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Reden über Sex: „Ein einziger Krampf“

Ihre Diagnose fällt erschütternd aus. „Aller Aufklärung seit dem 18. Jahrhundert und allen sexual­pädagogischen Bemühungen zum Trotz scheint doch Sex im 21. Jahrhundert vor allem eines zu sein: ein Pro­blem“, meint Bettina Stangneth.

Trotz der sogenannten sexuellen Revolution, bei der Oswalt Kolle ebenso wie die Studenten­bewegung gegen die rigide Moral der Fünfzigerjahre aufbegehrten und nachhaltig dafür sorgten, dass Sexualität nicht länger tabuisiert wurde? Trotz aktueller Debatten über LGBTI-Lebensweisen, über lesbische, schwule, bisexuelle, intersexuelle und Transgender-Lebensweisen? Trotz der Dauerpräsenz dieses Themas in den Medien? Nahezu exhibitionistisch sprechen da viele über sexuelle Abenteuer.

Sex als Thema für die Philosophie

Die in Hamburg lebende freie Philosophin und Autorin findet, das Reden darüber sei nach wie vor „ein einziger Krampf“. Wir könnten nur über Sex sprechen, wenn wir Missstände thematisierten – Vergewaltigung, Missbrauch, Menschenhandel, #MeToo-Diskussionen, Pornosucht … Ein positives Sprechen über Sex hingegen sei den meisten kaum möglich. Das sollte sich ändern, meint Stangneth. In ihrem vor wenigen Tagen veröffentlichten Buch „Sexkultur“ stellt sie ganz grundsätzliche Überlegungen an, was Sex ist, was er für das Erleben und das Körperempfinden jedes und jeder Einzelnen bedeutetet. Warum pflegen wir eigentlich keine Sexkultur, fragt die Autorin. Kultur sei schließlich das, was Menschen lernen und darum auch lehren könnten, schreibt sie an anderer Stelle des Buches.

Sex und Philosophie? Muss sich in einer Gesellschaft, die viele Menschen als übersexualisiert empfinden, auch noch diese Geistes­wissenschaft damit beschäftigen? Stangneth sieht es gerade andersherum: Die Philosophie als Disziplin, die nach den Grundfragen des Menschseins fragt, solle sich vor dem Thema nicht verschließen. Eine moderne Sexkultur müsse sich schließlich nicht in Hashtags, Sexshops, dem Erotikbestseller „Fifty Shades of Grey“ und der Datingplattform Tinder erschöpfen, so Stangneth.

Zumal die Zufriedenheit der Deutschen mit ihrem Sexleben zu wünschen übrig lässt. Laut einer Erhebung des Statistikportals Statista gaben vor drei Jahren 16 Prozent der Befragten an, zufrieden damit zu sein. 49 Prozent bezeichneten sich als eher unzufrieden, 25 Prozent als weniger zufrieden, und 10 Prozent sind überhaupt nicht zufrieden. Selbst wenn man mit einer gewissen Skepsis auf solche Befragungen blickt: Der Markt an Produkten, die versprechen, das Liebesleben zu verbessern, ist gewaltig – und wohl auch die Nachfrage. Das reicht von ungezählten – mal mehr, mal weniger seriösen – Ratgebern über Angebote von Sextherapeuten bis zu Sexworkshops.

Außerdem zeigen gerade die zahlreichen literarischen Veröffentlichungen meist junger Autorinnen, die sich in den vergangenen Jahren mit Sex und dem weiblichen Körper beschäftigt haben, dass das Bedürfnis, sich zu äußern und womöglich auch zu vergewissern, groß ist. Theresa Lachners „Lustprinzip“, Doris Anselms „Hautfreundin. Eine sexuelle Biografie“ oder in diesem Frühjahr Katja Lewinas „Sie hat Bock“ erzählen von Frauen und ihrem Liebesleben. Aber natürlich schreiben auch Männer über Sex. Vor Kurzem erst ist die Graphic Novel „XES“ eines Berliner Zeichners, der unter dem Pseudonym Florian Winter arbeitet, über seine Sexsucht erschienen.

„Sexkultur“ ist eine Reflexion, kein Ratgeber

Die 1966 geborene Bettina Stangneth geht es in ihrem Buch jedoch, ihrer Profession entsprechend, grundsätzlicher und allgemeiner an und macht sich erst einmal daran, Begriffe zu klären. Denn „Sexkultur“ ist eine Reflexion, kein Ratgeber. Als natürlichste Sache der Welt wird Sex oft bezeichnet. Doch was ist und meint Natur überhaupt, fragt die Philosophin. Sie hält es für eine Vereinfachung, Natur und Kultur als Gegensatz zu denken. Denn: „Was wir meinen, wenn wir Sex ‚natürlich‘ nennen, hängt wesentlich davon ab, wie wir uns dem zugewandt haben, dessen Natürlichkeit wir so gern behaupten.“

Akribische Recherche und eindringliches Hinterfragen waren schon bezeichnend für Stangneths erste große Veröffentlichung, „Eichmann vor Jerusalem“. Für das international weithin beachtete Buch über den Nationalsozialisten, der in seiner Dienststelle maßgeblich die Ermordung der europäischen Juden organisierte, erhielt sie im Jahr 2011 den NDR-Kultur-Sachbuchpreis. In den Jahren darauf veröffentlichte sie Essays über „Böses Denken“, „Lügen lesen“ und „Hässliches Sehen“.

Im vergangenen Jahr gab sie die Schrift „Versuch über den Schwindel“ des Arztes und Philosophen Marcus Herz heraus, ein Lieblingsschüler Immanuel Kants. Über Kant hat Stangneth promoviert, und sie sieht sich, so ist ihre Neuerscheinung zu verstehen, in der Tradition der Aufklärung und möchte ihre Leser zum Selberdenken ermutigen – eben auch über Sex. Denn: „Mein Sex ist das, was ich bin. Denn ich bin weder ein Körper, der gegen einen hybriden Geist sein natürliches Recht einfordert, noch ein geklärtes Denken, das einen Körper nur noch aus einer überwundenen Stufe der Evolution mitschleppt.“

Unverkrampftheit als Wagnis

Stangneth meint, dass wir Neugier auf Vielfalt, also auf die gerade vielfach diskutierte Diversität in Fragen von Geschlecht und Sexualität lernen sollten – trotz aller Angst vor Uneindeutigkeit. Und sie plädiert dafür, einen Raum zu schaffen, in dem sich jeder traue, mit dem Erzählen von seiner Lust zunächst auch einmal zu scheitern. Wie dieser Raum konkret aussehen könnte, sagt sie allerdings nicht.

Sie wolle keine „Streitschrift“ vorlegen, schreibt die Philosophin und erklärt: „Wenn dieses Buch aber nur dazu verhilft, dass man sich beim Sprechen über Sex nicht mehr so fühlt wie mit fünfzehn und ohne erledigte Hausaufgaben, wär’s auch schon nicht schlecht.“

Es hätte dem Leser beim Nachdenken durchaus geholfen, wenn sie einige konkrete Bespiele gegeben hätte, wie ein freieres Reden aussehen könnte. Doch ihr herausforderndes Buch ermuntert dazu, ein persönliches und unverkrampftes Sprechen zu wagen.

Von Martina Sulner/RND