Unterwegs in Hollywood: Gary Oldman, Arliss Howard und Tom Pelphrey im Film „Mank“. Quelle: NETFLIX

Wie „Citizen Kane“ entstand: Der Netflix-Film „Mank“

Bei beinahe jeder Umfrage steht der Film ganz oben: „Citizen Kane“ wird mit schöner Regelmäßigkeit zum besten Kinowerk aller Zeiten gekürt. Der Film des damals blutjungen Orson Welles hat auch einen Bewunderer, der Kunst sonst nicht unbedingt zugetan ist: Donald Trump. Einen „großen Aufstieg“ habe Kane hingelegt und einen „moderaten Niedergang“, so hat er schon vor Jahren seine Wertschätzung für die Titelfigur kundgetan.

Manche haben daraus abgeleitet, dass Trump sich mit dem Zeitungsmogul Charles Foster Kane identifiziere, dessen Schicksal Welles und sein Drehbuchautor Herman J. Mankiewicz 1941 in ihrem Meisterwerk schildern – und dabei den Zeitungsmogul William Randolph Hearst vor Augen hatten. Charles Foster Kane war die Personifizierung eines Aufsteigers, wenn auch nicht die vom Tellerwäscher zum Millionär. Von den Eltern hatte er ein Vermögen geerbt, in New York warf er Moral und Wahrheit über Bord, je größer seine Macht wurde. Der Multimillionär schwadronierte auch schon mal von Wahlfälschung – und gab sich als Volkstribun.

Die Frage, die sich in der Netflix-Produktion „Mank“ stellt, ist folglich: Hat Regisseur David Fincher („Seven“, „The Social Network“) umgekehrt womöglich auch Trump im Blick gehabt? Das Drehbuch hat sein bereits 2003 gestorbener Vater Jack geschrieben, aber Fincher hat es mit Eric Roth („Forrest Gump“, „A Star Is Born“) überarbeitet.

Parallelen treten konturenscharf hervor – erstaunlicherweise sogar nach Fertigstellung des Films. Verschanzt sich der Egomane Trump nicht im Weißen Haus (oder beim Golfen in Mar-a-Lago), so wie Kane es in seinem Märchenanwesen Xanadu tat? Twittert Trump nicht seine Lüge von der gestohlenen Wahl in die Welt? Und träumt nicht auch er von einem Medienimperium?

In „Mank“ sehen wir Drehbuchautor Mankiewicz (Gary Oldman), genannt Mank, der mit gebrochenem Bein ans Bett gefesselt ist und fernab in der Mojave-Wüste sein Drehbuch diktiert, eher bewacht als behütet von Schwester Freda (Monika Gossmann) und Sekretärin Rita (Lily Collins). Sie sollen seine schlechte Laune und seine übermäßige Lust auf Alkohol bändigen.

Eloquenter Zyniker

Wir hören das Klackern der Schreibmaschine, lesen eine Drehbuchanweisung im Moment des Tippens Buchstabe für Buchstabe und kehren zurück in Mankiewicz’ Erinnerungen und in die angekündigte Szene. Einst war Mankiewicz als eloquenter Zyniker gern gesehener Gast am Hofe von Hearst (Charles Dance). Doch so viele Wahrheiten der Drehbuchautor dem versammelten Hollywood auch an den Kopf warf, seine Rolle blieb die eines Hofnarren. Seelenverwandt ist ihm die Geliebte Hearsts, Marion Davies (Amanda Seyfried), die dieser als Star herausbringen will. Auch sie ist eine Außenseiterin.

Die Aktualität des Partygeplänkels verblüfft: Studiochef Louis B. Mayer lässt Fake News produzieren, gefälschte Nachrichten, in denen der demokratische Gouverneurskandidat Upton Sinclair als Kommunist gebrandmarkt wird. Mankiewicz spöttelt: Man müsse eine Lüge nur oft genug wiederholen, bis sie wahr werde.

Orson Welles (Tom Burke) bleibt eine Randfigur, so wie er es wohl auch bei der Entstehung des Drehbuchs war – auch wenn er als alleiniger Urheber genannt werden wollte und erst auf Gewerkschaftsdruck Mankiewicz den Vortritt lassen musste. Hier taucht er am anderen Ende des Telefons auf – in den Blick genommen aus der Untersicht, so wie die Titelfigur in „Citizen Kane“.

Hommage ans Meisterwerk

Überhaupt zitiert Fincher das Meisterwerk mit Lust: Einmal rollt Mankiewicz eine Schnapsflasche aus der Hand wie einst Kane die Schneekugel. Gefilmt hat Fincher in Schwarz-Weiß. Die digitale Kälte der Bilder hebt er auf durch künstliche Kratzer und Rauschen auf der Tonspur. Dazu gibt es Rückprojektion bei Autofahrten und Überblendungen statt klarer Schnitte.

So ist „Mank“ zuerst eine Hommage an „Citizen Kane“. Zugleich aber rechnet Fincher mit einem verlogenen Hollywood ab, in dem die Bosse in der Depression Boni einstreichen und die Angestellten Gehaltsverzicht üben. Als ernsthaften Oscarkandidaten sollte man „Mank“ durchaus verbuchen – auch Oldman, der in „Die dunkelste Stunde“ als Churchill schon einen sein Eigen nennt. Hollywood liebt Geschichten über die eigene Historie – und im Corona-Jahr dürfen auch Filme nominiert werden, die nie im Kino zu sehen waren.

Der Ironiefaktor wäre kaum zu unterschätzen: Welches auf Superhelden fixierte Studio würde einen so persönlichen Schwarz-Weiß-Film finanzieren, der noch dazu eine gewisse Vorkenntnis erfordert? Hollywoodgranden wie der Regieimport Joseph von Sternberg („Der blaue Engel“) oder Drehbuchautor Ben Hecht („Gilda“) tauchen nur kurz auf. Beim Streamingdienst Netflix erhielt Fincher eine Carte blanche – so wie sie Orson Welles hatte. Dabei ist vielleicht kein Meisterwerk herausgekommen, aber ein reicher Film mit bissigen Dialogen, historischem Flair und brisanten Gegenwartsbezügen.

„Mank“, ab 4. Dezember bei Netflix, Regie: David Fincher, mit Gary Oldman, Amanda Seyfried, 131 Minuten, FSK 12

Von Stefan Stosch/RND