Henning May will bei seiner Musik nicht nur auf bestimmte politische Texte festgelegt werden. Quelle: picture alliance / Daniel Karman

AnnenMayKantereit-Sänger: „Ich kann nur über das schreiben, was ich fühle“

„Ich kann nur über das schreiben, was ich fühle“, sagt der Sänger der Kölner Band AnnenMayKantereit. Im dritten Album der Gruppe steckt dennoch eine eindeutige Botschaft.

Köln. Vier Jahre auf der Überholspur - und dann die Vollbremsung durch ein Virus: Die Kölner Band AnnenMayKantereit hat eine Zeit der Extreme hinter sich und verarbeitet ihre Eindrücke auf dem neuen Album „12“, das Mitte November zunächst nur digital erschien und zehn Tage später (27.11.) auch „physisch“ auf CD/Vinyl in den Handel kommt.

Die dritte Studioplatte des Deutschpop-Trios nach dem Durchbruch mit „Alles nix Konkretes“ (2016) und dem ähnlich erfolgreichen „Schlagschatten“ (2018) enthält 16 Lieder und Sprechgesang-Skizzen voller Gefühl - und auch Frust. „So wie es war, so wird es nie wieder sein“, singt Henning May, dessen tiefe, raue Stimme einen besonderen Reiz des AMK-Sounds ausmacht, im zweiten Stück. Später, im Lied „Gegenwartsbewältigung“, behauptet der 28-Jährige: „Ich glaub‘, Corona ist berühmter als der Mauerfall und Jesus zusammen.“

Besonders das erste Drittel von „12“ ist sehr melancholisch und düster ausgefallen, später hellt sich die Stimmung zumindest zeitweise auf. Das politischste Lied jenseits der Corona-Thematik heißt „Die letzte Ballade“, mit Bezügen zu den rassistischen Morden von Hanau und dem neuen Rechtsextremismus.

„Nicht mehr fünf vor, sondern wirklich zwölf“

Schon im Albumtitel steckt eine politische Botschaft, wie May dem „Mannheimer Morgen“ sagte - eine Anspielung auf die Redewendung „fünf vor zwölf“. Der Sänger weiter: „Es ist nicht mehr fünf vor, sondern wirklich zwölf. In allen Bereichen.“ Etwa wenn es um den Klimawandel gehe oder um die Privilegien weißer Männer. „Es ist ein Album aus dem Lockdown. Ein Album, das unter Schock entstanden ist“, schrieben May, Gitarrist Christopher Annen und Schlagzeuger Severin Kantereit in einem sehr persönlichen Begleittext. „Für uns hat es immer drei Teile gehabt – den düsteren Beginn, das Aufatmen danach und die süß-bittere Wahrheit zum Schluss.“

Deswegen gibt das Trio seinen Hörern eine Art Betriebsanleitung mit: „Wir wünschen uns, dass dieses Album am Stück gehört wird. Die Reihenfolge der Lieder hat für uns Bedeutung, und wer so großzügig ist, sich das Album auch in dieser Reihenfolge anzuhören, hat einen gepolsterten Sitzplatz in der Mehrzweckhalle unserer Herzen.“

Der Sänger will sich bei seiner Musik aber nicht nur auf bestimmte politische Texte festgelegt werden. „Ich möchte nicht, dass Menschen themenbezogene Erwartungen an mich haben“, sagte der 28-Jährige dem „Mannheimer Morgen“ (Donnerstagsausgabe). „Wenn jetzt viel über Politik in meine Texte einfließt - ich kann nur über das schreiben, was ich fühle, und zu dem ich Zugang finde. Alles andere kann man nicht erzwingen.“

„An einem desinfizierten Klavier“

Insgesamt sei das Album „sehr von den Wochen geprägt, in denen es entstanden ist. Per Video-Call. Per Telefon. Per Mail und in Chatverläufen“, erzählte Henning May. „Christopher war im Proberaum, Severin im spontan aufgebauten Homestudio, und ich hatte die Gelegenheit, an einem desinfizierten Klavier zu arbeiten.“ Die Band habe sich „oft für die Momente entschieden. Für die spontanen Handy-Aufnahmen, für die Versprecher, das Räuspern, das Vogelzwitschern oder knarzende Klavierstühle.“

Man merkt manchen der von Piano und Gitarre dominierten Lieder die Verunsicherung an, mit der die 2011 als Straßenmusiker gestartete Songwriter-Pop-Band auf den Corona-Schock reagierte: „Wir hatten die Hamburger Trabrennbahn ausverkauft, waren für Festivals gebucht, wir wollten nach St. Petersburg und Istanbul... Und dann – Zack.“

Nun kam „12“ - nach zwei Top-drei-Alben in Deutschland und Österreich sowie vielen Kritiker-Auszeichnungen seit 2016 - ausgerechnet in einer zweiten Lockdown-Phase heraus. Immerhin: Man hat jetzt viel Zeit zum genauen Zuhören. Und das lohnt sich auch bei dieser AMK-Platte wieder (am 27. November über das Label AnnenMayKantereit & Irrsinn Tonträger im Vertrieb von Vertigo Berlin/Universal auf CD, Vinyl-LP und Deluxe-LP).

RND/dpa