In seinen Werken immer noch präsent: Günter Grass. Quelle: Steidl

Günter Grass: Vonne Unendlichkait

Unke, Schnecke, Rättin, Butt – und die Windhühner nicht zu vergessen. Günter Grass zeigte in seinen Werken und oft auch in den dazugehörenden Buchtiteln sein Faible für Tiere und Tiervergleiche. Doch der Wurm blieb außen vor. Dabei war Günter Grass ein solcher Wurm, genauer gesagt ein Bücherwurm – nicht nur in dem Sinne, dass er viel las und schrieb. Sondern er kroch auch in seine Bücher, um sie mitzugestalten und dem Inhalt Form zu geben – sicherlich nicht nur, um den „Vielfraß, die Zeit, zu verzehren“, wie es in dem oben zitierten Gedicht von 1997 heißt.

Grass war nicht nur Komponist seiner Geschichten, sondern auch Architekt seiner Bücher: Die Cover seiner Romane bestanden immer aus seinen eigenen Illustrationen, und er hatte feste Vorstellungen vom Erscheinungsbild seiner Werke, etwa in welcher Schriftart Figuren wie Tulla Pokriefke oder Fonty dem Leser und der Leserin begegnen sollen. Doch was er da im Kopf hatte, musste natürlich noch raus in die Welt, das Buch sollte noch so werden, wie er sich das dachte. Und da konnte Grass auf seinen kongenialen Partner zählen: seinen Verleger Gerhard Steidl.

Nun, fünf Jahre nach Grass‘ Tod, erscheint von und bei Steidl die Neue Göttinger Ausgabe mit allen epischen, lyrischen und dramatischen Werken, mit Gesprächen, Essays und Reden des Nobelpreisträgers von 1999. „Es ist die Ausgabe letzter Hand“, betont Gerhard Steidl am Telefon. Aber warum braucht es noch eine Werkausgabe, wenn doch mehr oder weniger alle Bände aus Grass‘ Schaffen erhältlich sind?

Zum einen galten die bisherigen Ausgaben in der Literaturwissenschaft als nicht mehr ausreichend. Und es sind auch Fehler beseitigt worden. „Es ist so“, erklärt Steidl. „Seine Leserinnen und Leser, seine Übersetzerinnen und Übersetzer haben Günter Grass Korrekturen durchgegeben – etwa wenn eine Straße oder eine Himmelsrichtung in Danzig nicht stimmen konnte. Grass hat zu allen Büchern noch Korrekturen gesammelt und unser Lektorat ebenfalls. Bei einer solchen Werkausgabe letzter Hand soll alles für die Ewigkeit stimmen.“ Aber wichtig sei, dass Grass nichts mehr umgedichtet, sondern wenn überhaupt nur kleine Korrekturen vorgenommen habe.

Günter Grass war an der Gestaltung noch selbst beteiligt

An der 24-bändigen Neuen Göttinger Ausgabe war Grass noch selbst beteiligt. Die Farbe des Umschlags (rot), die Schriftart (Baskerville statt in den Büchern zuvor Garamond) und weitere Feinheiten haben Steidl und Grass noch gemeinsam ausgetüftelt. „All das mündet inhaltlich in eine perfekte Ausgabe, die jetzt nicht mehr korrigiert werden muss“, sagt Steidl. „Sie kommt besser und moderner daher. Die Ausgabe ist schöner gestaltet, die Drucktechnik ist besser, es ist ein feineres Papier, ein schönerer Einband und mit der Holzkiste eine schönere Verpackung.“ Steidl schwärmt von einem haptischen Erlebnis. Und wer die Bücher in der Hand hält, kann ihm nur beipflichten.

Doch ist es wirklich die Ausgabe letzter Hand? Schließlich taucht gerade bei Schriftstellern mit einer langen Schaffenszeit wie Günter Grass immer mal wieder ein Gedicht auf, das hinter einem Buchrücken steckte oder ein Romanmanuskript, das auf dem Dachboden verstaubte. Bei Grass sei das „so gut wie ausgeschlossen“, betont Steidl – auch wenn sein lebensbilanzierendes Buch „Vonne Endlichkait“ postum erschienen ist. „Er hat schon relativ früh, im Alter von etwa 60 Jahren, angefangen, ‚sein Haus zu bestellen‘, wie er es mir gegenüber immer genannt hat.“ Grass habe zu diesem Zeitpunkt angekündigt: „Ich fange jetzt an, alles durchzugehen, und was ich nicht veröffentlicht haben will, das soll auch nicht in meinem Nachlass bleiben, das wird zerrissen und kommt ins Altpapier.“

Das, was Grass hingegen publiziert sehen wollte, ist er noch zu Lebzeiten angegangen. „Er hat mir gesagt: ‚Das, was ich als Buch auch nach meinem Tod haben will, das machen wir jetzt gleich, damit da nicht später jemand reinredet und das anders interpretiert‘“, sagt Steidl, der am Sonntag 70 Jahre alt wird. Grass habe in den letzten zehn, zwölf Jahren seines Lebens ein mächtiges Tempo vorgelegt. „Oft haben wir zwei oder sogar drei Bücher im Jahr realisiert.“ Das Einzige, was nicht veröffentlicht und was auch definitiv nicht von ihm freigegeben sei, sind seine privaten Tagebücher. „Die sind gut unter Verschluss“, sagt der Verleger, der rund 30 Jahre mit Grass zusammengearbeitet hat.

Was nun zum vollkommenen Glück eines jeden Grass-Lesers noch fehlt, sind entsprechende Kommentarbände. Diese seien parallel zur Werkausgabe nicht auch noch zu stemmen gewesen, betont Steidl. Aber eine mehrbändige Kommentarausgabe ist für das kommende Jahr angekündigt. Sie soll in türkisfarbenem Leinen erscheinen – „schön leuchtend“, sagt Steidl. Gemeinsam mit der Werkausgabe wird sie dann im Bücherregal nicht zu übersehen sein.

Günter Grass: „Werke. Neue ­Göttinger Ausgabe in 24 Bänden“, ­herausgegeben von Dieter Stolz und Werner Frizen. Steidl. 10 952 Seiten, 480 Euro.

 

Von Kristian Teetz/RND