Stilisierung als Widerständler: Ein Teilnehmer einer Demonstration gegen die Corona-Einschränkungen der Bundesregierung trägt vor dem Brandenburger Tor in Berlin eine Mund-Nasen-Bedeckung mit der Aufschrift „Diktatur“. Quelle: Michael Kappeler/dpa

Die Wellnesswiderständler: Warum Sophie-Scholl-Vergleiche gefährlich sind

Der Mann ist zornig, seine Worte klingen kämpferisch: „Wir haben lange zugesehen, wir sehen nicht mehr zu!”, ruft er in die Menge. „Wir alle fühlen es, dass es so nicht weitergehen kann!” Ob jemals ein Volk „so erbärmlich regiert worden ist”, fragt er. Und ruft dazu auf, sich zu wehren gegen diese „schuldige” Regierung, die all jene für „unreif” erkläre und „verfolgt und unterdrückt”, die „Stellung nehmen”. Und dann verspricht er seinen Zuhörern: „Das Regiment des Terrors wird gebrochen werden.”

Der Mann, der da auftritt wie ein Widerstandskämpfer, wie ein Verbündeter eines unterdrückten, leidenden Volkes im Kampf gegen eine Regierung, die mit ihrer Politik „Krisen” und einen „unmöglichen Zustand” herbeigeführt habe, ist Adolf Hitler. Es sind Auszüge aus einer Rede am 20. Juli 1932 in der Nordostseehalle in Kiel. Ziel seiner Angriffe ist die Regierung der Weimarer Republik.

Kritik und Protest sind Elemente einer lebendigen Demokratie

Selbst Hitler also, Inbegriff des Bösen und verantwortlich für den Tod von Millionen Menschen und die Aussetzung der Menschlichkeit in der Hölle auf Erden, verstand sich bis zur Ergreifung der Macht ein knappes Jahr später als Widerständler, als leidendes Opfer eines Regimes, das die wahren Interessen des Volkes verraten habe und dem die Macht nun dringend entzogen werden müsse.

Nun befleißigt sich selbstverständlich nicht jeder, der Kritik an der herrschenden Regierung äußert oder „Merkel muss weg” ruft, automatisch der Methoden eines späteren Diktators. Kritik, Opposition, auch Widerstand und Protest sind nicht nur zulässige Elemente einer lebendigen Demokratie, sondern sogar dringend notwendig, um ein Gleichgewicht der Kräfte zu erzeugen. Dennoch taugt das Beispiel, um die Mechanismen einer seltsamen politischen Schubumkehr zu verdeutlichen: Aus dem Kontext gerissen und in einen falschen Zusammenhang gestellt, kann selbst ein Massenmörder wie ein Menschenfreund klingen.

Radikalisierung der Sprache und Symbolik

Das Prinzip, nach dem Hitler bei seinen Wahlkampfreden verfuhr, gehört zu den Blaupausen für ein bekanntes Muster in rechtspopulistischen Kreisen: Geriere dich als Märtyrer, als Prophet der unterdrückten Wahrheit, schlage dich auf die Seite einer vermeintlich schweigenden Mehrheit, provoziere mit Extrempositionen – und ziehe dich nur dann beschwichtigend zurück, wenn es dir politisch nützt.

Hitler? Ist das nicht die ganz große Keule? Es sind nicht wenige Corona-Skeptiker selbst, die sich derzeit in Bezug zum Dritten Reich setzen. Sie sind es, die Parallelen ziehen zum düstersten Kapitel der deutschen Geschichte, indem sie der Bundesregierung „Nazi-Methoden” unterstellen, wahlweise eine „Meinungs-” beziehungsweise „Corona-Diktatur” beklagen und damit die politisch Verantwortlichen dieses Landes in einem absurd überzogenen Ausmaß dämonisieren. Mehr noch: Sie betreiben eine Radikalisierung der Sprache und der Symbolik, die das Ausmaß des Erträglichen weit überschritten hat. Es ist eine bizarre Umkehr der Verhältnisse: Demonstranten stilisieren sich zu Opfern und Widerständlern, bloß weil eine Mehrheit im Land ihre Ansichten nicht teilt.

„Jana aus Kassel” wirbt indirekt für Geschichtsunterricht

Zuletzt hatte sich die 22-jährige „Jana aus Kassel” bei einem verstörenden Auftritt auf einer „Querdenker”-Demonstration in Hannover mit Sophie Scholl verglichen, der Widerstandskämpferin der Weißen Rose im Dritten Reich. „Ich fühle mich wie Sophie Scholl, da ich seit Monaten hier aktiv im Widerstand bin, Reden halte, auf Demos gehe, Flyer verteile und auch seit gestern Versammlungen anmelde”, sagte sie. Bis ein als Ordner gekennzeichneter junger Mann ihren Redebeitrag unterbrach und ihr mit den Worten „Für so einen Schwachsinn mache ich doch keinen Ordner mehr” sein zerknülltes Leibchen reichte. „Jana aus Kassel” warf Redemanuskript und Mikrofon hin, stampfte wütend auf und ging schluchzend ab. Offensichtlich hatte sie sich ihr Leben als Widerständlerin leichter vorgestellt.

