den krassesten hat selbstverständlich der Weihnachtsmann) und zum bewusst falsch betonten „Renntierrennen“ durch die Zimmer hüpfen. Und mit der Erinnerung an das Weihnachten 1993, als es in der Endzeit von dessen Produktionsphase endlich den heiß ersehnten „C64“-Heimcomputer gab (64 Kilobyte Arbeitsspeicher), ist dann auch ein Lied für die Eltern der Deine-Freunde-Fans enthalten.

Wobei es sich mit den dreien ja verhält wie mit dem Fernsehdelfin Flipper und den Gummibärchen von Haribo – sie machen Kinder froh und Erwachsene ebenso.

Deine Freunde – „Das Weihnachtsalbum“ (Sturmfreie Bude/Universal)

Von Matthias Halbig/RND