Ob der Mann nun selbst ein plötzlich geläuterter „Querdenker” war oder – was derzeit wahrscheinlicher scheint – ein linker Aktivist, der spontan seine Chance witterte, ist im Kern unerheblich. Denn was offensichtlich bleibt, ist die dramatische Geschichtsvergessenheit von „Jana aus Kassel”. Die junge Frau habe, schrieb die Autorin und frühere Piraten-Politikerin Katharina Nocun bei Twitter, „ohne es zu wollen der Bedeutung von Geschichtsunterricht ein monumentales Denkmal gesetzt”.

Vergleiche außerhalb jeder Verhältnismäßigkeit

Sophie Scholl. Was für eine Hybris. Ein solcher Vergleich ist nicht nur eine maßlose Überhöhung der eigenen Bedeutung. Es ist vor allem ein Schlag ins Gesicht all jener, die in einer gleichgeschalteten Diktatur tatsächlich ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, um einem Menschheitsverbrecher etwas entgegenzusetzen.

Es herrscht derzeit kein Mangel an geschichtsklitternden Vergleichen außerhalb jeder Verhältnismäßigkeit. Erst vor wenigen Tagen hatte sich ein elfjähriges Mädchen auf einer ähnlichen Veranstaltung mit Anne Frank verglichen, weil es seinen Geburtstag mit Freunden heimlich, still und leise habe feiern müssen („Wir mussten die ganze Zeit leise sein”). Kurzer Realitätscheck: Bei Verstößen gegen die Corona-Auflagen droht ein Bußgeld. Anne Frank wurde 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen ermordet.

Gelbe Sterne am Rucksack

Auf der Demonstration gegen das neue Infektionsschutzgesetz vergangene Woche in Berlin zogen Redner Parallelen zum „Ermächtigungsgesetz” der Nazis, das 1933 praktisch die Grundlage zur Aufhebung der Gewaltenteilung bildete. Manche „Corona-Skeptiker” trugen dabei gestreifte KZ-Hemden und hefteten sich gelbe Sterne („ungeimpft”) an den Ärmel oder Rucksack und etikettierten sich damit als verfolgte Minderheit wie Juden im Dritten Reich.

Gelbe Sterne? Ermächtigungsgesetz? Anne Frank? Sophie Scholl? In was für einem Paralleluniversum muss man sich aufhalten, um ernsthaft derlei Vergleiche für das eigene Tun heranzuziehen?

Tatsächlich haben sich auch Teile der AfD schon früher auf Sophie Scholl berufen. In deren berühmtem Satz aus dem ersten Flugblatt der Weißen Rose, wonach nichts eines Kulturvolkes unwürdiger sei, „als sich ohne Widerstand von einer verantwortungslosen und dunklen Trieben ergebenen Herrscherclique ‚regieren’ zu lassen”, sah man Parallelen zum eigenen Wirken.

„Sophie Scholl würde AfD wählen” stand auf einem Plakat des AfD-Kreisverbandes Nürnberg-Süd/Schwabach, von dem sich die übergeordneten Parteiorgane freilich distanzierten. Nach dem vertrauten Motto: Provokation, fröhliches Feixen und Händereiben, halbherzige Entschuldigung. Es kann gar nicht genug dröhnen, wenn es um historische Vergleiche geht. Der Philosoph Theodor W. Adorno sprach einmal von einer „präfabrizierten Ergriffenheit”, von Worten, die „klingen, als ob sie Höheres sagten, als was sie bedeuten”.

Erinnerungen an den „Vogelschiss”

Lohnt die Aufregung um die Entgleisung einer 22-Jährigen, die offensichtlich für ein bisschen wohlfeilen Applaus über die Bühnen der „Querdenker” tingelt? Ist das nicht bloß ein Ausrutscher einer unbedarften Hobbyagitatorin, die sich verplappert hat und über die sich nun Zorn und Häme der halben Republik ergießt? Verdient sie als unbedarfte Hobbymärtyrerin gar Mitleid?

Tatsache ist, dass die Opferstilisierung in jenen „Querdenker”-Kreisen, die auch Nazis in ihrer Mitte dulden, Methode hat – genau wie die vorsätzliche Geschichtsvergessenheit der AfD, die bereits sichtbar wurde, als Alexander Gauland 2018 das Dritte Reich als „Vogelschiss” der deutschen Geschichte mit den Mitteln der Mathematik mal eben zum historischen Betriebsunfall herabzustufen versuchte. Zwar bezeichnet er die NS-Zeit auch als „zwölf verdammte Jahre”.

Gaulands Zitat in Kontext zu setzen, half aber nicht viel weiter. Die relative Kürze dieser Zeitspanne gemessen am 1000-jährigen Deutschtum an sich stuft er als bedeutender ein als die Qualität der in dieser Zeit begangenen Menschheitsverbrechen. Es blieb der Eindruck, dass hier ein Geschichtsrevisionist versuchte, das deutsche Bekenntnis zur historischen Verantwortung zum Kniefall vor der politischen Korrektheit umzudeuten, weil es aus seiner Sicht den Blick auf das goldene Erbe des deutschen Kulturschaffens verstellt.

Humanistische Bildung ist durch nichts zu ersetzen

Gauland trägt politische Verantwortung, „Jana aus Kassel” nicht. Aber sie erinnert indirekt daran, dass humanistische Bildung und Wissen durch nichts zu ersetzen sind. Denn die unmenschliche Realität von Auschwitz wird nur dann auch in Zukunft als eine Art geistiger Impfstoff gegen die massenhafte seuchenhafte Ausbreitung von Rechtsradikalismus taugen, wenn Lehrer, Eltern und Historiker nicht nachlassen in dem Bemühen, die grausame Wahrheit über jene Zeit und die Beschaffenheit des Ackers, aus dem der Faschismus erwuchs, zu lehren und zu erklären.

Wer die Einschränkungen der Corona-Pandemie mit der Zeit des Nationalsozialismus vergleiche, verhöhne die Opfer des Holocaust, sagte der Historiker Uwe Danker im NDR: „Die Menschen, die ein KZ-Hemd anziehen oder einen Judenstern tragen, setzen sich mit Mordopfern, mit den Leidenden in Konzentrationslagern, in Vernichtungslagern gleich. Und sie marschieren ohne Probleme gleichzeitig zusammen mit Akteuren, die die Reichskriegsflagge tragen”, sagte er. „Die Reichskriegsflagge ist seit über 100 Jahren das Symbol der verfassungsfeindlichen, antidemokratischen äußersten Rechten. Das passt überhaupt nicht zusammen. Wer das macht, will nur total provozieren.” Diese „Truppe von Spinnern, verwirrten Wichtigtuern und Rechtsextremen” werde „von uns allen viel zu sehr beachtet”, sagte Danker.

Niemandem droht in diesem Land Folter wegen seiner Meinung

„Jana aus Kassel” und Sophie Scholl überhaupt in Beziehung zueinander zu setzen, erscheint absurd. Sophie Scholl bezahlte ihren Mut, Flugblätter und Farbparolen gegen die Nazis zu verbreiten, am 22. Februar 1943 im Strafgefängnis München-Stadelheim mit ihrem Bruder Hans Scholl und ihrem Studienkollegen Christoph Probst unter dem Schafott des Scharfrichters mit dem Leben – während die offenen Proteste der „Querdenker” der beste Beweis dafür sind, dass Widerspruch und harte Kritik in der Bundesrepublik Deutschland selbstverständlich möglich sind. Mehr noch: Das Recht von „Jana aus Kassel”, ihre Meinung zu sagen, wird bei ihrem Auftritt sogar von der Polizei geschützt. Niemandem, der hierzulande seine Meinung sagt, droht Gefängnis oder Folter.

Das Einzige, was droht, ist Widerspruch. Kritik und Gegenwind aber sind nicht mit Zensur zu verwechseln. Es gilt der alte Grundsatz: „Wer seinen Kopf aus dem Fenster streckt, muss damit rechnen, dass ein Blumentopf darauf fällt.” Keine Wahrheit ist absolut. Demokratie ist ein Wettstreit der Positionen. Nur weil jemand „unbequem” ist, muss er noch lange nicht Recht haben. Und nur weil man sich in einer Meinungsminderheit wiederfindet, ist das noch lange kein Nachweis von Unterdrückung. Das Gegenteil ist der Fall: Gemessen an ihrem prozentualen Anteil an der Bevölkerung sind die „Querdenker” in den Medien und der öffentlichen Debatte sogar hoffnungslos überrepräsentiert.

Wohlfeiler Wellnesswiderstand

Ihr Protest ist kein aufklärerisches Opfertum – er ist wohlfeiler Wellnesswiderstand, geboren aus faktenvergessenem Egoismus, der verzweifelten Suche nach Erklärmodellen, dem festen Glauben an düstere Allmachtspläne geheimer Machteliten und einer maßlosen Selbstüberschätzung. Es sind vornehmlich Freizeitrebellen, denen ein Stück Stoff vor dem Mund und der Aufruf zur Rücksicht auf Andere vorkommen wie ein Angriff auf ihre persönliche Freiheit.

Sich dabei mit den großen Gewissensvorbildern der Geschichte und den Opfern des Nationalsozialismus zu vergleichen, ist schlicht unanständig. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das gilt auch, wenn diese Menschen, wie Sophie Scholl, seit 77 Jahren tot sind.

Von Imre Grimm/RND